Gesundheit
Crystal Meth: Von Sucht-Anzeichen bis Entzug

Bayreuth (dpa/tmn) - Es ist der bisher größte Crystal-Fund in Deutschland: Fast 20 Kilogramm der gefährlichen Synthetikdroge wurden am Münchner Flughafen beschlagnahmt. Psychiater Roland Härtel-Petri behandelt Abhängige und gibt Angehörigen wichtige Ratschläge.

Dienstag, 14.05.2013, 13:19 Uhr

Roland Härtel-Petri hat seit mehr als 15 Jahren Erfahrung mit Menschen, die von Crystal Meth abhängig geworden sind. Der Psychiater und Psychotherapeut hat nach eigenen Angaben mehr als 800 von ihnen behandelt. Dabei hat er auch immer die Angehörigen der Patienten im Blick.

Was schildern die Angehörigen über das Verhalten der Patienten?

Härtel-Petri: «Ein Alarmzeichen für viele Angehörige ist, wenn ein Mensch die Nächte durchmacht und am nächsten Tag immer noch wach und fit ist. Wenn Menschen direkt unter dem Einfluss von Crystal Meth stehen, haben sie auffällig große Pupillen, wirken oft selbstbewusst und sind schlaflos und unruhig. Womöglich suchen sie sich eine Beschäftigung, die von außen betrachtet sinnlos erscheint, beispielsweise Dinge zu sortieren. Doch sobald die Wirkung nachlässt, sind die Konsumenten antriebsarm und kommen kaum aus dem Bett. Außerdem können die Crystal-Meth-Nutzer dann gereizt sein, bei häufigem Gebrauch können sie teils auch gewalttätig, gefühlskalt und unberechenbar werden. Unter diesen Persönlichkeitsänderungen leiden dann die Lebenspartner und Kinder.»

Gibt es körperliche Anzeichen von Überdosierungen oder medizinische Notfälle, wie beispielsweise bei Heroin ?

Härtel-Petri: «Lebensbedrohliche Situationen kommen vor. Bei hohen Dosierungen kann es zu Herzrhythmusstörungen und einer Erhöhung der Körpertemperatur kommen, zu einem Nierenversagen oder zu Hirnblutungen. Menschen, die regelmäßig und viel Crystal Meth nehmen, können auch eine Paranoia, Wahnvorstellungen und Psychosen entwickeln, dann besteht die Gefahr von Gewalt gegen sich selbst und andere.»

Wie können die Angehörigen auf den Crystal-Meth-Nutzer zugehen?

Härtel-Petri: «Viele der heutigen Konsumenten stehen mitten im Leben, haben Berufe, Familien, es sind darunter auch Mütter, die besonders hohe Ansprüche an sich stellen. Die meisten wollen mehr Spaß haben und mehr arbeiten können, sie nehmen die Droge im privaten Umfeld am Wochenende. Doch irgendwann geht die Rechnung nicht mehr auf, sie fühlen sich schlecht und brauchen immer mehr von Crystal Meth, auch während der Woche. Wenn die Familie dann leidet, sollten die Angehörigen sagen: "Du bist doch eigentlich ein guter Vater oder eine gute Mutter, und jetzt behandelst Du uns so schlecht." Das kann bei den Konsumenten ankommen, viele haben ja doch ein Problembewusstsein.»

Wie sieht eine Entwöhnung oder ein Entzug aus?

Härtel-Petri: «Wenn Menschen wenig und gelegentlich Crystal Meth konsumieren, dann kann man die Entgiftung unter Umständen ambulant durchführen, mit Hilfe einer Suchtberatung oder auch des Hausarztes. Die Patienten sind zwei bis drei Wochen sehr antriebsarm und gereizt, Angehörige müssen dann viel Geduld haben und sollten den Patienten aus Konfliktsituationen heraushalten. Danach ist eine Betreuung durch Suchtberater wichtig. Denn das Entscheidende ist ja: Schaffen es die Patienten, nicht wieder anzufangen? Starke User, die täglich ein Gramm nehmen und das über Jahre, brauchen allerdings mehrere Monate in der Klinik, mit Rehabilitationsmaßnahmen teils auch länger. Langfristig kann Crystal Meth Nerven im Gehirn zerstören, und es dauert, bis sich kognitive Fähigkeiten wieder erholt haben, wenn das überhaupt möglich ist. Es fällt diesen Patienten auch lange sehr schwer, sich für irgendetwas zu motivieren, denn Crystal Meth geht direkt auf das sogenannte Belohnungssystem im Gehirn und schädigt es.»

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