Hot-Spots
Die Pilgerreisen der Instagram-Jünger

Rom/Münster -

Selbst an den entlegensten Ecken der Welt darf heute eines nicht fehlen: der inszenierte Schnappschuss, der später in sozialen Medien landet. Manch Instagram-tauglicher Ort erlangt so ungeahnte Popularität - nicht immer mit positiven Folgen. Auch im Münsterland gibt es Orte, die bereits zahlreich auf der beliebten Internetplattform auftauchen.

Donnerstag, 18.10.2018, 16:31 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 18.10.2018, 14:19 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Donnerstag, 18.10.2018, 16:31 Uhr
Touristen am beliebten Strand von Tanjung Aru.
Touristen am beliebten Strand von Tanjung Aru. Foto: Shafiq Hashim

Türkisblau und kristallklar glitzert der See, Fischerboote schaukeln an der Oberfläche, die Bergkette spiegelt sich im Wasser. Ein atemberaubender Anblick ist der Pragser Wildsee (Italienisch: Lago di Braies), eine Oase inmitten der Südtiroler Alpen.

Obwohl zwischen Bergen versteckt, ist der See kein Geheimtipp. Schuld daran ist die Foto-Plattform Instagram. Dort finden sich unter dem Schlagwort #lagodibraies um die 150 000 Fotos der Szenerie. Und jeden Tag werden es mehr.

Moderne Wallfahrtsorte

"Da muss ich auch hin!", lauten die Kommentare unter vielen Fotos. Orte wie der Pragser Wildsee werden zu kleinen Berühmtheiten, manche sogar zu regelrechten Instagram-Wallfahrtsorten. Plötzlich in den sozialen Medien bekannt geworden, können die Destinationen dem Ansturm allerdings nicht immer standhalten.

Als ein italienischer Blogger vergangenes Jahr einen Post über das Verzascatal in der Schweiz veröffentlichte, erlebte das Dorf eine kaum zu bewältigende Besucherwelle. Lokale Medien berichteten von kilometerlangen Staus, wild parkenden Fahrzeugen und Müllbergen. Anwohner waren genervt.

Solche Blogger oder Influencer, auf Deutsch etwa «Meinungsmacher», haben über soziale Medien eine enorme Reichweite. Was sie veröffentlichen, machen andere nach. Das kann den Tourismus ankurbeln, aber auch negative Folgen haben.

Verantwortung ist das Stichwort

"Die Orte haben wenig Kontrolle darüber, welche Inhalte in den sozialen Medien landen", sagt Laura Jäger, Referentin bei TourismWatch, einem Informationsdienst, hinter dem das evangelische Hilfswerk "Brot für die Welt" steckt und der sich für nachhaltigen Tourismus starkmacht. "Reisende müssen sich bewusst machen, wie sich ihr Verhalten in den sozialen Medien auf die Zielgebiete und Menschen vor Ort auswirken kann, und verantwortungsvoll damit umgehen."

Bei sommerlichen Temperaturen am Sandstrand ist davon oft nichts zu spüren. Wohin man blickt, schießen Menschen Fotos, inszenieren sich oder die Landschaft für den perfekten Urlaubsschnappschuss. Das Ferienhaus-Portal Holidu kürte diesen Sommer die beliebtesten Instagram-Strände. Auf Platz eins in Italien: die Scala dei Turchi auf Sizilien.

«Wir bemerken dieses Phänomen», bestätigt ein Sprecher des Tourismusverbands von Realmonte, der Gemeinde des Strandes. Unglücklich scheint er darüber nicht: «Instagram, Facebook und andere soziale Medien haben den Ort bekannter gemacht und den Tourismus weiter wachsen lassen.»

Reisen nach Stundenplan

Was hinter der Smartphone-Linse passiert, zeigen die Fotos der Instagram-Idyllen allerdings nicht. Schadet es am Ende der Schönheit eines Ortes, wenn er für Fotos ausgeschlachtet wird? Die italienische Fotografin und Reise-Bloggerin Sara Melotti nutzt für ihre Fotos zwar selber Instagram, geht aber kritisch mit dem Netzwerk um.

"Instagram ruiniert diese Orte komplett", sagt sie. "Es hat sich ein neuer, junger Massentourismus entwickelt. Junge Leute reisen, um Fotos für die sozialen Medien zu machen. Nur um zu zeigen: Ich war hier." Melotti kennt nach eigenen Worten Influencer, die mit einem Stundenplan verreisen. Darauf vermerkt: an welchem Instagram-Spot man wann ein Foto schießen wird.

Die 30-jährige Reisebloggerin vermerkt auf Instagram mittlerweile nicht mehr den genauen Standort ihrer Fotos. Sie will nicht, dass mit den Orten passiert, was sie selbst schon zu oft auf Reisen gesehen hat. Auf Bali gebe es einen Tempel, der vor einigen Jahren komplett unbekannt war. "Heute stehen die Touristen schon um 4.00 Uhr morgens an, um ein Foto im Sonnenaufgang zu schießen."

Bedingung: Instagramability!

Für solche Orte, die sich besonders gut für Fotos eignen, gibt es mittlerweile sogar ein Fachwort: Instagramability. Eine britische Studie des Ferienhaus-Versicherers Schofields Insurance ergab 2017, dass 40 Prozent der 18- bis 33-Jährigen ihre Reiseziele nach deren "Instagramability" aussuchen. Auch die Trolltunga in Norwegen ist so ein Ort - über 110 000 Beiträge unter dem Hashtag #trolltunga. Zwischen 2009 und 2014 stieg die Besucherzahl laut "National Geographic" von 500 auf 40 000.

Die Felszunge, die sich über dem Ringedalsvatnet-See erstreckt, ist berühmt für ein Motiv: Eine Person sitzt ganz vorn auf der Zunge, daneben der See, die Berge, keine Menschenseele. Der Inbegriff von Idylle. Außer, der Mensch an der Spitze würde die Selfie-Kamera aktivieren: Dann wären ziemlich viele Menschen im Hintergrund zu sehen, die Schlange stehen für dieses eine Foto, das es schon so oft auf Instagram gab.

Nationale Hotspots

Nicht nur weltweit sind solche Hotspots zu finden, auch in Deutschland gibt es zahlreiche Orte mit der gewissen Instagramability. Ganz weit vorn natürlich der Tourismus-Klassiker Schloss Neuschwanstein (knapp 300.000 Hashtags). Obwohl das Bauwerk schon vor Instagram eine große Popularität genoss, wird es trotzdem Reisende geben, die sich nur für ein ganz bestimmtes Foto dorthin aufmachen.

Vor ein paar Jahren noch ein Geheimtipp: Burg Eltz. Einige Jahre zuvor noch eher ein Ziel für Wanderer, findet man heute unter dem Hashtag #burgeltz knapp 40.000 Fotos auf der Internetplattform. Weitere Beispiele für dieses Phämomen sind der Eibsee in Bayern und die Rakotzbrücke in Sachsen. Letztere steht unter Denkmalschutz und ist bereits einsturzgefährdet. Dies hindert die Motivjäger jedoch nicht, sie trotzdem zu besteigen um DAS Foto zu schießen. 

Westfälisches Versailles 

Und was ist mit dem Münsterland? Natürlich gibt es auch hier den einen oder anderen Ort, der Instagramability hat. Läuft man in Münster über den Prinzipalmarkt, muss man nicht lang suchen, um Touristen zu sehen, die eben diesen fotografieren. Knapp 16.000 Beiträge gibt es schon mit dem Hashtag #prinzipalmarkt. Vor allem in Verbindung mit der imposanten Lambertikirche ist der Hotspot häufig vertreten.

In der Region des Münsterlandes sind vor allem Wasserschlösser und Burgen ein beliebtes Motiv. Allen voran das Schloss in Nordkirchen mit seinem Barockgarten, genannt das Westfälische Versailles. Mit knapp 5.000 Bildern ist es der Spitzenreiter der Region. Auch Fotos der mittelalterlichen Burg Vischering in Lüdinghausen und der Burg Hülshoff in Havixbeck, Heimat der weltbekannten Dichterin Anette von Droste-Hülshoff, finden sich zuhauf auf Instagram. Anders als an vielen anderen Orten, die durch die Internetplattform bekannt oder noch populärer wurden, ist der Tourismus hier längst kein Problem, sondern ein Zugewinn. 

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