Weich gebettet
Wie werde ich Orthopädieschuhmacher/in?

Wenn der Schuh zum Fuß passt wie der Deckel zum Topf, haben Orthopädieschuhmacher alles richtig gemacht. Vor fremden Füßen dürfen sie nicht zurückschrecken.

Montag, 03.02.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 03.02.2020, 05:07 Uhr
Sie hilft Menschen dabei, wieder richtig laufen zu können: Als angehende Orthopädieschuhmacherin kümmert sich Imke Renken um problemgeplagte Füße.
Sie hilft Menschen dabei, wieder richtig laufen zu können: Als angehende Orthopädieschuhmacherin kümmert sich Imke Renken um problemgeplagte Füße. Foto: Christoph Schmidt

Stuttgart/Klingenthal (dpa/tmn) - Ohne die richtigen Schuhe kann Laufen eine Qual sein. Imke Renken weiß das und will helfen. Die 22-Jährige absolviert eine Ausbildung zur Orthopädieschuhmacherin bei der Firma Schäfer in Stuttgart. Zu ihr kommen Kunden mit ganz unterschiedlichen Beschwerden.

Es sind etwa Diabetiker, deren Füße oft anfällig für Druckstellen sind. Oder Leute mit ungleich langen Beinen. Menschen, die eine Prothese tragen, brauchen ebenfalls passende Schuhe. Renken empfindet ihre Tätigkeit als sehr bereichernd. «Es ist toll zu erleben, wenn jemand lange nicht laufen konnte und von mir angefertigte Schuhe dies nun ermöglichen», erzählt sie.

Orthopädieschuhmacher arbeiten Schuhe um, passen sie an oder stellen sie per Hand her. Sie fertigen Einlagen, Korrekturschienen, Orthesen und andere Hilfsmittel. Dabei tauschen sie sich oft mit Ärzten und Physiotherapeuten aus.

Bei Rheuma oder nach Sportverletzungen

Orthopädieschuhmacher sind in der Werkstatt und im Laden tätig. «Die Kunden sind keineswegs nur alte Menschen mit Gehproblemen», sagt Stephan Jehring, Präsident des Zentralverbands Gesundheitshandwerk Orthopädieschuhtechnik (ZVOS). Krankheiten wie Rheuma sowie Sportverletzungen oder Fehlbildungen der Füße sind ebenfalls Gründe, warum orthopädische Hilfe nötig ist.

«Mein Alltag ist enorm abwechslungsreich», so Renken. Beim Arbeiten in der Werkstatt kommt es auf handwerkliches Geschick und ästhetisches Feingefühl an - denn Schuhe und Hilfsmittel sollen nicht nur dem gesundheitlichen Aspekt dienen, sondern auch modisch aussehen.

Im Laden ist es wichtig, einen guten Draht zu den Kunden zu finden. «Man darf nicht davor zurückschrecken, fremde Füße oder Beine in die Hand zu nehmen, um sie zu untersuchen», erklärt die Auszubildende. Bei all dem geht es nicht zuletzt darum, dem Kunden das Gefühl zu vermitteln, dass er gut aufgehoben ist.

Wie ein orthopädischer Schuh entsteht

Nach der Untersuchung müssen die Schuhmacher industriell gefertigte Konfektionsschuhe umarbeiten oder anpassen. Ist das nicht möglich, stellen sie maßgefertigte Modelle her. Dafür messen sie die Füße des Kunden und nehmen einen Abdruck. Mit Hilfe von elektronischen Mess- und Diagnosegeräten analysieren sie die Bewegungen.

Dann fertigen sie auf Basis des Abdrucks und der Messergebnisse Leisten, die sie an die Füße der Kunden anpassen. Ein Probeschuh wird hergestellt, den der Kunde anprobiert. Die Schuhmacher nehmen nun letzte Korrekturen vor - und die Produktion des maßgefertigten Schuhs beginnt.

Die Fachleute nehmen auch Maß für Fuß- und Kniebandagen, passen sie beim Kunden an und überprüfen ihren Sitz wie ihre Passform. Auch wählen sie je nach Bedarf fixierende und korrigierende Schienen sowie weitere Orthesen für Unterschenkel, Fuß und Knie aus und passen sie individuell an.

Von medizinischer Fußpflege bis Verkauf

Daneben spielt die medizinische Fußpflege eine Rolle. Auszubildende lernen etwa, Hornhaut fachgerecht zu entfernen oder eine Nagelkorrekturspange anzubringen. «Das Verkaufen von Waren im Laden gehört ebenfalls zum Alltag», wie Jehring sagt, der als Orthopädie-Schuhmachermeister in Klingenthal (Sachsen) arbeitet.

Die Ausbildung in dem Beruf dauert dreieinhalb Jahre. Sie findet im Betrieb und in der Berufsschule statt, wo etwa auch medizinische und anatomische Grundlagen vermittelt werden. Ein bestimmter Schulabschluss ist rechtlich nicht vorgeschrieben. «Die meisten haben aber Realschulabschluss», erklärt Jehring.

Von Bewerbern wird neben handwerklichen Fähigkeiten eine gute Feinmotorik erwartet. Die ist nötig, um auch filigrane Teile eines Schuhs zu fertigen. Für Mess- und Analyseverfahren sind gute Kenntnisse in den naturwissenschaftlichen Fächern von Vorteil.

Ein Beruf mit viel Kundenkontakt

Zudem müssen Orthopädieschuhmacher gerne mit Menschen umgehen und auf sie eingehen. «Dabei geht es darum, dem Kunden freundlich und aufmerksam zu begegnen», sagt Renken. Wochenendarbeit fällt in ihrem Betrieb nicht an, aber es gibt in Deutschland Unternehmen im Bereich der Orthopädie-Schuhtechnik, die auch samstags geöffnet haben.

Die Höhe der Ausbildungsvergütung ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, sie variiert auch zwischen einzelnen Regionen. Sie beträgt nach Angaben von Jehring pro Monat zwischen 550 im ersten bis 833 Euro brutto im vierten Ausbildungsjahr.

Nach der Ausbildung arbeiten Orthopädieschuhmacher in einem der bundesweit rund 2500 Fachbetriebe, in Sanitätshäusern oder in Kliniken und Reha-Einrichtungen. Das Brutto-Einstiegsgehalt liegt Jehring zufolge im Schnitt zwischen 1700 und 2000 Euro pro Monat. In manchen Regionen kann es deutlich höher sein.

Wer weiterkommen will und das Abitur hat, kann an der Uni das Studienfach Orthopädie- und Rehatechnik belegen. Renken schließt nicht aus, eines Tages den Meister zu machen. Was aus ihrer Sicht für den Beruf spricht: Er ist zukunftssicher. «Maßschuhe können nicht von Maschinen hergestellt werden, da werden Orthopädieschuhmacher immer gefragt sein.»

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