Expertin für Glasaugen
Einer Ocularistin über die Schulter geschaut

Sie hat einen der seltensten Berufe überhaupt: Barbara Zimmermann fertigt in München Augen aus Glas - für Menschen, die oft mehr verloren haben als einen Teil des Gesichts.

Freitag, 01.02.2019, 17:45 Uhr aktualisiert: 01.02.2019, 17:52 Uhr
Barbara Zimmermann, Ocularistin am Institut für künstliche Augen, formt aus Glas ein künstliches Auge.
Barbara Zimmermann, Ocularistin am Institut für künstliche Augen, formt aus Glas ein künstliches Auge. Foto: Sven Hoppe

München (dpa) - Es begann mit einem Punkt in Stefan ZimmerhanslsAuge. Braun war er, so groß wie ein Stecknadelkopf. Zimmerhansl ließsich untersuchen. Die Diagnose: Krebs. Ein Drittel des Auges mussteentfernt werden.

Doch der Tumor kam zurück und Zimmerhansl verlorauch den Rest des Auges. Elf Jahre später sitzt der kleine, stämmigeMann in einem hellen Raum im Norden Münchens und sieht glücklich aus.Seine Augen strahlen. Wer ihn nicht kennt, bemerkt kaum, dass er einGlasauge trägt. «Ich habe mich ziemlich schnell damit abgefunden»,sagt Zimmerhansl.

Individuelle Herstellung in Handarbeit

Einmal im Jahr kommt er in die Praxis von Barbara Zimmermann, dennsein Glasauge ist nach zwölf Monaten abgenutzt. Zimmermann istOcularistin, sie fertigt Augen-Prothesen aus Glas. «Das ist meinabsoluter Traumberuf», schwärmt sie, «ich kann alles verbinden, wasich gerne mag. Man hat das Medizinische, das Künstlerische, dasPsychologische.» Ihr kleines Sprechzimmer wird von einer riesigenWerkbank beherrscht, hinter der die zierliche Frau fast verschwindet.

Wie lange es dauert, ein Glasauge anzufertigen, lässt sich lautZimmermann nicht pauschal sagen. Das hänge auch von der Verletzungund der Form der Augenhöhle ab. Sie beginnt mit dem Rohmaterial, demMenschenaugenglas, das in Lauscha im Thüringer Wald hergestellt wird.Dem bläulich schimmernden Glas wurde Kryolith beigemischt. DasMineral macht es weicher und verringert den Schmelzpunkt bei derHerstellung. In Form kleiner Röhrchen wird es der Praxis geliefert.Über dem Bunsenbrenner schmilzt die Ocularistin ein bis zweiZentimeter und umschließt den hinteren Teil mit den Lippen.Vorsichtig bläst sie hinein, bis sich vorne eine Kugel bildet.

Filigrane Farbgebung

Mit «Farbstängeln», die aussehen wie lange bunte Bleistiftminen,zeichnet Zimmermann die Irisfarbe auf die Kugel. Pro Auge verwendetsie vier bis fünf verschiedene Stängel, damit die Farbe herauskommt,die dem Auge des Patienten am ehesten entspricht. Als nächstes trägtsie ein Stück geschmolzenes Kristallglas auf. Das verleiht demGlasauge räumliche Tiefe und lässt es echter wirken. Zum Schlussplatziert sie hauchfeine, gelbe und rote Glasfäden auf der Form - dieÄderchen. Kurz bevor das Glasauge fertig ist, schneidet Zimmermannaus der Kugel eine Art dicke Kontaktlinse heraus. Diese Linse schiebtsich der Patient dann zwischen die Augenlider. Es muss also niemandAngst davor haben, dass ihm eine ganze Kugel in die leere Augenhöhlegequetscht wird. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse.

Ihr sei es wichtig zu betonen, dass niemand ein Auge «aus dem Kasten»bekomme, sagt Zimmermann: «Jeder erhält eine individuelleAnfertigung.» In Deutschland gibt es laut Achim Theede von derDeutschen Ocularistischen Gesellschaft ( DOG ) etwa 58 Spezialisten,die Glasaugen produzieren - für rund 40 000 Menschen, denen ein Augefehlt.

Zimmermann stammt aus einer echten Ocularisten-Dynastie. Bereits ihrGroßvater und Urgroßvater stellten Augen aus Glas her - wie hätte sieda etwas anderes machen können? 2016 übernahm sie das « Institut Greiner » von ihrem Onkel. Heute arbeiten dort neben ihr noch einzweiter Ocularist und zwei Auszubildende - einer davon ist ihrEhemann. Der Beruf seiner Frau hat ihn so fasziniert, dass er selbstlernen wollte, wie man Glasaugen herstellt. Die Ausbildung zumOcularisten dauert etwa sechs bis sieben Jahre. Bei ihren Azubiswendet Zimmermann auch schon mal ungewöhnliche Methoden an: Damit sielernen, sich in ihre Patienten hineinzuversetzen, werden sie füreinen Tag mit einer Augenklappe zum Shoppen geschickt.

Mit Einfühlungsvermögen und Fingespitzengefühl

Fingerspitzengefühl braucht es also nicht nur beim Bemalen derGlasaugen. Viele kommen extrem niedergeschlagen zu ihrem erstenTermin in die Praxis. Sie haben Angst, wissen nicht, wie esweitergeht, weinen sich einfach aus. Da ist das Mädchen, das amStrand mit einer Eisenstange überfallen wurde. Oder eine Frau -angezündet vom eigenen Ehemann. Am Tag betreut Zimmermann etwa sechsPatienten. Vom Baby bis zum Greis sind Menschen jeden Alters dabei.Die Ansprüche der Patienten seien immer mehr gestiegen, findet dieOcularistin. Das hänge mit dem Schönheitsdenken in der Gesellschaftzusammen. «Früher waren die Leute einfach froh, dass sie kein Lochmehr im Kopf hatten», sagt Zimmermann.

Aber es ist nicht das Kosmetische allein. Ganz so leicht hat sichStefan Zimmerhansl nämlich doch nicht mit dem Verlust seines Augesabgefunden. Die Prothese schmerzt zwar nicht und er kann sie sogarnachts drin lassen. Am Anfang war es aber schlimm für ihn. «Du kannstdir nicht mal mehr Wasser eingießen, weil das räumliche Denkenplötzlich weg ist», sagt er. Früher sei er mal ein guterTennisspieler gewesen. Doch als Zimmerhansl dann mit dem neuenGlasauge ein Match spielte, traf er von zehn Bällen nur noch zwei. Erkonnte den Abstand des Schlägers zum Ball nicht mehr einschätzen.Inzwischen funktioniere es aber wieder ganz gut - sein Gehirn hatsich daran gewöhnt. Und auch Zimmermann ist zufrieden, weil sie weiß,dass sie nicht nur das Gesamtbild seines Gesichts wiederhergestellthat. Ab und zu nimmt sie ihre kleine Tochter mit in die Praxis. «Fürsie ist das völlig normal», erzählt die Ocularistin: «Die Mama machtAugen. Und wenn jemand eins verliert, bekommt er ein neues».

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