Kunstgeschichte als Brotbelag
Ein Vincent van Gogh aus mittelscharfem Senf

Den Spruch haben viele schon gehört: «Mit Essen spielt man nicht.» Doch eine Reihe von Leuten sieht das anders und hat bedeutende Kunstobjekte nachgebastelt - als Brotbelag.

Dienstag, 26.03.2019, 08:52 Uhr aktualisiert: 26.03.2019, 08:56 Uhr
Aus Gurke, Banane, Paprika, Heidelbeeren, schwarze Johannisbeeren, Marmelade, Quark und Senf wird Vincent van Goghs «Sternennacht».
Aus Gurke, Banane, Paprika, Heidelbeeren, schwarze Johannisbeeren, Marmelade, Quark und Senf wird Vincent van Goghs «Sternennacht». Foto: @ClaireLarsson

Berlin (dpa) - Wer noch ein paar Reste im Kühlschrank hat, kann sich als Künstler versuchen. Bei Twitter und Instagram finden sich viele Beispiele, wie Leute bekannte Werke auf Brot nachbauen.

Für Vincent van Goghs «Sternennacht» eignen sich Schwarze Johannisbeeren, Quark und ein Klecks Senf, vielleicht die Tube «mittelscharf». Die «Mona Lisa» bekommt mit Brotrinde und Champignons Kontur. Und Gustav Klimts «Der Kuss» zeigt Lakritz und Gurkenkerne.

Nun ist aus dem Schlagwort #KunstGeschichteAlsBrotbelag, das vergangenen Sommer aufkam, ein Buch geworden. Die Herausgeberin Marie Sophie Hingst hat einiges ausprobiert. Schlecht funktioniere, was schnell flüssig werde. Zum Beispiel Honig. Ihr Vater habe auch mit Gänseschmalz experimentiert, was sich ebenfalls als komplex erwiesen habe.

«Ansonsten ist der Kühlschrank eine unerschöpfliche Quelle von Kunstmaterial. Man kann eigentlich kaum was Besseres finden», sagt die 31-Jährige. Die promovierte Historikerin lebt in Irland, hat deutsche Wurzeln und unter anderem in Berlin studiert. Sie hat einen Blog und mit der Brotkunst im Internet angefangen.

Ihr erstes Brot war ein Nachbau eines abstrakten Werks von Piet Mondrian. «Das ist ja relativ symmetrisch. Und ich dachte, das sei ein ganz gutes Brot, um sich mal warm zu laufen.» Es sei mit Tomaten, Käsewürfeln, Heidelbeeren und Ziegenfrischkäse belegt gewesen. Nach und nach hätten sich mehr Menschen angeschlossen.

Eine ihrer Ideen hinter dem Projekt: Das Internet aktiv mitgestalten. Das Internet werde oft dafür verantwortlich gemacht, dass es einen Rückgang an Bildung gebe. Diese Auffassung könne man teilen oder nicht, aber es gebe selten Vorschläge, was man tun könne, um Leuten Lust auf Thomas Mann oder ein Goethe-Gedicht zu machen.

Sie habe überlegt, was man Konstruktives tun könne. Brot sei ein sehr deutsches Lebensmittel. «Jeder, der länger im Ausland lebt, wird von deutschen Besuchern gefragt: 'Wie kommst Du denn mit dem Brot zurecht?'», sagt Hingst. Was viele damit meinten: Wie man nur mit Toastbrot überleben könne. «Das finde ich etwas so Charmantes.» Sie habe damit das Internet zur Ausstellung machen wollen.

«Das ist einer der großen Dreh- und Angelpunkte, die mich bewegen: Wie können wir eigentlich selbstbestimmte und aktive Bürger dieses Internets werden?», sagt Hingst. Dass so viele mitmachen, hätte sie nicht erwartet. Manche haben ein Selbstporträt der Mexikanerin Frida Kahlo nachgebaut, andere Yves Kleins «Monochrom Blau». Für das Buch hätten sie auch ein paar «Auftragsbrote» vergeben, damit mehr Originalwerke von weiblichen Künstlern dabei seien, sagt Hingst.

Basteln mit Essen, damit dürfte so mancher Erfahrung haben. Stichwort Mettigel. Die Satirezeitschrift «Titanic» hat mal zum «Basteln mit Bier» aufgerufen. Und Eltern versuchen seit jeher, ihren Kindern mit Tricks Gesundes unterzujubeln. Zum Beispiel mit einem gezackten Zauberapfel. Wer sich für die Kunst des Pausensnacks übrigens näher interessiert, sollte die aus Japan stammende «Bento Art» googeln.

Aber auch in der Kunstgeschichte gibt es Beispiele, in denen sich Essen wiederfindet. Der Italiener Giuseppe Arcimboldo malte im 16. Jahrhundert Gemüsemenschen. Gesichter aus Rüben und Zwiebeln, Trauben und Äpfeln. Die Schweizer Peter Fischli und David Weiss arrangierten vor 40 Jahren Wurst und Abfälle. Es entstand die «Wurstserie».

Heute bauen manche mit Wurstscheiben den US-Präsidenten Donald Trump nach. Aber darf man mit Essen spielen? Im Deutschen gibt es dazu ein eindeutiges Sprichwort. Auch Hingst wird immer wieder gefragt, ob man mit Lebensmitteln Quatsch machen darf. Sie glaube zum einen daran, dass Kunst alles dürfe, sagt Hingst. Zum anderen denke sie, dass das Projekt zu einer Auseinandersetzung mit Ressourcen und Lebensmittelverschwendung führen könne. Sie hoffe, dass man damit - ohne erhobenen Zeigefinger - auch darauf aufmerksam mache, was man habe. Und ob man Brot noch so schätze, wie man sollte.

Mit dem Spruch «Mit Essen spielt man nicht» ist Hingst früher übrigens nie ermahnt worden. «Erstaunlicherweise habe ich den nie gehört», sagt sie. «Weil meine Großmutter, der ich sehr viel verdanke, eine Abneigung gegen Sprichwörter hatte.»

Kunstgeschichte als Brotbelag, Marie Sophie Hingst, Dumont, 15,00 Euro, ISBN 978-3-8321-9963-0

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