«Ozzies» mit Herz und Haus
Australier adoptieren Backpacker in Not

Corona hat die Pläne vieler Rucksacktouristen in Australien auf den Kopf gestellt. Gelegenheitsjobs im Lockdown? Fehlanzeige. Damit sie in unsicheren Zeiten gut unterkommen, gründete ein Paar die Plattform «Adopt a Backpacker». Nun will die Initiative global durchstarten.

Mittwoch, 20.01.2021, 10:18 Uhr aktualisiert: 20.01.2021, 10:23 Uhr
Miguel Fuentes (l-r) von den Philippinen und die Holländerin Nikki de Weerd stehen neben ihren «adoptierten Backpackern» Alice und Claire.
Miguel Fuentes (l-r) von den Philippinen und die Holländerin Nikki de Weerd stehen neben ihren «adoptierten Backpackern» Alice und Claire. Foto: Privat

Sydney (dpa) - Nach einigen Monaten auf Reisen quer durch Australienwollte Nicole Pern aus Unna bei Dortmund sich an der Westküsteeigentlich Arbeit suchen. Die 20-Jährige war mit einemWorking-Holiday-Visum in «Down Under» - aber dann kam Corona, und mitdem Virus der Lockdown.

«Das hat mich komplett aus dem Nichts getroffen», sagt Pern. EineWeile zog sie mit ihrem Freund noch von Campingplatz zu Campingplatz,bis auch die schließen müssen. Dann entdeckte sie auf Facebookzufällig eine Seite namens « Adopt a Backpacker » (Adoptiere einenRucksacktouristen) - und kam die nächsten zwei Monate mietfrei beieinem Australier nahe Mandurah unter. «Das war eine so wundervolleZeit», schwärmt Nicole.

Wie ihr ging es vielen jungen Menschen, die mit einemFerien-Arbeits-Visum einen längeren Aufenthalt in Australien geplanthatten. Plötzlich standen sie ohne Geld und Gelegenheitsjobs da. Alseine gute Freundin wegen dieser Situation unvermittelt aus Australienabreisen musste «und all ihre Träume direkt vor unseren Augenzerplatzten», kam der Holländerin Nikki de Weerd (25) und demPhilippiner Miguel Fuentes (35) eine Idee.

Idee aus der Not geboren

Um Backpackern aus aller Welt zu helfen, die Krise möglichstkostensparend und sicher zu überstehen, gründeten sie Ende März 2020die erste «Adopt A Backpacker»-Facebookseite. Nach dem Start inWestaustralien verbreitete sich die Initiative wie ein Lauffeuer:Schon nach einer Woche gab es in jedem australischen Bundesstaat eineeigene Gruppe, wenige Monate später auch in Neuseeland und Kanada,mittlerweile sogar in Frankreich und Großbritannien. «Unser Netzwerkhat mittlerweile 35.000 Mitglieder weltweit», erzählt Nikki.

Gestrandete Backpacker und Menschen mit genügend Wohnraum können hierdirekt in Kontakt treten - und das tun sie. «Wir schätzen, dass wirseither 10.000 bis 15.000 Menschen helfen konnten», sagt Miguel. «Wirdenken, dass etwa 15 Prozent von denen, die die Plattform bishergenutzt haben, aus Deutschland stammen - und ehrlich gesagt bekommendeutsche Backpacker immer extrem gute Bewertungen von denGastgebern.»

Kostenfreie Unterkunft gegen Hilfe im Haushalt

Was «Adopt a Backpacker» von anderen Plattformen und Couchsurfernunterscheidet: Rucksacktouristen werden ermutigt, als Gegenleistungfür die kostenfreie Unterkunft den Gastgebern zu helfen - etwa imHaushalt, bei der Gartenarbeit oder beim Babysitten.

Das australische Ehepaar Beth und Denis etwa hat gleich fünf Reisendeaufgenommen und zeigt sich auf Instagram begeistert von seinen«großartigen Adoptivkindern» Arthur, Leah, Harvey, Cameron undJannik: «Was für enthusiastische und respektvolle junge Leute, dieunser unordentliches Anwesen in einen wunderschönen Garten verwandelthaben.» Ein Pärchen aus Italien dankt seinem Gastgeber Andy, der «einVater, ein Bruder und ein Freund» geworden sei und den beiden dieTierwelt, tolle Strände und traumhafte Berge gezeigt habe. «Besserhätten wir es in dieser wirklich schwierigen Situation so weit wegvon zu Hause nicht treffen können.»

Auch Paulina Täschlein aus Polsingen in der Nähe von Nürnberg hatdank der Plattform die Gastfreundschaft der Australier erlebendürfen. Sie war nicht einmal zwei Monate dort, als die Pandemieausbrach. «Adopt a Backpacker» entdeckte die 21-Jährige in derunsicheren Zeit zufällig im Internet - und inserierte zusammen mitihrer Freundin Jenny. «Schon nach kurzer Zeit kamen sehr vieleAngebote von Familien, die uns aufnehmen wollten. Wir warenüberwältigt», sagt die 21-Jährige.

Schließlich zogen die beiden für zwei Monate zu Jeremy imWeinanbaugebiet Swan Valley nordöstlich von Perth. «Er wohnte alleinein seinem neuen großen Haus und hatte zwei Zimmer mit Bad frei - unddachte, da könnte er doch Backpacker während Corona miteinziehenlassen.» Das sei eine «wundervolle Zeit» gewesen: «Wir warenrundumsorgt, und er wurde zu unserem australischen Dad, mit dem wirzusammen gekocht und Ausflüge gemacht haben.»

Am echten Leben der «Ozzies» teilhaben

Zurück bekommen die meisten Backpacker von ihren Gastgebern einenEinblick in die Kultur des Landes und die Erfahrung, am echten Lebender «Ozzies» teilzuhaben. Der Austausch stärke die Arbeitsmoral derBackpacker und vermittele ihnen die richtigen Werte für ihrekünftigen Reisen, sagen Nikki und Miguel. Die beiden haben selbstauch bereits zwei Mal junge Reisende in Not «adoptiert». Ziel ihrerPlattform sei es letztlich, «das Reisen so unterhaltsam, sicher underschwinglich wie möglich zu gestalten».

Derzeit arbeitet das Paar zusammen mit einem Team an einernutzerfreundlichen Webseite, die Backpackern rund um die Erde auchnach Corona bei ihren Reisen und Abenteuern helfen soll, gutunterzukommen. Das könne letztlich die ganze Art ändern, wie jungeRucksacktouristen um die Welt ziehen, sind Nikki und Miguelüberzeugt: «So bekommen sie eine Chance, von einer netten Familie insicherer Umgebung «adoptiert» zu werden. Aber es gibt ihnen auchMöglichkeit, sich stärker in die lokale Kultur zu integrieren unddabei Geld für die Unterbringung zu sparen.»

© dpa-infocom, dpa:210120-99-96672/4

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