Streifen, Karos, Punkte und viel mehr
„Muster machen mehr“

Leo, Karo, Blüten: Muster sind das Salz in der Modesuppe. Je nach Dosierung kann der Genuss jedoch auch gehörig schiefgehen. Carola Nahnsen, Stil- und Imageberaterin aus Steinfurt, erklärt, welche Portionierung Modegenuss beschert. Obendrein stellen wir die Muster vor, die Sie kennen sollten.

Sonntag, 01.03.2020, 09:04 Uhr aktualisiert: 04.03.2020, 16:48 Uhr
Streifen, Karos, Punkte und viel mehr: „Muster machen mehr“
Muster sind auch auf den aktuellen Laufstegen angesagt - wie hier bei Chanel. Foto: via www.imago-images.de

Mit Mustern verhält es sich wie mit Carola Nahnsens apricotfarbenem Mantel: Als sie vor einiger Zeit als Referentin bei einer größeren Gruppe von Frauen eingeladen war, hatte sie Lust auf das farbstarke Modell. Als sie ihn nach der Veranstaltung an der Garderobe suchte, hatte sie leichtes Spiel. Zwischen dunkelblauen, schwarzen und grauen Wintermänteln stach er heraus – wie mit dem Textmarker markiert. Mit Mustern sei es genauso: „In einem eher konservativen Umfeld kann auch schon ein Karo auffallen“, erklärt die Image- und Stilberaterin aus Steinfurt. Je modemutiger das Umfeld, desto mehr Muster brauche es, um aufzufallen.

Karos sind das Einsteigermuster.

Carola Nahnsen, Stilberaterin

Die sich kreuzenden farbigen Linien, die in einer unendlichen Vielfalt kombinierbar sind, sind für Carola Nahnsen gänzlich zeitlos. „Karos sind das Einsteigermuster“, erklärt sie. Selbst wer sich nur in Schlichtem wohlfühle,bleibe mit einem Glencheck-Karo,das auch in diesem Frühling/Sommer aktuell bleibt, in seiner Komfortzone. Als Bluse oder Top sei es dezent, als Blazer oder Hose schon ein wenig plakativer.

Sehr viel lauter dagegen kämen die Muster daher, die in der Tierwelt ihre Vorbilder finden. „Ich wüsste nicht, wannLeoeinmal nicht da war“, sagt die Expertin über diesen Klassiker. Durch das Retro-Revival der Saison mit Anklängen an die 70er und 80er Jahre seien auch wieder Reptilienmuster angesagt. Entscheidend dabei seien die Stoffe, „damit es nicht ins Günstige abrutscht“. Seide sei ein Material, das wertig genug sei, das Laute im Muster zu dämpfen. Grundsätzlich sei der Leo-Look aber eher etwas für Frauen mit grünen oder braunen Augen und nicht ganz so heller Haut.

Muster machen mehr.

Carola Nahnsen

Für alle Muster gilt: Nicht nur das Umfeld, in dem sie getragen werden, ist entscheidend für das Maß, mit dem sie auffallend wirken und Blicke auf sich ziehen. Auch die Körperpartie, auf der sie stattfinden, spiele eine entscheidende Rolle. „Muster machen mehr“, bringt es Carola Nahnsen auf den Punkt.

Wer einen schmalen Oberkörperhabe, sei mit einer gemusterten Bluse gut beraten, um Proportionen auszugleichen. Bei starken Beinen empfehle sich eine gemusterte Hose dann, wenn sie weit und weich fließend geschnitten sei und ein helles Oberteil zusätzliche Harmonie schaffe. Zierliche Frauen ließen lieber die Finger von zu großen Mustern. Grundsätzlich ­seien Muster eine Herausforderung für den Träger – in vielerlei Hinsicht. Viele ihrer Kundinnen überlegen genau, ob sie einem Mustertrend folgen, und fragten sich, ob er auch wirklich zu ihnen passe.

Und auch der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und bedachter gewählter Garderobe sei spürbar, erklärt Carola Nahnsen. Linien zu Punkten zu grafischen Formen: Der Mustermix sei etwas für mutige Frauen. „Da kann man sicher sein, dass man auffällt.“ Und das am liebsten nur positiv.

Für eine gelungene Mischung brauche es Orientierung, Planung und Übung. Orientierung gäben Magazine und Blogs, aber durchaus auch ein Schaufensterbummel außerhalb der Öffnungszeiten, um Ideen zu sammeln. Planbar werde ein Look, indem man ihn eingrenze und mit einer Farbfamilie beginne, innerhalb derer sich ein Outfit bewegt. Und nur durch den Spaß am Kombinieren stelle sich Sicherheit ein, den Mustermix zu beherrschen. Doch welches Muster sind berühmt? Welche sollten Sie kennen? Sie haben schon mal was von Hahnentritt und Pepita gehört, kennen aber nicht den Unterschied? Dann haben wir das Muster-ABC für Sie zusammengestellt:

La Marinière oder das Breton-Shirt

Wer in der Bretagne oder in der Normandie Urlaub macht, der kommt an diesen Streifen kaum vorbei. T-Shirts, Pullover, Tops: In Modegeschäften genauso wie in Souvenirshops gibt es das Breton-Shirt, wie es der Brite nennt. Es ist längst Kult – und hat eine lange Tradition. Denn französische Fischer trugen dort seit jeher indigoblau und weiß gestreifte Pullover. So hoben sie sich im dunklen Wasser des Atlantiks am besten ab.

Gingen sie einmal über Bord, konnten sie schneller gerettet werden. Obendrein besaß jede Fischerfamilie ihre eigenen Streifen – unterschiedlich in der Anzahl, aber immer indigoblau. Wurde ein toter Seemann an Land gespült, ließ er sich dank seinerMarinièrezuordnen. Tragisch und praktisch zugleich.

1858 übernahm die französische Marine die Streifenpullover als offizielle Uniform. Schließlich waren viele Fischer zugleich auch bei der Marine. Sie vereinheitlichte das Design: 21 weiße Streifen sollten es fortan werden. Plus 20 oder 21 blaue Streifen. Breite und Abstände wurden genau definiert. Der Marine-Look war geboren. Nur hatte er noch keine Fans. Doch dann kam Coco Chanel. Ihr gefielen die Streifen und sie führte sie 1917 in die Pariser Modewelt ein. Viele Prominente wurden auf das lässige Shirt aufmerksam. Auch Pablo Picasso schlüpfte ins La Marinière und trug es etwa beim Malen in seinem Atelier in Vallauris.

Das Vichy-Karo

Ein zweites Muster machte wenig später Karriere: dasVichy-Karo. Sein Ursprung ist nicht bekannt, das Muster gibt es überall auf der Erde. Es wird aber oft mit dem französischen Kurort Vichy in Verbindung gebracht. Bei den Briten heißt es Gingham. So mancher spricht schon mal abfällig vom Bauernkaro – weil es zu Beginn vorwiegend für Tischdecken und Servietten genutzt wurde. Die Grundfarbe des Karos ist meistens Weiß. Kombiniert wird es mit Blau, Rot oder Grün und deren Pastelltönen. Wieder war es eine Französin, die das Karo so richtig populär machte.

Stilikone Brigit Bardot heiratete 1959 in einem rosa-karierten Kleid. Das Vichy-Muster wurde von jetzt auf gleich salonfähig. Und das nicht nur in St. Tropez. Übrigens: Auch wenn das Hochzeitskleid der Bardot aus einem leichten sommerlichen Baumwollstoff gefertigt wurde: Es war natürlich nicht von der Stange, sondern stammt von Modeschöpfer Jacques Estérel.

Hahnentritt oder Pepita?

Ist es Hahnentritt oder doch Pepita? Die Frage aller Fragen, die so manchen Laien denken lässt: ein Webmuster, zwei Namen. Doch es gibt einen Unterschied – und zwar in der Rapportverbindung.

Pepita(3) setzt auf kleine Karos, die durch rechtwinklig oder schräg verlaufende Streifen miteinander verbunden sind. Das Muster ist klein und fein. In der Regel sind die Karos maximal einen Zentimeter groß. Benannt ist das Muster nach der spanischen Tänzerin Josefa de la Olivia Patin. Ihr Spitzname: „Pepita“.

Das klassische Hahnentritt-Design(4) verläuft versetzt in einer Treppenform und hat einen klaren Wechsel zwischen Schwarz und Weiß. Die Verbindung mit den diagonalen Streifenkaros wie beim Pepita entfällt. Der Name ist Programm:

So mancher erkennt im Muster den Fuß­abdruck eines Hahns. Andere deuten in den ausgefransten Karos Wind­räder. Mode-Ikone Coco Chanel liebte das Hahnentritt-Muster, das im Französischen „Pied de poule“ genannt wird. Sie setzte in den 1960er Jahren genau auf dieses Karo bei Etui-Kleidern und Kostümen.

Fischgrätmuster

Das Herringbone oder Fischgrätmuster(5) zählt zu den ältesten Mustern der Welt.

Schon die Wikinger haben Stoffe mit der markanten Zickzackstruktur gewebt. Die entsteht, da die Fäden versetzt gegeneinanderlaufen. Das Ergebnis: Ein robuster und fester Stoff und ein Muster, das an ein Fischskelett erinnert. Traditionell ist Fischgrät schwarz-weiß. Es gibt aber auch Variationen in Grau und Braun.

Polka-Dots und Argyle

Lebensfreude und mädchenhafte, schwingende Röcke: Diese Assoziationen wecken die Polka Dots, gleich­mäßig gedruckte Punkte auf Baumwollstoffen.

Mit demMusikstil haben sie wenig gemein, wohl aber mit folkloristischer Kleidung, wie sie bei Flamenco-Tänzen getragen wird.Polka Dots (8)sind ein Beispiel dafür, wie Muster von bestimmten Stimmungen und Botschaften besetzt werden. Ist es die Welt von Tanz und Ausgelassenheit bei den Punkten, dann ist es beimArgyle-Muster(9) die Welt britischer Dandys. Das Rautenmuster hat seinen Ursprung in der Vielfalt der schottischen Tartans, fand sich dann auf Strickwaren vor allem der Marke „Pringle of Scotland“ und später auf Socken von „Burlington“ wieder.

Comedy-Fans denken allerdings zuerst an Olaf Schubert: Der Satiriker trägt bei jedem Auftritt einen Pullunder mit Argyle-Rauten.

Marimekkos Unikko

Wer Marimekko hört, der hat sie ­direkt vor Augen: großformatige Mohnblumen in satten Tönen. Sie gehören zu einem Muster des finnischen Labels, das wie kein anderes das Unternehmen geprägt hat. Das„Unikko“(übersetzt Mohn, 6) besitzt einen enormen Wiedererkennungswert. Den farbenfrohen Klatschmohn gibt es bei Marimekko seit 1964. ­Entworfen wurde das florale Muster von Textil-Designerin Majja Isola – und das ganz bewusst.

Denn Firmengründerin Armi Ratia hatte zuvor erklärt, dass sie niemals ein Blumenmuster auf ihre Stoffe drucken würde. Sag niemals nie – das wusste schon James Bond. Die Mohnblumen wurden gedruckt – und sind bis heute im ­Programm. Und das auf Kleidern, Kissen, Taschen, Handtüchern, Geschirr . . .

Zickzack ist Missoni

So wie Unikko zur DNA von Marimekko gehört, ist dasZickzack-Muster (7)auf immer mit Missoni verbunden. Als Ottavio Missoni 2013 verstarb, titelte so manches Magazin mit „Der Zickzack-Modezar ist tot“. Das Muster kommt in aufregenden Farben und Wellen daher und erinnert an den Blick durch ein Kaleidoskop. Angefangen hat alles in den 1950er Jahren. Damals gründeten Ottavio und seine Frau Rosita ihre Firma. Eine Kettenwirkmaschine strickte das Zickzackmuster. Damals mit zwölf Farben, heute mit 40 Farben pro Kollektion. Das Muster gibt es heute nicht mehr nur auf Pullis. Auch auf Kleidern, Bikinis, Kissen, Teppichen. Das Zickzackmuster ist der rote Faden bei Missoni.


Tartan: So viel mehr als nur kariert

Was auf dem europäischen Kontinent landläufig als „Schottenkaro“ bezeichnet wird, heißt in der Heimat der Glens und Lochs „Tartan“ und ist eine überaus komplizierte Angelegenheit. Denn Karo ist nicht gleich Karo.

Im schottischen Tartan-Register sind knapp 9000 Mustereingetragen. Jeder Fußballclub, jede Whisky-Destille, jedes Hotel hat ein eigenes Muster. Einige Tartans dürfen nur von Mitgliedern eines bestimmten Clans getragen werden, andere sind den Militärs oder feierlichen Anlässen vorbehalten. Und ganz besondere, wie der Tartan namens „Balmoral“, dürfen nur von Mitgliedern der königlichen Familie getragen werden. Aber auch nur dann, wenn Her Majesty höchstpersönlich es erlaubt. „Balmoral“ wurde 1853 von Prinz Albert, dem Gemahl von Queen Victoria entworfen. Queen Victoria mit ihrer Liebe für Schottland war es auch, die dem Karo seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu seiner großen Popularität verholfen hat.

Dabei webten die Kelten ihr typisches Muster schon seit Tausenden von Jahren. Jeder Clan hatte sein eigenes Muster, was auch als Erkennungsmerkmal diente. Doch nach 1746, als die Engländer die Schotten vernichtend im Moor von Culloden schlugen, wurde das Tragen des „Highland Dress“ mit sechs Monaten Gefängnis bestraft. Wiederholungstätern drohtedie Verbannung in die Kolonien. Davon sind wir heute glücklicherweise weit entfernt. Modemarken wie Burberry, Barbour und Vivienne Westwood haben alle ihre eigenen Tartans – natürlich ordnungs­gemäß registriert.

Zum Thema

Mehr Infos unter:  www.tartanregister.gov.uk

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Von Stefanie Meier


Das Phänomen Burberry

Woran denken Sie – vorausgesetzt, Sie interessieren sich für Mode – bei folgenden Markennamen? Missoni? Burberry? Gudrun Sjöden? Oilily?

Dass die Produkte dieser Label nicht ganz günstig sind? Das stimmt. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang aber etwas anderes: Jedes dieser Unternehmen hat Muster zu seinen Markenzeichen erhoben.

Es gibt beispielsweise Menschen, die behaupten, der Kauf eines Missoni-Kleides sei eine vergleichsweise sichere Kapitalanlage. Dieses Zickzack-Muster, das, so beschreibt es das Online-Nachschlagewerk Wikipedia, aus kurzen Streckenbesteht, die in immer gleichen Winkeln an­einandergereiht ist – dieses Muster ist im Prinzip schon Legende.

Das gilt mindestens so sehr für die britische Traditionsmarke Burberry und ihr markenrechtlich geschütztes Karomuster. Wobei die Bezeichnung Klassiker ohnehin schon ein Erfolgsgarant ist. „Klassiker“, findet die Stylistin Susanne Niermann aus Münster, „kommen immer wieder.“ Burberry gelang ein Comeback, das bewies, dass etwas erst vorbei ist, wenn man aufhört, daran zu glauben. Das Karo, an dem sich der moderne Mensch angeblich leid gesehen hatte und das er allenfalls noch mit passender Hochmoor-Kleidung für die britische Queen in Verbindung brachte, eroberte ganz plötzlich erneut den Weltmarkt. Neuen Designern gelang es, den bisherigen Schnitten den Muff zu nehmen und „typisch Burberry“ wieder zu einem Sehnsuchtsnamen zu machen. „Die Regenhüte, die früher als komplett gestrig und verstaubt galten, sind plötzlich wieder It-Pieces“, erklärt Susanne Niermann. Geschickt überzeichnete Schnitte machen das typische Burberry-Karo zu einem Muster mitten im Hier und Jetzt.

Was das alles mit Gudrun Sjödén, dem Naturmodehersteller aus Schweden, zu tun hat? Auch bei diesem Label herrscht Verlässlichkeit. Was den Weg in einen der Verkaufsräume der Marke schafft, ist garantiert vielfarbig und gemustert. Wer diese Mode trägt, hat ganz offensichtlich keine Probleme mit seinem Selbstwertgefühl. Diese Kleider sagen: Seht her, hier bin ich, und ich fühle mich wohl.

In diesem Zusammenhang fallen Susanne Niermann manchmal die Kleider und Hosen ein, die sie früher gern für ihre Kinder gekauft hat. Wenn die nun Fotos von damals sehen und feststellen, dass es Zeiten gab, in denen sie von Kopf bis Fuß wie Markenbotschafter des Kunterbunt-Modeherstellers Oilily aussahen, dann werfen sie ihrer Mutter vielsagende Blicke zu. Deren Reaktion: „Ganz ehrlich – ich fand das ­damals schön.“

Muster spielen für sie noch immer hin und wieder eine Rolle. Allerdings dürfen sie nicht laut und überzeichnet sein. „Für mich brauchen Muster eine gewisse Ordnung beziehungsweise Anordnung. Anders würden sie heute nicht mehr zu mir passen.“

Von Annegret Schwegmann

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