Corona-Pandemie
Handel leidet unter Lockdown - Pleitewelle befürchtet

Eine Verlängerung des Corona-Lockdowns durch Bund und Länder scheint Formsache. Eine Wiedereröffnung der Innenstädte am 10. Januar ist damit zunehmend unwahrscheinlich. Nicht nur der Handel leidet, Ökonomen erwarten eine Insolvenzwelle.

Sonntag, 03.01.2021, 14:54 Uhr aktualisiert: 03.01.2021, 14:56 Uhr
Der Handel rechnet nicht mit einem raschen Ende der coronabedingten Ladenschließungen in Deutschland.
Der Handel rechnet nicht mit einem raschen Ende der coronabedingten Ladenschließungen in Deutschland. Foto: Tom Weller

Berlin (dpa) - Der Handel rechnet nicht mit einem raschen Ende der coronabedingten Ladenschließungen in Deutschland und befürchtet das Aus für Zehntausende Geschäfte.

«Ich fürchte, dass die Läden am 10. Januar noch nicht wieder öffnen dürfen. Denn das Ziel, die 7-Tage-Inzidenz bundesweit auf unter 50 zu senken, wird bis dahin wohl nicht zu erreichen sein», sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth, der Deutschen Presse-Agentur.

Am Dienstag fällt die Entscheidung über die Verlängerung der Beschränkungen. Eine Verlängerung scheint Formsache - offen ist angesichts weiter hoher Infektionszahlen wohl nur noch die Dauer.

Der Handel fühlt sich in der Krise alleingelassen. «Die Lage ist wirklich sehr ernst», erklärte Genth. «Bundesfinanzminister Olaf Scholz kündigt zwar immer Milliardenhilfen an, tatsächlich kommen die Hilfen aber nicht zur Auszahlung, weil die Zugangshürden viel zu hoch sind.» In den nächsten Monaten drohe eine Insolvenzwelle im Einzelhandel. Viele Unternehmen, die von dem zweimaligen Lockdown betroffen seien, hätten ihr Eigenkapital weitgehend aufgezehrt und benötigten jetzt wirtschaftliche Unterstützung. Andernfalls drohe das Aus «für bis zu 50.000 Geschäfte».

Auch DIW-Chef Marcel Fratzscher erwartet bei einer Verlängerung des Corona-Lockdowns schwere Auswirkungen. «Je länger es dauert, desto mehr Unternehmen kommen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, desto mehr werden pleitegehen», sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung der «Augsburger Allgemeinen». «Die Frage ist jetzt nicht, ob eine Welle an Unternehmensinsolvenzen kommen wird, sondern wann.» Es drohe auch ein Anstieg der Arbeitslosigkeit. Fratzscher betonte, es sei dennoch richtig, den Lockdown bei weiter hohen Infektionszahlen zu verlängern. «Wirtschaftliche Lockerungen jetzt mögen kurzfristig manchen nutzen, langfristig würden sie jedoch allen schaden.»

Wegen der Corona-Pandemie werden nach Ansicht des Ökonomen Gabriel Felbermayr in Deutschland rund 600.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Am härtesten treffe es Bereiche, die bereits vorher einem strukturellen Wandel unterlagen wie etwa die Luftfahrt- und die Tourismusbranche. «Nachhaltig wird die Pandemie den Einzelhandel verändern», sagte der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft der dpa. Einige Bevölkerungsschichten kauften erstmals im Internet ein, Vorbehalte schwänden. «Für den Einzelhandel in den Innenstädten und in Einkaufszentren ist die Krise deshalb auch dann nicht vorbei, wenn das Infektionsgeschehen eigentlich die Rückkehr in die Innenstädte erlaubt.»

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will Handel und Kommunen mit einem Hilfsprogramm unterstützen, damit Innenstädte angesichts des Online-Booms attraktiver werden. Der CDU-Politiker sagte der dpa: «Es muss darum gehen, attraktiven, zeitgemäßen Einzelhandel in der Innenstadt zu ermöglichen. Das wird dann auch bedeuten, dass die Geschäfte stärker an der Digitalisierung teilhaben und wir Kultur und Wirtschaft noch mehr miteinander verzahnen. Es wird bedeuten, dass wir interessante Angebote auch jenseits von Shopping in die Innenstädte holen. Das alles wird ohne öffentliche Unterstützung nicht gehen.»

Altmaier sagte, zu den großen Problemen des zweiten Lockdowns, die ihn umtrieben, gehöre, dass der Einzelhandel in den Innenstädten erneut zurückgeworfen worden sei. «Viele kleine und mittelständische Einzelhändler vom Schuhgeschäft bis hin zu Modegeschäften sind enorm unter Druck. Da sind zum einen die Einkaufszentren auf der grünen Wiese, zum anderen die Digitalisierung und die großen Internetplattformen, die jetzt durch den Lockdown noch einmal die Chance haben, ihr Geschäftsmodell auszuweiten.»

Beim Handelsverband HDE hieß es, vorrangiges Ziel müsse es sein, die Geschäfte zu öffnen, sobald dies aus Sicht der Virologen wieder möglich sei und sie dann auch geöffnet zu halten. «Wir können uns nicht von einem Lockdown zum nächsten entlanghangeln. Das werden viele Tausende Handelsunternehmen, insbesondere Modehäuser, nicht überstehen», warnte Genth. Dass geöffnete Ladentüren und Pandemiebekämpfung kein Widerspruch seien, habe der Einzelhandel in den vergangenen Monaten bewiesen.

Fest steht für den Branchenkenner, dass das Einkaufen künftig digitaler wird. Viele Kunden, die früher nicht online eingekauften, hätten in der Pandemie erlebt, dass es funktioniere. Für den stationären Handel sei der stürmische Wandel aber nicht so einfach zu bewältigen. «Viele Händler versuchen zur Zeit, im Internet ein zweites Standbein aufzubauen, aber das ist enorm schwierig», betonte Genth. Für einen Mittelständler sei es eine große Herausforderung, im Wettlauf mit großen Anbietern überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Ein anderes großes Problem sei der harte Preiswettbewerb, der im Internet alles dominiere.

Die Unternehmen benötigten deshalb staatliche Unterstützung. Vorbild dafür könne Nordrhein-Westfalen mit seinen Digital-Coaches sein - Beratern, die zu Unternehmen gehen und sie passgenau bei der Digitalisierung unterstützen.

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