Reitsport
Kniffliges Handwerk: Das Geheimnis eines guten Sattels

Langenhagen -

Ein Sattel? Den zu machen, kann so schwer nicht sein, oder? Wer so denkt, sollte sich bei einem Sattler umsehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit behauptet der Besucher Stunden später das Gegenteil. Ein Ortstermin.

Sonntag, 02.08.2020, 17:00 Uhr aktualisiert: 02.08.2020, 17:19 Uhr
Zu 80 Prozent handelt es sich bei der Sattelproduktion um Handarbeit.
Zu 80 Prozent handelt es sich bei der Sattelproduktion um Handarbeit. Foto: Wilfried Gerharz

Georg Dirk Kannemeier ist ein verbindlicher Mann, einer, der die sachlichen Töne immer den lautsprecherischen vorzieht. Wenn er jedoch dort steht, wo alles beginnt, und auf die Bambusstäbe zeigt, die in den sogenannten Sattelbaum eingearbeitet sind, dann bekommen unternehmerischer Stolz und Selbstbewusstsein die Oberhand. „Das“, sagt der Chef, „können nur wir.“ Jeder Hersteller eines hochwertigen Sattels hat seine eigene Lösung für anatomische und sonstige Probleme gefunden.

Das sonstige Problem ist in diesem Fall der Schweiß des Pferdes. „Er enthält Ammoniak, und das ist für das Material ein komplettes Desaster.“ Kannemeiers Vorfahren haben geforscht, experimentiert und schließlich einen genial einfachen Weg gefunden: Bambus ist nicht nur biegsam, – es eignet sich auch fantastisch als Speicher für Flüssigkeiten. Der Trick mit dem Ammoniakspeicher ist nicht der einzige, der die Firma Passier zu einem der exklusivsten Sattelmacher in Europa gemacht hat.

Auftragsbücher sind voll

75 Mitarbeiter beschäftigt der Familienbetrieb in Langenhagen. Sechs von ihnen arbeiten in der Verwaltung, alle ­anderen sind in die Produktion und den Versand eingespannt – und das genau so intensiv wie vor der Corona-Krise. Die anfänglichen Sorgen des Firmenchefs haben sich nicht bestätigt. Der Handel ordert nach wie vor individuell an die Anatomie von Pferd und Reiter angepasste Sättel, die Auftragsbücher sind voll, die Wartezeiten liegen – wie vor der Pandemie – bei etwa sechs Wochen. Woran das liegt, obwohl auch im Reitsport große Turniere nicht möglich sind? Schwer zu sagen. Kannemeier weiß nur eines mit Gewissheit: dass er und sein Team unendlich erleichtert sind.

Der 51-Jährige führt den Familienbetrieb in der fünften ­Generation. Als sein Ur-Ur-Großvater die Firma gründete, ernährte das Handwerk noch mehr als 100 lizenzierte Werkstätten. „Die Heeresvorschriften waren unmissverständliche Handreichungen“, erzählt Kannemeier. „Jeder Nadelstich hatte an der exakt richtigen Stelle zu sitzen.“ Unterscheidbar und raffiniert konstruiert sind Sättel erst danach geworden. Die meisten Werkstätten überlebten diesen Prozess nicht. Neben Passier behaupten sich nur noch zwei weitere deutsche Unternehmen auf dem hart umkämpften Markt der ­Premiumprodukte.

Sattelbaum ist bares Geld wert

Zurück in die Produktion. Zwei Männer arbeiten gerade in der sogenannten Baummacherei, in der die Basis des Sattels ange­fertigt wird. Sattlermeister, die den Ehrgeiz haben, hochwertige Sättel zu konzipieren, wissen, wie wichtig gerade dieser Sattelbaum ist. Passier hat ihn so konstruiert, dass die Kopfeisen im Sattelbaum immer wieder veränderbar sind. Für den Reiter bedeutet das bares Geld – beziehungs­weise die Ersparnis des­selben. Wenn Reiter immer wieder neue Sättel kaufen müssten, weil ihre Pferde dicker geworden sind oder sie selbst, würde der ­Reitsport für viele unerschwinglich. Ein guter Sattel aus dem Hause Passier kostet zwischen 2250 und 4300 Euro. Den kauft ein Durchschnittsverdiener nicht mal eben so.

Kannemeier befindet sich mittlerweile in der größten seiner Produktionshallen. Das Team arbeitet leise und konzen­triert. Jeder kennt seine Aufgabe, und wenn er sie erledigt hat, trägt er seinen Namen auf dem Zettel ein, der Stunden später in der Endabnahme eine Rolle spielt. Sollte dem ge­rade zuständigen Sattlermeister ein Problem auffallen, weiß er genau, an wen er sich wenden kann.

Sattel mit Swarowski-Steinen

Die Endabnahme ist auch aus ästhetischen Gründen interessant. Viele Reiter bestellen Sättel mit Applikationen, farbigen Nähten und Schmucksteinen. Kannemeier steht ge­rade neben einem Sattel, der als Muster an einen Fach­betrieb im Einzelhandel geht. An einer Seite glitzert ein Band, auf dem Swarovski-Steine angenäht sind. Darunter schimmert ein Stück Lackleder in einer farbigen Melange aus zartem Rot und Rosa. „Der Sattel bleibt nicht lange im Geschäft“, ist sich der 51-Jährige sicher. „Der ist wahrscheinlich schon nach einer Woche verkauft.“ Mutmaßlich an eine noch sehr junge Frau.

Einige Arbeitstische von diesem Mustersattel entfernt, legt Petra Chiarot gerade eine Schablone auf gegerbte Bullen-Haut. Sattelkissen aus dem Leder auszuschneiden, mag nicht sonderlich schwierig klingen. Tatsächlich ist es aber einer der wichtigsten Arbeitsschritte. „Sehen Sie hier“, sagt der Firmeninhaber und dehnt das Leder in unterschiedliche Richtungen. „Das Dehnungsverhalten der beiden Hälften muss exakt gleich sein.“

Petra Chiarot nimmt gerade eine neue Schablone zur Hand und ahnt vermutlich, dass gleich die Sattelmodelle Corona 1 und 2 an der Wand hinter ihrem Rücken auffallen werden. „Jetzt merkt man erst einmal, wie viele Dinge und Menschen Corona heißen.“

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