«Usesamba-Veilchen»
Insider-Sprache stärkt Wir-Gefühl in Familien

«Usesamba-Veilchen», «Huschmich» oder «üsis» - was soll das alles heißen? Viele Familien kennen das: Sie entwickeln Wörter und Redensarten, die nur sie verstehen - echte Insider. In einer berühmten deutschen Familie finden sich viele Beispiele.

Donnerstag, 08.10.2020, 11:28 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 11:32 Uhr
Insider-Begriffe können Gruppenidentität und Nähe schaffen, sagt die Leiterin der Dudenredaktion, Kathrin Kunkel-Razum.
Insider-Begriffe können Gruppenidentität und Nähe schaffen, sagt die Leiterin der Dudenredaktion, Kathrin Kunkel-Razum. Foto: Britta Pedersen

Berlin (dpa) - Die Oma erfand ständig neue Wörter oder benutzte Wörter falsch, aus Unwissenheit. Und so bürgerte sich in einer Familie aus Nordrhein-Westfalen ein, «Usesamba-Veilchen» statt «Usambara-Veilchen» zu sagen.

Oder «Er ist lediglich» statt «Er ist ledig». Viele Familien kennen das: Sie prägen Begriffe und Redensarten, die nur sie verstehen. Außenstehende rätseln dann. Wer ahnt schon, dass ein «Genscher-Baby» ein dickes Kind bezeichnet?

Noch ein paar Beispiele, gesammelt in deutschen Familien: Hunde im Alter heißen wegen ihrer schwächelnden Blase «Pissikowski». Ein «Huschmich» ist ein unheimlicher Einsiedler. «Gehackter Hund» steht für eine Cola-Apfelsaftmischung. «Vertrago mago in Chicago?» sagen zwei Schwestern, wenn sie sich gestritten haben und versöhnen wollen.

Insider-Sprüche in allen Sprachen

«Das funktioniert in allen Sprachen», sagt der Sprachwissenschaftler Lutz Kuntzsch. «Da gibt es viele schöne Sachen.» Bei ihm in der Familie ist es eine Redensart von der sächsischen Großmutter, die zum Insider wurde: «Nee, Kinder, dass wir das noch erleben dürfen.» Von seiner Wiener Partnerin kommt der Ausspruch: «Das habe ich befürchtet.» Der ist allerdings nett gemeint, etwa, wenn die Gäste länger bleiben wollen. Auch Fehler als Redensart kennt er: «Ich hätte es gerne mit pur.»

Die Insidersprache ist ein universales Phänomen. «Es geschieht überall, wo sich Menschen unterhalten.» Es gebe keine Gruppe, in der das nicht passiere. Es trägt zur Identität einer Gruppe bei.

Der Sender BBC sammelte über Facebook etliche Kommentare, was in englischsprachigen Familien kursiert: Im Haus einer Großmutter hieß etwa die Toilette im Erdgeschoss «The Gerald» - weil dort ein gleichnamiger Junge stecken blieb und ewig nicht herauskam. Einen «Rabbit Check» («Kaninchen-Check») macht eine Familie, bevor sie aus einem Hotel abreist - um zu gucken, ob nicht ein Kuscheltier liegen geblieben ist.

Auch in berühmten Familien gibt es Interna und geflügelte Worte. Einen Exkurs zur Familie Thomas Mann kann die Lübecker Autorin Kerstin Klein beisteuern. Vieles ist vor allem durch Briefe überliefert. Berühmt-berüchtigt sind Klein zufolge die vielen Spitznamen: Die Eltern hießen «Mielein» und «Pielein», Klaus Mann wurde «Aißi/Eissi», Elisabeth Mann «Medi», Michael Mann «Bibi» gerufen. Thomas Mann war vor allem für die älteren Kinder der «Zauberer». Die Großeltern Pringsheim hießen die «Urgreise». Und ein Freund der Familie bekam den Spitznamen «Nebel» wegen seiner undeutlichen Ausdrucksweise.

Klein (« Die Briefe der Manns ») kennt viele weitere Interna aus dem Schriftsteller-Haus: Ein konstant verwendetes Familienwort war der Ausdruck «üsis» - zunächst für Puppen und Tiere, dann für alles, was drollig und ungelenk wirkte. «Vogerl» waren aus NS-Deutschland geflüchtete Emigranten (wie die Manns selbst). Mit «das Kleinbürgerliche» wurde Klaus Manns Drogenkonsum umschrieben. Die Freude an der Sprache spiegelt sich auch in spontanen Schöpfungen wie «trubulös» oder der Verdrehung von Sprichwörtern: «Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg».

Insider haben emotionale Komponente

Auch die «Duden»-Redaktion wird beim Thema familieninterne Sprache hellhörig. Dort weiß man, wie sehr sich die Menschen für Sprache begeistern können. Ein «sehr nettes Thema» sei das, sagt Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum. «Merkwürdigerweise sind wir noch nicht darauf gekommen.» Ihrer Meinung nach haben die Insider-Begriffe auf jeden Fall mit der Gruppenidentität zutun, es grenzt nach außen ab und schafft zugleich Nähe. «Es hat natürlich eine ganz stark emotionale Komponente.»

Sie verweist auf «verhüllende Schimpfwörter», die in Familien sprachlich flauschig verpackt werden. Aus ihrer eigenen Familie kennt sie den «Schmopfi», mit der fürs Deutschen typischen Endung «-i» - das klingt netter als der damit gemeinte Dummkopf. Von ihrem Ehemann kennt sie die «Lügtüte» - was sich ebenfalls freundlicher anhört als der damit gemeinte Lügner. Auch Kinder prägen Begriffe, die sich jahrzehntelang halten, wie Kunkel-Razum erklärt. Bei ihrem Sohn war es der «Lalalu» für den Schlafanzug oder das «Lulau» für das Flugzeug. «Solche Sachen halten sich lange und werden mit gewisser Ironie auch noch dem 25-Jährigen untergejubelt.»

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