Q-W-E-R-T-Z
Die Schreibmaschine ist 150 Jahre alt - und nicht tot

Jerry Lewis machte mit ihr Musik. Thomas Mann konnte sie nicht leiden. Die Schreibmaschine war für das 20. Jahrhundert eine der wichtigsten Erfindungen. Heute schätzen Geheimagenten ihre Vorteile.

Donnerstag, 21.06.2018, 00:02 Uhr

Tastenschreibmaschine von The Sholes & Glidden Type Writer E. aus dem Jahr 1875.
Tastenschreibmaschine von The Sholes & Glidden Type Writer E. aus dem Jahr 1875. Foto: Handout

Berlin (dpa) - Sie heißen Erika, Gabriele, Olympia oder Valentine: Schreibmaschinen gehören zum 20. Jahrhundert wie der Röhrenfernseher und der Plattenspieler. 48 Tasten und ein Ratschen, Hämmern und Klicken wie es keine lichtgraue Computertastatur erzeugen kann.

Vor genau 150 Jahren - am 23. Juni 1868 - meldete die US-Rüstungsfirma Remington die erste industriell gefertigte Maschine, wie wir sie kennen, zum Patent an. Im Gegensatz zu ihren Vorläufern hatte die «Sholes-Glidden» die bis heute auch für Computer gültige Tastatur.

«Unter der Zahlenreihe stehen die Buchstaben Q, W, E, R, T, Z - das ist die sogenannte QWERTZ-Tastatur», erläutert Winfrid Glocker. Er ist am Deutschen Museum Konservator für Papier-, Druck, Textil- und Bürotechnik. «Zuerst haben die Erfinder es mit einer alphabetisch angeordneten Tastatur versucht, dann aber gemerkt: Sie müssen die Anschläge gleichmäßig auf die linke und rechte Hand verteilen.» Im englischen Sprachraum tauschen das Y und das Z dabei den Platz.

Ursprünglich als Hilfsmittel für extrem kurzsichtige oder blinde Menschen gedacht, machten technische Verbesserungen um die Jahrhundertwende den weltweiten Siegeszug möglich. Die Vorteile: Alles war gut lesbar und eine Kopie war dank Durchschlag inbegriffen.

Zu den wenigen, die um jeden Preis weiter von Hand schreiben wollten, zählte der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, berichtet Glocker. «Er hat sich bis zu seinem Lebensende zusichern lassen, dass er sein Manuskript als Manuskript abliefern durfte und nicht als Typoskript. Die «Buddenbrooks» hat er von Hand geschrieben und den «Felix Krull» auch. Da war schon längst üblich, dass man den Autor verpflichtet, es getippt abzuliefern, also es selbst zu tippen oder tippen zu lassen.»

Geräte wurden in unzähligen Versionen produziert, auch in fremden Schriften. Die Nazi-Organisation SS ließ eine eigene Taste mit ihren Runen belegen. Schreibmaschinen waren weltweit omnipräsent. Die Kugelkopfmaschine löste mit eigener Korrekturtaste die letzte Tücke.

Dennoch blieb das Bedienen der Maschine für viele Menschen Plackerei. Studenten schwitzten über Typoskripten, und auch Autoren. Glocker: «J.R.R. Tolkien war Professor für ein vergleichsweise exotisches Fach und er hatte nicht das Geld, eine gelernte Schreibkraft «Der Herr der Ringe» tippen zu lassen. Er hat das Riesending dreifach abgetippt.»

Klaus Neudeck war 16 Jahre alt, als er 1960 bei dem deutschen Schreibmaschinenriesen Olympia als Lehrling anfing. «Wir haben in den Spitzenzeiten zwischen 1960 und 1970 pro Jahr eine Million Maschinen weltweit verkauft. Wir hatten 17 Tochtergesellschaften auf der ganzen Welt. Wir waren ja einer der führenden Anbieter überhaupt in allen Ländern.» Neudeck, heute 74, stieg in diesen Glanzzeiten Stufe um Stufe auf. «Zuletzt war ich Geschäftsführer. Dann wurde Olympia an ein chinesisches Unternehmen verkauft.» Da sei er ausgeschieden.

«Mit der Zeit sind die Schreibmaschinen auf den Dachboden gewandert», sagt Veit Didczuneit, Leiter der Sammlungen im Museum für Kommunikation Berlin, über die Jahre des Niedergangs einer ganzen Industrie. Von den 70ern an machten Computer nach und nach der Schreibmaschine den Garaus, das Internet tat ein Übriges. Schön anzusehen sind sie noch immer. Viele stellten sich Schreibmaschinen zur Dekoration in die Wohnung, «wie eine alte Singer-Nähmaschine».

«Wir bekommen jede Woche eine Schreibmaschine angeboten, übernehmen auch regelmäßig Stücke», so Didczuneit. Es sind schon 300 Exemplare. Oft berichten Spender zum Gerät eine Familiengeschichte, sie wollten es unbedingt in gute Hände geben. Während in Berlin viel zu sehen ist, ist auf der Webseite «Conserve the Sound» viel zu hören, etwa eine Adler Gabriele 2000. Beliebt bei YouTube ist bis heute auch ein Konzert des US-Komikers Jerry Lewis an einer unsichtbaren Maschine.

Wer aber denkt, diese Technik sei heute nur noch museumsreif, der irrt. Olympia etwa vertreibt in Europa und im Nahen Osten weiterhin Maschinen, nur dass sie heute aus Kostengründen in Asien hergestellt werden, sagt Neudeck. 6000 bis 8000 Maschinen werden Jahr für Jahr neu abgesetzt, jede fünfte Maschine wird in Deutschland verkauft.

Denn es gibt Aufgaben, bei denen ein Computer versagt, wie Neudeck erzählt: «Wenn Sie Formulare ausfüllen müssen, müssen Sie ja schon genau treffen. Die Schreibmaschine ist da immer noch das bessere und schnellere Mittel. Man wird in vielen Büros die Schreibmaschine auf dem Aktenschrank an der Seite stehen sehen, die dann bei Bedarf immer wieder geholt wird.» Abnehmer seien aber eher kleinere Firmen.

Der Olympia-Mann ist im Lizenzvertrieb weiter tätig geblieben: «Wir hatten aus Russland vor ein paar Monaten eine Anfrage einer Behörde: Sie bräuchten Schreibmaschinen, um «abhörsichere» Protokolle zu schreiben.» Ein Auftrag kam aber bisher nicht zustande.

Offensichtlich gibt es seit dem Aufkommen von Wikileaks ein gesteigertes Interesse im russischen Markt. Glaubt man einem älteren Bericht der russischen Zeitung «Iswestija» waren in den vergangenen Jahren nicht nur russische Zivilschutzbehörden an den vor Hackern sicheren Maschinen interessiert, sondern auch der Geheimdienst FSB.

Nicht nur besonders verschwiegene, sondern auch besonders mitteilsame Leute lieben die Technik von gestern. Eine Umfrage bei großen deutschsprachigen Verlagen ergab, dass etwa John Irving, Patrick Süskind und Frederick Forsyth bis heute Schreibmaschinenseiten bei ihren Lektoren abliefern. Wenn das Thomas Mann wüsste.

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