Coronavirus
Keine pauschalen Schulschließungen in Deutschland geplant

Zwangsferien wegen Coronavirus? Was in Italien seit heute Realität ist, ist in Deutschland zurzeit nicht geplant. Um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, schotten einige Länder sich zunehmend ab - und verwehren Besuchern die Einreise.

Donnerstag, 05.03.2020, 19:42 Uhr aktualisiert: 05.03.2020, 19:44 Uhr
Eine Ärztin mit Abstrichbesteck in einem Medizinischen Versorgungszentrum in Groß-Gerau. In Deutschland ist die Zahl der nachgewiesenen Coronavirus-Infektionen, Stand Donnerstag, laut Robert Koch-Institut auf 400 gestiegen; betroffen sind alle Bundesländer außer Sachsen-Anhalt.
Eine Ärztin mit Abstrichbesteck in einem Medizinischen Versorgungszentrum in Groß-Gerau. In Deutschland ist die Zahl der nachgewiesenen Coronavirus-Infektionen, Stand Donnerstag, laut Robert Koch-Institut auf 400 gestiegen; betroffen sind alle Bundesländer außer Sachsen-Anhalt. Foto: Andreas Arnold

Berlin (dpa) - In einigen Städten haben viele Schüler derzeit frei, weil es im Umfeld ihrer Schule Infektionen mit dem neuen Coronavirus gegeben hat. Eine bundesweite Schulschließung halten Experten etwa vom Deutschen Lehrerverband allerdings für nicht gerechtfertigt.

Lange Komplettschließungen ohne «konkret nachgewiesene, bestätigte Verdachtsfälle» halte er für falsch, sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. «Das wäre ein Maßnahmenoverkill.»

Die Diskussion um mögliche Schulschließungen wird in Deutschland durch die Entscheidung der italienischen Regierung angefacht. Die hatte am Mittwoch beschlossen, Kindergärten, Schulen und Hochschulen bis Mitte März, möglicherweise auch länger, geschlossen zu lassen. Italien ist das Land in Europa mit den meisten bestätigten Infektionen. Mittlerweile sind es rund 3100 Fälle, mehr als 100 Menschen starben bisher.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beklagte, dass zu viele Länder der Welt noch nicht angemessen auf eine mögliche Ausbreitung des Virus vorbereitet seien. «Wir sind besorgt, dass manche Länder dies entweder nicht ernst genug nehmen oder entschieden haben, dass sie eh nichts tun können», sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf. «Wir sind besorgt, dass der Umfang des politischen Engagements und die dafür nötigen Maßnahmen dem Umfang der Bedrohung, der wir uns alle gegenübersehen, nicht entsprechen.» Die WHO verspricht zusammen mit der Weltbank allen Ländern Unterstützung bei den Vorbereitungen.

In Deutschland stieg die Zahl der nachgewiesenen Fälle laut Robert Koch-Institut auf 400 (Stand: Donnerstag), betroffen sind alle Bundesländer außer Sachsen-Anhalt. Auch hierzulande sei die Verunsicherung bei Eltern, Lehrkräften und Schülern hoch, erläuterte Meidinger vom Lehrerverband mit Blick auf mögliche Schulschließungen. Das liege auch daran, dass keine einheitliche Verfahrensweise in den Bundesländern erkennbar sei. Letztendlich müsse eine Güterabwägung vorgenommen werden: «Rechtfertigt der Grad der gesundheitlichen Gefährdung, dass mit der Schließung von Schulen Abschlussprüfungen ausfallen und die gesamte Bildungsplanung von Kindern in Gefahr gerät.»

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte bereits nach einem Krisentreffen der Fachminister von Bund und Ländern am Mittwoch, dass er pauschale Schul- oder Universitätsschließungen nicht für angemessen halte. «Wenn durch flächendeckende Schulschließungen in Deutschland zum Beispiel Pflegekräfte und Ärzte fehlen, weil sie zum Beispiel alleine erziehen und sich darauf verlassen, dass Schulen und Kindergärten zeitnah zur Verfügung stehen, dann hat das auch wieder Folgen für das Gesundheitswesen.» Landesweite Schulschließungen kann sich der Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, Karl-Josef Laumann (CDU), trotz steigender Infektionen in NRW nicht vorstellen.

Das Robert Koch-Institut betonte, dass grundsätzlich die örtlichen Gesundheitsämter über Schulschließungen entschieden - also kein Bundesland und keine Bundesregierung.

Einige Gesundheitsämter haben bereits zumindest vorübergehend eine Schulschließung angeordnet. In der Städteregion Aachen, wo es zuletzt 25 nachgewiesene Sars-CoV-2-Fälle gab, wurden fünf Schulen und eine Kita für diese Woche geschlossen. Auch an Gymnasien in Köln und Schwalmtal (Kreis Viersen) war der Unterricht ausgefallen. In Berlin waren zuletzt zwei Schulen geschlossen, in Würzburg und Unterhachingen je eine. In Stade (Niedersachsen) dagegen war zwar ein Lehrer eines Gymnasiums positiv getestet worden - einen Unterrichtsausfall hielt das Gesundheitsamt jedoch nicht für nötig.

Angesichts der Schulschließungen hat der Deutsche Realschullehrerverband (VDR) ein Maßnahmenpaket zum Schutz von Schülern und Lehrern gefordert. «Wir dürfen keine Zeit verlieren und keine unnötigen Risiken eingehen», sagte der VDR-Bundesvorsitzende Jürgen Böhm am Donnerstag in München. Konkret dringt der Verband auf «konsequente Umsetzung und Kontrolle der notwendigen Hygienemaßnahmen an den Schulen» sowie klare Entscheidungen der Behörden über Schulschließungen.

In Italien hat die Entscheidung der Regierung kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Millionen Bürger stehen vor der Frage, wie sie ihre Kinder betreuen sollen. Auch Kindergärten sind geschlossen. «Die Politik hat Angst, Verantwortung zu übernehmen. Da lässt sie lieber das Land untergehen», sagte etwa die Selbstständige Julia Brunelli, die in Rom wohnt und nun mit zwei Kindern zuhause arbeitet. Die meisten Eltern mussten auf die Hilfe von Großeltern und Kindermädchen zurückgreifen - oder konnten nicht zur Arbeit gehen.

In dem Dekret der italienischen Regierung steht zudem, dass Menschen mindestens einen Meter Abstand voneinander halten sollen. Auch Sportveranstaltungen jeder Art müssen ohne Publikum ausgetragen werden. Kinos und Theater sollen zu bleiben. Regierungschef Giuseppe Conte rechtfertigte die Entscheidung. Ziel sei es, die Versorgung aller Patienten in Kliniken zu garantieren. Wenn die Zahl der Ansteckungen rapide steige, könne eine Versorgung derer, die Intensivmedizin benötigten, nicht gewährleistet werden.

Auch in Teilen Griechenlands blieben in einigen Regionen Schulen, sowie Theater, Kinos und archäologische Stätten geschlossen. Grund sind mittlerweile 21 nachgewiesenen Infektionen bei einer griechischen Reisegruppe, die aus Israel und Ägypten nach Griechenland zurückgekehrt war. Die Maßnahmen betreffen zwei Regionen auf der Halbinsel Peloponnes sowie die Insel Zakynthos.

Japan wird ab Montag alle Besucher aus China und Südkorea für zwei Wochen unter Quarantäne stellen. Das erklärte der rechtskonservative japanische Ministerpräsident Shinzo Abe. Ausgestellte Visa an Besucher aus diesen beiden Staaten werden zudem bis auf weiteres für nicht gültig erklärt. Ferner wird der Weiterverkauf von Schutzmasken für illegal erklärt.

Nach Verhängung strenger Einreisebestimmungen befinden sich nach Medienberichten vom Donnerstag rund 100.000 Israelis in Heimquarantäne. Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Spanien dürfen nach einer Entscheidung des Gesundheitsministeriums außerdem nicht mehr einreisen - es sei denn, sie können glaubhaft versichern, dass sie eine zweiwöchige häusliche Quarantäne einhalten können.

Weltweit sind mittlerweile über 95.000 Infektionen und 3280 Todesfälle bestätigt. Allein rund 3000 Menschen sind bislang auf dem chinesischen Festland gestorben, wo das Virus zuerst nachgewiesen wurde. Von insgesamt gut 80.000 Infizierten sind nach offiziellen Angaben inzwischen mehr als 52.000 geheilt.

Angesichts massiver Folgen für die Wirtschaft durch das Virus sieht die Industrie die Gefahr einer Rezession in Deutschland als erheblich gestiegen an. «Das wirtschaftliche Wachstum droht, fast zum Erliegen zu kommen», heißt es im neuen Quartalsbericht des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

Auch das Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am 31. März in Nürnberg gegen Italien steht wegen der Coronavirus-Epidemie auf der Kippe. Wenn die Entscheidung heute zu treffen wäre, würde die Stadtverwaltung wegen der zu erwartenden Anreise Tausender Besucher aus Italien eine Absage empfehlen, erklärte Nürnbergs Sozialreferent Peter Pluschke. Die Situation könne sich aber binnen einer Woche signifikant ändern.

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