Bildungsbericht
OECD sagt schwere Folgen der Schulschließungen voraus

Über kaum ein Thema wurde so intensiv diskutiert wie über die coronabedingten Schul- und Kitaschließungen. Nach OECD-Einschätzung werden diese langfristige Auswirkungen haben. Deutschlands Berufsbildungssystem könnte aber helfen, die Pandemie-Folgen abzumildern.

Dienstag, 08.09.2020, 16:39 Uhr aktualisiert: 08.09.2020, 16:46 Uhr
Die Lernverluste während der Schulschließungen könnten für die Corona-Generation Einkommensverluste von drei Prozent bedeuten. Das erklärte Bildungsdirektor Andreas Schleicher bei der Vorstellung des OECD-Berichts.
Die Lernverluste während der Schulschließungen könnten für die Corona-Generation Einkommensverluste von drei Prozent bedeuten. Das erklärte Bildungsdirektor Andreas Schleicher bei der Vorstellung des OECD-Berichts. Foto: Uwe Anspach

Berlin (dpa) - Deutschland ist mit seinem Bildungssystem international vergleichsweise gut aufgestellt. Dennoch könnten die wochenlangen Schulschließungen für die betroffene Schülergeneration langfristig massive finanzielle Folgen haben. Zu dieser Einschätzung kommen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und ihr Bildungsdirektor Andreas Schleicher.

«CORONA-GENERATION» DROHEN EINKOMMENSVERLUSTE

Schleicher sagte bei der Vorstellung des jährlichen OECD-Berichts «Bildung auf einen Blick» in Berlin: «Die Lernverluste während der Schulschließungen (...) könnten für die Corona-Generation ein Minus von drei Prozent beim Lebenseinkommen bedeuten und sich bis zum Ende des Jahrhunderts auf hunderte Milliarden Euro an Verlusten summieren.» Die Schulen waren dem Bericht zufolge in Deutschland bis Ende Juni «effektiv 17 Wochen lang in der einen oder anderen Form geschlossen». Im Durchschnitt der OECD-Länder waren es 14 Wochen.

In der mehr als 500-seitigen Studie werden die Bildungssysteme der OECD- und anderer Länder miteinander verglichen. Unter anderem wird untersucht, wie viel Geld die Länder für Bildung ausgeben oder wie Schulen und Kitas personell aufgestellt sind.

Die Chefin der Kultusministerkonferenz und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) machte angesichts der Erfahrungen mit Schul- und Kitaschließungen in der Corona-Krise am Dienstag noch einmal deutlich, Schließungen könnten «nur noch ultima ratio (letztes Mittel) sein. Sie müssen offen bleiben». Schule könne nicht durch digitalen Fernunterricht ersetzt werden.

MILLIONENPROGRAMME FÜR LEIH- UND DIENSTLAPTOPS

Wie eine repräsentative Elternumfrage im Auftrag des Technologieunternehmens Citrix ergab, lief nur bei jedem zehnten Schüler in Deutschland der Wechsel zum Online-Unterricht reibungslos. 50 Prozent der befragten Eltern gaben an, die Schulen seien gar nicht vorbereitet gewesen. Deshalb sei der Fernunterricht während der Krise auch nur provisorisch durchgeführt worden. Immerhin 38 Prozent der Eltern meinten, die Schulen ihrer Kinder seien «hinreichend vorbereitet» gewesen, weil beispielsweise bereits einige Systeme für den Fernunterricht im Einsatz gewesen seien.

Mit dreistelligen Millionenprogrammen sollen deshalb nun Lehrer mit Dienstlaptops und bedürftige Schüler mit Leihlaptops ausgestattet werden.

LOB FÜR DEUTSCHE BERUFSAUSBILDUNG

Insgesamt bekommt Deutschland im OECD-Bildungsbericht gute Noten. Hervorgehoben wird die deutsche Berufsausbildung. Das System stelle eine hohe Beschäftigungsfähigkeit sicher und werde eine Schlüsselrolle in der Erholungsphase nach der Corona-Krise spielen, heißt es. 2019 waren demnach 88 Prozent der 25- bis 34-Jährigen mit einem Berufsabschluss in Beschäftigung. Die Beschäftigungsquote war genauso hoch wie bei Gleichaltrigen mit Hochschul-, Fachhochschul- oder anderem sogenannten tertiären Abschluss.

Die eigentliche Stärke in Deutschland sei das Zusammenspiel zwischen schulischem und betrieblichem Lernen, sagte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher am Dienstag. Im Durchschnitt entscheiden sich in Deutschland dem Bericht zufolge 46 Prozent aller Schülerinnen und Schüler der oberen Klassenstufen für einen berufsbildenden Weg.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Achim Dercks, sagte, in der Pandemie habe sich die Berufliche Bildung als wichtiger Stabilitätsanker erwiesen. «Aus Sicht der Wirtschaft kommt es jetzt darauf an, das Erfolgsmodell der Beruflichen Bildung zukunftsfest weiterzuentwickeln.» Dazu gehöre insbesondere eine zeitgemäße Ausstattung der Berufsschulen. Joachim Maiß, Vorsitzender des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung verwies auf einen «eklatanten Lehrermangel» an den Berufsschulen. «Die duale Ausbildung muss weiter in den Fokus gerückt, die Attraktivität herausgehoben werden.»

Auch wenn die deutsche Berufsausbildung immer wieder gelobt wird, rosig sah es auf dem Ausbildungsmarkt aber auch schon vor Corona nicht mehr aus. Das Angebot an Lehrstellen ging zuletzt zurück, gleichzeitig sank auch die Zahl der Bewerber. Rechnerisch blieb so zwar ein Überangebot, doch sinkende Azubizahlen bedeuten auch sinkenden Fachkräftenachwuchs. In der Krise werden Unternehmen nun mit Azubiprämien unterstützt, wenn sie trotz wirtschaftlicher Probleme ihre Lehrstellen nicht abbauen oder sogar aufstocken.

PRO-KOPF-AUSGABEN FÜR BILDUNG ÜBER DURCHSCHNITT

Neben dem Thema Berufsausbildung beleuchtet der OECD-Bericht auch die Bildungsausgaben. In Deutschland liegen diese im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwar unter dem OECD-Schnitt. 2017 gab die Bundesrepublik dem Bericht zufolge 4,2 Prozent des BIP dafür aus (OECD-Schnitt 4,9). Allerdings waren die Pro-Kopf-Ausgaben pro Bildungsteilnehmer höher als in den meisten anderen Ländern: insgesamt jeweils 13.529 Dollar (OECD-Schnitt 11 231 Dollar).

Positive Noten bekommt Deutschland auch für die frühkindliche Bildung: Hierzulande kommen demnach auf jede pädagogische Fachkraft in diesem Bereich fünf Kinder, gegenüber sieben Kindern im Durchschnitt der OECD-Länder. 2018 besuchten in Deutschland 41 Prozent der Einjährigen Einrichtungen wie Krippen oder eine Kindertagespflege. Damit liegt Deutschland deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 34 Prozent. Bei den Zweijährigen waren es sogar 67 Prozent (21 Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt).

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