Dauerschnäppchen in der Kritik
Auswege aus «Billigstpreisen» für Lebensmittel gesucht

Beim Einkaufen achten die meisten Verbraucher auf den Preis - auch bei Lebensmitteln. Doch wie billig muss es wirklich sein? An immer neuen Aktionen im Handel wächst die Kritik - nicht nur bei Bauern.

Dienstag, 05.01.2021, 18:35 Uhr aktualisiert: 05.01.2021, 18:38 Uhr
Ein Einkaufswagen wird durch einen Supermarkt geschoben. Die immer billiger werdenden Preise für Lebensmittel stehen in der Kritik.
Ein Einkaufswagen wird durch einen Supermarkt geschoben. Die immer billiger werdenden Preise für Lebensmittel stehen in der Kritik. Foto: Fabian Sommer

Berlin (dpa) - Zu den Festtagen kam bei vielen gerade wieder etwas Besonderes auf den Tisch, das auch schon mal mehr kosten kann. Im neuen Jahr locken in Supermärkten aber gleich neue «Knüller» wie Schweinehack für 23 Prozent weniger oder 2,5 Kilo Hähnchenschenkel im XXL-Pack zu 4,98 Euro.

Landwirte protestieren seit Wochen gegen Dauerschnäppchen vor allem bei Fleisch, große Handelsketten sind auch schon auf die Erzeuger zugegangen. Doch der Lebensmittelmarkt bleibt 2021 im Blick der Politik, die dem ständigen Kostendruck deutlichere Schranken setzen will. Auch Verbraucherschützer kritisieren extreme Preiskämpfe - und fordern ein stärkeres Einbeziehen von Kosten für mehr Umwelt- und Tierschutz direkt in die Nahrungsproduktion.

Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands vzbv, Klaus Müller, sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Es darf nicht so sein, dass Lebensmittel zu Billigstpreisen verschleudert werden.» Irgendjemand zahle die Zeche dafür. «Und das sind in vielen Fällen zurzeit die Landwirte.» Zur Wahrheit gehörten allerdings auch Praktiken gerade in der konventionellen Landwirtschaft, die weder den Erwartungen der Bevölkerung entsprächen, noch Tierschutz- und Umweltstandards sowie den Klimazielen.

Aus Müllers Sicht dürfen nicht weiter dafür nötige Kosten ausgelagert werden - etwa um Trinkwasser von Pestiziden zu reinigen. «Unterm Strich wäre es sinnvoll, diese Kosten tatsächlich in die landwirtschaftliche Produktion hinein zu rechnen oder erst gar nicht entstehen zu lassen», argumentierte der oberste Verbraucherschützer.

Müller kritisierte: «Wie kann es sein, dass Obst, Gemüse, Milch, Eier, Fleischprodukte preiswerter verkauft werden, als sie hergestellt wurden?» Das nutze nur auf den ersten Blick dem Portemonnaie der Verbraucher. «Wir zahlen die Zeche eben an anderer Stelle.» Der vzbv-Chef begrüßte es, dass Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) unfaire Praktiken großer Supermarktketten zu Lasten kleiner Lieferanten unterbinden will. Der Bundestag sollte aber noch eine Schippe drauf legen, um alle Mechanismen zu beenden, die sich in sehr ungleichen Marktbeziehungen eingeschlichen hätten.

Eher zurückhaltend reagierte Müller auf einen Vorschlag Klöckners, auf Verpackungen den Anteil anzugeben, der vom Verkaufspreis an die Bauern geht. «Das ist auf jeden Fall gut gemeint.» Nichts spreche bei unverarbeiteten Produkten wie Obst, Gemüse oder Milch dagegen. Dies könne ein Gefühl vermitteln, wie wenig beim Landwirt ankomme und wer sonst noch an Lebensmitteln verdiene. Bei komplexeren, verarbeiteten Produkten stünde aber der Bürokratieaufwand in keinem Verhältnis dazu. «Darum befürchte ich, dass es nicht wirklich zu Ende gedacht ist.» Alleine mehr Transparenz löse auch nicht das Problem.

Bauernpräsident Joachim Rukwied sagte dazu der dpa, mehr Transparenz bei Preisen sei grundsätzlich gut und richtig. «Die hohen deutschen Erzeugungsstandards müssen belohnt und höher vergütet werden. Das gilt für Fleisch, Milch, Obst und Gemüse in gleichem Maße.» Aus Sicht des Bauernverbandes sei dies über einen «Deutschland-Bonus» vorstellbar, der auch an gewisse Erzeugungskriterien gebunden sei.

Nach Bauernprotesten vor Zentrallagern des Handels hatten mehrere Supermarktketten bereits angekündigt, ihre Einkaufspreise für Schweinefleisch zu erhöhen. Deutschen Schweinehaltern macht eine Preiskrise zu schaffen, nachdem Exportmärkte nach dem Auftauchen der Afrikanischen Schweinepest bei Wildschweinen weggebrochen sind. Ins Auge gefasst wurden etwa auch eine Ombudsstelle zwischen Handel und Landwirtschaft sowie eine einheitliche Bezeichnung für «heimische landwirtschaftliche Erzeugnisse», wie der Lebensmittelhandel und die Landwirte-Organisation «Land schafft Verbindung» erklärten.

Ministerin Klöckner moniert ein «massives Machtungleichgewicht» zwischen Erzeugern und Handel. Wer gerne mit regionalen Produkten werbe, müsse sie auch wertschätzen und dafür sorgen, dass Bauernfamilien von der Produktion leben könnten, mahnte sie kurz vor dem Jahreswechsel. Per Gesetz will die Ministerin unfaire Handelspraktiken verbieten - etwa kurzfristige Stornierungen von Anlieferungen oder einseitiges Ändern von Lieferbedingungen. Daneben solle der Handel einen Verhaltenskodex mit den Landwirten vereinbaren - ein Entwurf sei für Januar zugesagt.

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