Vermischtes
Mythos Gramercy Park: Der begehrteste Schlüssel New Yorks

New York (dpa) - Klein, eckig, silber - auf den ersten Blick wirkt der begehrteste Schlüssel New Yorks unscheinbar, aber er öffnet das Tor in eine andere Welt.

Mittwoch, 08.05.2013, 08:18 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 08.05.2013, 08:13 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 08.05.2013, 08:18 Uhr

Wer eins der nur rund 400 Exemplare besitzt, kann den mitten in Manhattan gelegenen Gramercy Park, den einzigen echten Privatpark der Millionenmetropole, betreten und sich dem Neid aller New Yorker und Touristen draußen am Zaun sicher sein.

«Der Park ist einfach wunderschön», sagt Lena Koropey, die mehrere Jahre lang glückliche Schlüsselbesitzerin war und immer noch direkt um die Ecke wohnt. «Er hält die Gegend ruhig und sobald ich ihn betrete, atme ich aus.»

Seit Koropey als kleines Mädchen den direkt am Park gedrehten Woody-Allen-Klassiker «Hannah und ihre Schwestern» gesehen hatte, wollte sie genau hier wohnen: am Gramercy Park, zwischen der 20sten und 21sten Straße in Manhattan, am unteren Ende der Lexington Avenue zwischen Park und Third Avenue. Das kleine Viertel im Schatten des Empire State Buildings ist eine Oase der Ruhe in einer der geschäftigsten - und dank des Parks auch teuersten - Gegenden der Stadt. Früher lebten hier der Schauspieler John Barrymore, der Autor John Steinbeck, und auch der frühere Präsident John F. Kennedy kam gerne vorbei. Heute residieren Karl Lagerfeld, Julia Roberts, Uma Thurman und Rufus Wainwright am Gramercy Park. Der Schlüssel ist eines der begehrtesten Statussymbole der Stadt.

Im Park blüht es lila, gelb und rosa. Es riecht nach Frühling, und uralte Bäume stehen auf kleinen Wiesen zwischen Vogelhäuschen, einer Sonnenuhr und großen Blumenpötten mit Tulpen darin. Eine Statue des melancholisch hereinschauenden Schauspielers Edwin Booth aus dem 19. Jahrhundert thront in der Mitte, und ein Mobile des Künstlers Alexander Calder baumelt im Wind. Sein Enkel lebt direkt am Park. Nur wenige Menschen sitzen auf den grünen Bänken, lesen oder schieben Kinderwagen über die Kieswege. Selbst die Vögel und Eichhörnchen wirken deutlich entspannter als in anderen New Yorker Parks.

Im Internet suchte die 35-jährige Koropey vor acht Jahren nach Wohnungen und aktualisierte immer wieder die Webseite, bis endlich ihr Traum-Apartment auftauchte. Mit dem Scheck über die Summe der Kaution in der Hand, machte sich Koropey auf den Weg. «Der damalige Mieter war total überrascht, er hatte sein Angebot wirklich gerade erst hochgeladen. Aber so habe ich die Wohnung bekommen, denn kurz darauf ist er von Hunderten E-Mails überflutet worden, aber ich war schon da.» Beim Frühstück genießt sie von da ab jeden Morgen den Blick auf den etwa einen Hektar großen Park und benennt sogar ihre Business-Etikette-Firma «Gramercy Protocol» nach der Grünfläche. «Ich dachte mir: "Das ist, wo ich lebe, das ist, was mich jeden Tag motiviert und inspiriert, das macht Sinn".»

Die Fläche war einst ein Sumpf, bis der Anwalt und Politiker Samuel Ruggles sie in den 1830er Jahren kaufte. Kurz darauf wurde der Park eingezäunt, 1844 abgesperrt und nur noch für Einwohner zugänglich gemacht. Nur 39 Gebäude liegen direkt am Gramercy Park - und haben damit Schlüsselrechte. 7500 Dollar (etwa 5700 Euro) Zugangsgebühren muss jedes Anwesen im Jahr bezahlen und bekommt dafür zwei der nummerierten Exemplare, die die vier Tore des streng abgesicherten Zauns öffnen. Wer nicht bezahlt, bekommt die Zugangsrechte entzogen - eine Strafe, die, so schreibt die «New York Times», «so schmerzhaft sei, dass sie noch nie angewandt werden musste».

Jeder Anwohner kann sich - für 350 Dollar pro Jahr - selbst einen Schlüssel bestellen. Wer ihn einmal verliert, zahlt 1000 Dollar, wer ihn nochmal verliert 2000. Anwohner können bis zu fünf Gäste mitbringen. Schlüssel und Schlösser werden jedes Jahr ausgetauscht. «Bis vor zehn Jahren sind plötzlich überall Schlüssel aufgetaucht», sagt Arlene Harrison, Präsidentin der Parkverwaltung und Herrscherin über die Schlüssel. «Wir haben sogar herausgefunden, dass ein Schlosser in Europa sie nachmachte.» Harrison setzte dem Treiben mit noch strengeren Sicherheitsvorschriften ein Ende. So bekommen die Gäste des direkt am Park gelegenen schicken Gramercy Park Hotels jetzt keine Schlüssel mehr ausgeliehen, sondern müssen hin und zurück eskortiert werden.

«An einem schönen Tag wie heute mache ich das allein am Vormittag sicher zehn Mal», sagt einer der Hotel-Portiers, der den begehrten Schlüssel an einem großen Metallring bei sich trägt. Er selbst würde mit seiner Familie allerdings nicht in den Park gehen - vor allem wegen der vielen Verbote: Ballspielen, den Rasen betreten, Fotografieren, Radfahren, Haustiere, Joggen, Essen, Trinken, Eichhörnchen füttern und auch sonst fast alles, was nicht beim ruhig auf der Bank sitzen gemacht werden kann, ist im Gramercy Park streng untersagt. «Ich nenne es den "Park ohne Spaß"», sagt der Hotel-Portier. «Er ist für reiche Leute, sehr elitär. Ich gehe mit Familie und Freunden lieber in den Central Park.»

Lena Koropey ist vor ein paar Jahren umgezogen, nur etwa 50 Meter weiter. Die Wohnung war schöner, aber sie liegt nicht mehr direkt am Park. Ihren Schlüssel musste Koropey daraufhin abgeben, nun kann sie nur noch mit Freunden und Bekannten in den Park. «Jetzt erst merke ich wirklich, was ich da hatte», sagt sie.

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