Interview mit Andreas Löschel
Energiewende: sauber und günstig

Münster -

Energiewende: Bis 2050 will Deutschland weitgehende Treibhausgasneutralität erreichen. Eine Monitoringkommission aus Energiewissenschaftlern nimmt den Fortschritt der Energiewende ­regelmäßig unter die Lupe. Wir haben mit dem Vorsitzenden gesprochen.

Mittwoch, 03.02.2021, 19:04 Uhr aktualisiert: 03.02.2021, 21:01 Uhr
Wenn der Umstieg auf Wasserstoff in der Industrie gelingen soll, brauchen wir günstigen Strom, sagt der „Energieweise“ Andreas Löschel.
Wenn der Umstieg auf Wasserstoff in der Industrie gelingen soll, brauchen wir günstigen Strom, sagt der „Energieweise“ Andreas Löschel. Foto: Dominik Schreiner

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht die Energiewende auf Kurs - also dem Umbau weg von fossilen Energieträgern wie Kohle hin zu erneuerbaren Energien aus Wind oder Sonne. Bis 2050 will die Bundesregierung so viel erneuerbare Energien einsetzen, dass Deutschland unter dem Strich keine Klimagase mehr erzeugt: weitgehende Treibhausgasneutralität. Eine Monitoringkommission aus Energiewissenschaftlern nimmt den Fortschritt der Energiewende ­regelmäßig unter die Lupe. Mit dem Vor­sitzenden Andreas Löschel, Professor der Uni Münster, sprach unser Redaktions­mitglied Martin Ellerich.

Wo stehen wir bei der Energiewende?

Löschel: Wir haben bei den erneuerbaren Energien viel erreicht, aber mit dem neuen Ziel der Klimaneutralität stehen wir wieder ziemlich am Anfang. In den nächsten drei Jahrzehnten müssen wir viel schneller und konsequenter werden.

In welchen Sektoren haben wir Nachholbedarf?

Löschel: Es läuft sehr gut beim Strom: 2019 kamen 42,1 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Un­sere Sorgenkinder sind Gebäude und besonders der Verkehr.

Die Bundesregierung will den Anteil erneuerbarer Energien im Verkehr bis 2030 auf 28 Prozent er­höhen. Ist das realistisch?

Löschel: Strom in die ­Mobilität und die Wärme­erzeugung zu stecken, ist richtig. Aber es sind sehr ambitionierte Ziele: Wenn wir mehr E-Autos einsetzen und mehr Wasserstoff in der Industrie, steigt die Stromnachfrage – und wir brauchen noch mehr erneuer­bare Energien. Da wird es Probleme geben, aber wir können das schaffen – wenn wir in den europäischen Raum schauen. Solarenergie ist in Spanien leichter zu ­erzeugen. Sogar Fort Yukon in Alaska hat mehr Sonneneinstrahlung als Münster. Wir brauchen viel mehr euro­päische Lösungen – bei den Erneuerbaren, beim Netz­ausbau und beim Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft.

Der Primärenergieverbrauch 2019 war auf dem niedrigsten Stand seit Anfang der 1970er Jahre. ­Warum leuchtet bei Ihnen dennoch die Warnleuchte?

Löschel: Wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, brauchen wir bis 2030 eine Einsparung von 2,5 Prozent pro Jahr beim gesamten Energieverbrauch. In den vergangenen zehn Jahren haben wir gerade 1,1 Prozent geschafft. Das zeigt die Schwierigkeiten.

Wer soll das bezahlen? Schon jetzt warnt Wirtschaftsminister Peter Altmaier davor, die EEG-Umlage weiter zu erhöhen.

Löschel: Zur Elektrifizierung von Gebäuden und Verkehr und für die Wasserstoffwirtschaft brauchen wir günstigen Strom. Wir schlagen schon lange eine CO-basierte Energiepreisreform vor: Der CO-Preis soll steigen, aus den Einnahmen könnte die EEG-Umlage weitgehend finanziert werden. Ein hoher CO-Preis macht die Erneuerbaren zugleich wirtschaftlicher.

Wie sicher ist unsere Stromversorgung?

Löschel: Wir gehen schnelleraus der Kohlever­stromung raus, als wir das geplant hatten. Kurzfristig gibt es kein Versorgungsproblem, aber wir müssen uns das in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ganz genau ansehen.

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