Galerien und Ateliers
In Leipzigs Baumwoll-Spinnerei herrscht die Kunst

Die Neue Leipziger Schule hat hier ihre Wurzeln, Kunststar Neo Rauch noch immer ein Atelier: Die Leipziger Baumwoll-Spinnerei hat sich zu einer kreativen Stadt in der Stadt entwickelt. Besucher lernen Künstler und Galeristen aus der ganzen Welt kennen.

Freitag, 12.10.2018, 10:22 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 12.10.2018, 10:18 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 12.10.2018, 10:22 Uhr
Kontakt mit der Kunst: Die Leipziger Baumwoll-Spinnerei lockt Einheimische und Touristen in Ateliers und Galerien, will aber kein Künstlerzoo sein.
Kontakt mit der Kunst: Die Leipziger Baumwoll-Spinnerei lockt Einheimische und Touristen in Ateliers und Galerien, will aber kein Künstlerzoo sein. Foto: Nils A. Petersen

Leipzig (dpa/tmn) - Die grüne Flügeltür unter dem Glasvordach aus der Zeit der Jahrhundertwende steht weit offen. Etwas versteckt liegt das künstlerische Zuhause von Claudia Biehne, 44, in diesem Gebäude am Rande der Leipziger Baumwoll-Spinnerei.

Produktionsstätte zeitgenössischer Kunst

Seit 2003 ist die Leipziger Porzellankünstlerin ein Teil der Szene hier. «From Cotton to Culture» lautet der Slogan auf dem Gelände im Stadtteil Plagwitz. Übersetzt etwa: von der Baumwolle zur Kultur. Denn die alte Spinnerei war einst ganz neu: 1884 errichtet, um den weltweiten Bedarf an Baumwolle zu decken.

Heute gilt das Gelände als Herzstück der Leipziger Kunstszene - allen voran die Neue Leipziger Schule um Malerstar Neo Rauch. Auf rund 100.000 Quadratmetern befinden sich im Südwesten der Stadt Galerien, Projekträume und Ateliers, die nationale und internationale Kunst präsentieren.

Geschichte der Spinnerei

Eine Stadt in der Stadt, das war die Baumwollspinnerei von Anfang an. Georg Lisek, selbst Künstler und als Kunstpädagoge bei Führungen auf dem Areal im Einsatz, zeigt auf das große Aquarell im Archiv Massiv, dem Besucherzentrum im ältesten Gebäude der Spinnerei. Nach nur 25 Jahren hatte sich die Leipziger Baumwollspinnerei zur größten auf dem Kontinent entwickelt: sechs Hektar, 20 Gebäude, vier bis fünf Geschosse. 240.000 Spindeln, 208 Kämmmaschinen, 1600 Arbeiter.

Es gab eine Betriebsfeuerwehr, Werkskantine, Badeanstalt, Kindergarten. Den Krieg überstand das Gelände, weil die Dächer begrünt waren und so riesig, dass die Bomberpiloten sie für Wiesen hielten - so die Legende.

Im Jahr 2000 wurde die letzte Produktionsstätte geschlossen, 2001 kauften drei Immobilienmakler aus Westdeutschland das Areal. Anderswo wären daraus vielleicht Loftwohnungen geworden. Doch für die gibt es im Leipzig der Jahrtausendwende keine Mieter.

Wurzeln der Neuen Leipziger Schule

«Dann blüht etwas auf, wie Phoenix aus der Asche», schwärmt Georg Lisek. Und meint die Künstler, die dem Gelände neues Leben einhauchen. Die Neue Leipziger Schule hat hier ihre Wurzeln, Star Neo Rauch noch immer sein Atelier. Wo genau, das darf und will der Gästeführer nicht verraten.

Dafür diese Anekdote: Zu Hochzeiten liefen in der Spinnerei die Telefone heiß. Sammler aus Amerika kauften ungesehen alles, Hauptsache Leipziger Schule. Bis 2009 entwickelt sich die Baumwollspinnerei zu einem der größten kulturellen Zentren für kunstinteressierte Reisende aus aller Welt.

Spagat zwischen Arbeitsort und Touristenziel

Es ist und bleibt ein Spagat zwischen Arbeitsort und Angebot an die Öffentlichkeit. «Zum einen darf die Spinnerei nicht zum Künstlerzoo oder Rummelplatz werden, und daher werden auch viele Anfragen in diese Richtung konsequent abgesagt», sagt Michael Ludwig, Pressesprecher der Spinnerei. Zum anderen brauche natürlich auch jeder Künstler die finanzstarken Sammler.

Für Porzellankünstlerin Claudia Biehne ist ihr Atelier gleichzeitig auch Ausstellungsraum. Interessierte Besucher können bei der Entstehung der zarten Einzelstücke zusehen oder die fertigen Werke in den Regalen bewundern. «Im Vergleich zu Berlin habe ich hier Luft zu atmen», sagt die Künstlerin, die seit 15 Jahren in der Spinnerei arbeitet.

Das Programmkino Luru

Gästen legt Biehne einen Besuch im Luru-Kino ans Herz. Gleich hinter dem hohen Schornstein der Spinnerei geht es hinab in den Keller. Und auch hier wartet schon die Kunst. Die Tapeten der Räume sind Original-Linol-Schnitte von Künstler Christoph Ruckhäberle, der gemeinsam mit Michael Ludwig das Luru führt. Das kleine Programmkino mit täglichem Spielbetrieb, das man auch mieten kann, ist für viele Anlaufpunkt und heimliches Highlight des Geländes.

Durch den Hinterausgang geleitet Besucherguide Lisek die Gäste in die halbunterirdischen Gänge der Spinnerei. Die festungsartigen Fundamente sorgen für ein tolles Klima und konstante Temperaturen zwischen 16 und 17 Grad. Ideale Bedingungen für die Druckereien, deren Reich hier unten liegt. So hat die Kunst jeden Quadratzentimeter der Spinnerei erobert.

Informationen: Leipziger Baumwollspinnerei , Verwaltungsgesellschaft mbH, Spinnereistraße 7, 04179 Leipzig, Tel.: 0341/4980222, E-Mail: mail@spinnerei.de. Allgemeine Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag von 11.00 bis 18.00 Uhr. Eintritt frei.

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