Gründungslotsinnen
Damit es nicht bei der Geschäftsidee bleibt

Löhne -

Geld verdienen mit Schafskuscheln? Oder mit Makramee- und Blumenarrangements als Event-Workshops? Geht das? Durchaus. Gründungslotsinnen helfen Landfrauen beim Schritt in die Selbstständigkeit.

Samstag, 03.04.2021, 14:20 Uhr aktualisiert: 03.04.2021, 14:22 Uhr
züchtet Gotlandschafe und denkt sich immer wieder neue Events aus.
Sandra Smeyts züchtet Gotlandschafe und denkt sich immer wieder neue Events aus. Foto: privat

Die drei Frauen freuen sich, plaudern und ­lachen. Jeder von ihnen ist anzusehen, wie sehr sie es genießen, sich nach Monaten wiederzusehen. Auf dem Bildschirm zwar nur in einer Videotelefonie, doch die ist allemal besser, als gar nichts voneinander zu hören. Da ist Barbara Baratie, die Unternehmensberaterin, die dem Landfrauenverband ehrenamtlich als Gründungslotsin zur Verfügung steht. Und da sind Sandra ­Smeyts und Mareike Hübner, zwei von mehreren Frauen, die Barbara Baratie im vergangenen Sommer gecoacht hat. „Wie geht es euch?“ Die Frage erübrigt sich im Prinzip. Die beiden Jungunternehmerinnen wirken zuversichtlich – und das, obwohl Corona ihre Geschäftsmodelle gerade wieder einmal ausgebremst hat. Wenn alles so wäre, wie es sein sollte, würde Sandra Smeyts gerade neue Kurse auf ihrem Hof planen. Schafskuscheln beispielsweise mit ihren wolligen Gotländern, Fotoshootings, was auch immer. Die Landfrau aus Issum ist ausgesprochen erfinderisch, wenn es darum geht, ihren Gotlandschafen, die so liebenswürdig ­verschlafen aus ihren schmalen Augen ­blicken, zu neuen menschlichen Kontakten zu verhelfen. Und Mareike Hübner? Sie würde wahrscheinlich gerade mit Kunden durch ihren Garten spazieren, der eigentlich kein Garten, sondern ein Park ist, und das hören, was ihr immer gesagt wird, wenn Fremde das Gelände der Alten Gärtnerei in Löhne kennenlernen: „Ihr Garten ist ja ein Paradies!“ Und das ist er mit seinen Sinnes- und Erlebnisinseln auf 6000 Qua­drat­metern tatsächlich.

Innovative Ideen für neue Existenzen

Manche Ideen sind so zwingend einleuchtend, dass man sich manchmal fragt, weshalb man nicht schon vorher daraufgekommen ist. Dem Landfrauenverband dürfte es so gehen. Jahrelang hat es dem Verband geradezu spürbare Bauchschmerzen bereitet, dass immer mehr gut ausgebildete Frauen ihre Dörfer und Höfe verlassen haben, weil sie keine angemessenen Arbeitsstätten in Wohnortnähe finden konnten. Seit 2019 steuert der Landfrauenverband dem lang­samen Ausbluten des ländlicheren Raums mit dem Projekt „Selbst ist die Frau“ entgegen. Was das bedeutet? Gründungs­lotsinnen sensibilisieren Frauen mit innovativen Ideen seitdem für strategisch optimal vorbereitete Existenzgründungen.

Eine von ihnen ist Barbara Baratie, die sofort begeistert von der Idee war. „Es ist schon lange ein großes Anliegen von mir, Frauen in ihrer Kreativität zu bestärken.“ Die Unternehmensberaterin ist seit 2006 selbstständig und berät namhafte Unternehmen. Das Bundeswirtschaftsministeriumhat sie kürzlich als Vorbildunternehmerin ausgezeichnet und meinte damit sicherlich auch den Teil ihrer Zeit, die sie investiert, um Frauen zu beflügeln, endlich das zu machen, was sie am besten können. Wie sie das meint? „Ich bin auch Dozentin und frage die Studierenden oft nach ihren Plänen. Von den Männern höre ich alles Mögliche – Manager, Chef.“ Und von den Frauen? „Die ­sagen, dass sie froh sind, wenn sie die Prüfung bestehen.“ Barbara Baratie erklärt sich das so: „Viele Frauen lernen noch immer, dass sie nett und lieb sein sollen. Sie greifen nicht nach den Sternen – und wenn doch, dann erwarten sie, dass sie ihnen auf dem Silbertablett angeboten werden.“ Das Dumme daran: Das passiert nur im Märchen.

James ist ein Therapieschaf

Zurück zum Videotelefonat. Sandra Smeyts hat vor ein paar Stunden das Ordnungsamt angerufen und gefragt, ob sie, da Tierparks doch nun wieder geöffnet sind, Outdoor-Kurse anbieten könne. Dessen Antwort: „Reichen Sie das schriftlich ein!“ Und Mareike Hübner erzählt, dass sie ihre Kundinnen und Kunden derzeit nur über die sozialen Netzwerke erreicht, die sie professionell von Facebook bis zu Instagram mit immer wieder neuen kreativen Ideen bespielt. „Ich folge dir auf Facebook“, sagt Barbara Baratie. „Das ist fantastisch, was du da machst.“ Mareike Hübner lächelt. Wenn sie und die anderen Frauen eines von ihrer Gründungslotsin gelernt haben, dann dies: Aufgeben ist keine Option. Jede von ihnen hat ihre Existenzgründung so angelegt, dass auch Durst­streckenüberwindbar sind – selbst dann, wenn sie im schlimmsten Fall Jahre dauern. „Wir wissen doch alle aus unseren Familien, wie Chaosmanagement funktioniert“, sagt Barbara Baratie. Ihre früheren Schülerinnen nicken: Nicht erst Corona hat sie gelehrt, was Flexibilität im Alltag bedeutet.

Sandra Smeyts erzählt gerade von „James“, ihrem – warum es nicht so nennen? – Therapieschaf. „James“ ist der Star der Gäste. Er liebt es, unter Menschen zu sein, und lässt sich besonders gern an der Leine über den Hof führen. Alle drei Frauen lachen, als Sandra Smeyts von einer typischen Re­aktion von Neuankömmlingen berichtet. „Diejenigen, die am Anfang sagen ,Hier stinkt’s aber’, tauchen ihre Nasen später besonders tief in die Wolle der Schafe.“ Und Mareike Hübner erzählt kurze Zeit später, dass sie in den vergangenen Wochen alle Voraussetzungen geschaffen hat, um in oder vor ihrem alten Fachwerkhaus zur Teestunde mit ­Scones und Sandwiches einzuladen – so richtig britisch.

Der nächste Workshop mit Barbara Baratie findet am 10. Mai auf der Wasserburg Rindern in Kleve statt. www.landfrauen.info

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