Jahrhundert-Winterchaos
Madrid bibbert: Nach dem Schnee kommt Rekordkälte

Weite Teile des zugeschneiten Zentralspaniens müssen sich nun auf klirrendem Frost gefasst machen. Auf einen derart massiven Wintereinbruch war das sonst von Wärme verwöhnte Land nicht vorbereitet. Manche sehen aber auch ein Gutes in der Kältewelle.

Montag, 11.01.2021, 18:29 Uhr aktualisiert: 11.01.2021, 18:32 Uhr
Busse des öffentlichen Nahverkehrs (EMT) stehen zugeschneit auf einer Straße in Madrid.
Busse des öffentlichen Nahverkehrs (EMT) stehen zugeschneit auf einer Straße in Madrid. Foto: Marcial Rodríguez

Madrid (dpa) - Millionen Menschen in Zentralspanien mit der Hauptstadt Madrid droht nach den heftigsten Schneefällen seit mindestens 50 Jahren nun eine Kältewelle.

Das Quecksilber könnte in den kommenden Nächten in Madrid auf bis zu minus zehn Grad fallen, in höher gelegenen Städten auch noch weit darunter. Kein Spaß in nur mäßig isolierten Wohnungen mit zugigen Fenstern. «Wir haben die Heizung voll aufgedreht, aber es ist trotzdem kalt», beklagte ein Madrilene. Ein Nachbar hat sogar nur Heizlüfter und eine Wärmflasche. «Ich komme mir vor wie in einem Iglu», erzählt er.

Während die weiße Pracht am Wochenende noch für ausgelassene Schneeballschlachten wie etwa an der berühmten Puerta del Sol im Herzen Madrids sorgte, wurden die Schneemassen am Beginn der Arbeitswoche für viele auch zu einem echten Ärgernis. Schulen mussten schließen, der Nachschub an Gemüse, Obst und Fleisch in Geschäften stockte. In einem Supermarkt des Stadtteils Vallecas wurde am Morgen plötzlich das gesamte Personal per Lautsprecherdurchsage auf die Straße beordert. «Der Lastwagen kam wegen des Schnees nicht an die Laderampe und die Obstladung musste per Hand entladen werden», erzählte eine Anwohnerin. Aber immerhin: Das sonst bei Krisen schnell ausverkaufte Toilettenpapier gab es noch in Hülle und Fülle.

Besonders schlimm blieb die Lage im Armenviertel Cañada Real südöstlich von Madrid. In der illegalen Slum-Siedlung haben die rund 4500 Bewohner schon seit drei Monaten keinen Strom. Der linke Vize-Regierungschef Pablo Iglesias forderte das zuständige Stromversorgungsunternehmen wegen der Kälte auf, die Siedlung sofort wieder an das Stromnetz anzuschließen. Die Stadt Madrid betonte hingegen, der Strom sei gar nicht abgestellt, sondern das Netz breche dort immer wieder wegen des hohen Stromverbrauchs von Marihuana-Pflanzungen in Innenräumen zusammen. Die Behörden begannen mit der Verteilung von Gasflaschen und Heizstrahlern, wie das staatliche Fernsehen RTVE weiter berichtete.

Der Jahrhundertwinter trifft Spanien mitten in der Corona-Krise. Schnee und Eis behinderten dabei auch die gerade erst mit Schwierigkeiten angelaufene Impfkampagne. In sozialen Medien machten sich manche einen Spaß: «In Madrid machen sie wirklich ernst mit der Kühlkette für den Impfstoff», scherzte etwa einer auf Twitter. Andere meinten, der Wintereinbruch könne auch seine gute Seite haben, weil die Menschen nun endlich mal wirklich zuhause blieben.

Relativ kalte Winter sind in Madrid nicht ungewöhnlich. Die Stadt liegt rund 650 Meter über dem Meeresspiegel und mehr als 300 Kilometer vom Meer entfernt, hat also ein eher kontinentales Klima. Aber auf solche Schneemassen wie am Wochenende und für die angekündigte Kältewelle sind weder die Behörden noch die Menschen vorbereitet. Bisher starben landesweit vier Menschen.

Der Klimaforscher Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sagte, dass extreme Wintereinbrüche auch im Klimawandel nicht ausgeschlossen seien. «Wetterlagen, die im Sommerhalbjahr mit Starkregen in dieser Region verbunden sind, können im Winter bei um die Null Grad zu Starkschneefall führen», sagte Hoffmann der Deutschen Presse-Agentur. Der Deutsche Wetterdienst führt den Wintereinbruch vor allem auf die besondere Wetterlage zurück. Es gebe derzeit eine Umdrehung der normalen Strömungsverhältnisse in Europa, sagte DWD-Sprecher Andreas Friedrich. «Mit Klimawandel hat das absolut nichts zu tun», so Friedrich.

Die Räumdienste arbeiteten seit dem Ende der Schneefälle am Samstagabend gegen die Uhr, um zumindest die wichtigsten Straßen passierbar zu machen. Am Montag wurden sogar Spitzhacken eingesetzt, um das Eis zu entfernen. Eine erhebliche Gefahr stellten auch von Dächern herabfallende große Eisbrocken dar.

Sich in Madrid fortzubewegen, war deshalb auch am Montag noch schwierig. Selbst auf Hauptstraßen wie etwa der Atochastraße im Stadtzentrum war meist nur eine Fahrspur geräumt, während Gehwege gefährlichen Eispisten glichen. Die wenigen Menschen, die ihr Haus etwa für Einkäufe verließen, gingen auf den Fahrbahnen, auf denen ohnehin kaum Autos unterwegs waren. Stadtbusse verkehrten weiterhin nicht, nur die U-Bahn stand zur Verfügung. Fernzüge hatten ihren Betrieb schon am Sonntagnachmittag wieder aufgenommen, Vorortzüge sollten ab Montagnachmittag wieder rollen. Auch der internationale Flughafen Barajas von Madrid war wieder geöffnet.

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