Gesundheit
Interview mit Julius Knoche

Ein Gespräch mit Julius Knoche, Geschäftsführer der NOVENTIcare GmbH, über den Status Quo der deutschen Pflegelandschaft, die Digitalisierung dieses Bereichs und ein Blick in die Zukunft.

Donnerstag, 23.07.2020, 09:57 Uhr aktualisiert: 23.07.2020, 10:08 Uhr
Gesundheit: Interview mit Julius Knoche
Foto: Julius Knoche / NOVENTIcare GmbH

Ein kürzlich erschienenes Paper der Hochschule Rhein-Waal zeigt, dass 46% der Befragten Pflegekräfte die These “Digitalisierung erleichtert administratives Arbeiten” als nichtzutreffend betrachten. Wie ordnen Sie diese Aussage ein?

Die deutsche Pflegelandschaft ist von Föderalismus und individuellen Regelungen zwischen Verbänden, Leistungserbringern und Leistungsträgern geprägt. Auf diesem Flickenteppich aus Teillösungen gestaltet sich die Einführung neuer digitaler Prozesse zäh und die gewünschte Entlastung lässt auf sich warten. Der Dokumentationsaufwand pro Patient ist schon immer enorm hoch gewesen – konnte jedoch durch den Einsatz digitaler Lösungen und Entbürokratisierungsprozesse gesenkt werden. Dem gegenüber steigt jedoch der Patientenanspruch und aufgrund des demografischen Wandels und Personalnotstand auch der Pflegeschlüssel – was schlussendlich die Höhe der Dokumentation je Mitarbeiter nach oben treibt. Dass dies zu Frustration bei den ohnehin stark belasteten Pflegekräften führt, ist nicht nur verständlich, sondern auch berechtigt.

 Welche Rolle kann die Digitalisierung in der Gestaltung diesen Marktes einnehmen?
Wo muss Digitalisierung eventuell auch kritisch eingeordnet werden?

Wenn es bundesweit einheitliche Schnittstellen und klare Regeln für eine papierlose Abrechnung und Dokumentation gäbe, könnten wir als Hersteller von Pflegesoftware auch die vor- und nachgelagerten Prozesse konsequent digitalisieren. Hier tun sich Möglichkeiten auf, wieder mehr Zeit für das zu haben, weswegen Pflegekräfte den Beruf ursprünglich gewählt haben – Menschen zu pflegen und zu helfen.

Nehmen wir beispielsweise die Leistungskontrolle seitens der Kassen: Diese könnte über eine software-gestützte Plausibilisierung aus den gesammelten Einsatzdaten voll digital und gleichzeitig manipulationssicherer geleistet werden als mit der bisher notwendigen physischen Unterschrift des Patienten.

Eine zentrale Frage, die heiß diskutiert wird, ist die nach dem Datenschutz. Denn auf der einen Seite wird die individuelle Versorgungsqualität für den Patienten von der zukünftigen Verfügbarkeit seiner Daten abhängen. Auf der anderen Seite steht der Wunsch nach Sicherheit und Datenhoheit. Diese Spannungslage gilt es aufzulösen.

Wie wird sich der Pflegemarkt in den nächsten 5 Jahren verändern?

Zum einen kann man wohl von einer weiteren Konsolidierung ambulanter und stationärer Leistungserbringer ausgehen.

Zum anderen erweisen sich die bisherigen Konzepte zum Umgang mit dem Fachkräftemangel als weitgehend fruchtlos. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, wenn es um Wahrnehmung, Ausbildung, Vergütung und Arbeitsbedingungen von Pflegekräften geht.

Welche Erfahrungen machen und haben Sie gerade in der Corona-Krise mit Ihren Partnern gemacht? Wie ist die Stimmung im Markt?

Es zeigt sich, dass gerade die Digitalisierung im Pandemiefall ein wichtiger Bestandteil zur Risikominimierung sein kann. So kann etwa die Telemedizin, also Patientengespräche per Videochat und dergleichen, das Ansteckungspotential im System verringern und dazu beitragen, lokale Lastspitzen im Gesundheitssystem zu kompensieren.

Dies führt zu einem Innovationsschub, der auch bei uns und den Partnern zu einer Beschleunigung des Themas Digitalisierung führt.

Wie ist Ihrer Meinung nach Deutschland, in Bezug auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens, allgemein aufgestellt?

Mit dem Digitalen Versorgungsgesetz hat die Bundesregierung einen ersten richtigen Schritt getan, um die Digitalisierung künftig praxisnah voranzutreiben. Der Handlungsdruck aus der Pandemie hat gezeigt zu wie viel Geschwindigkeit und enger Kooperation der Markt fähig ist.

Ich rechne in den nächsten 1-3 Jahren mit anhaltendem Tempo bei der Digitalisierung der Pflege. Derartige Wellen kennen wir auch aus anderen Branchen. Diese waren aber leider oft von sehr heterogenen Interessenslagen und Lösungsansätzen geprägt. Wir sehen es daher als eine unserer Kernaufgaben, unseren Kunden Fehlinvestitionen zu ersparen und Orientierung bei der Digitalisierung zu geben.

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