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Imkerverein fordert Schutzgebiete für heimische Flora und Fauna

„Artenreiche Säume und Gärten fehlen“

BIllerbeck

Es geht ein paar Schritte durch einen unscheinbaren kleinen, schmalen Gang, der versteckt direkt neben Garagen liegt. Der Blick wird frei auf unzählige verschiedene Blumen, die in den unterschiedlichsten Farben leuchten. „Hier ist das Paradies“, sagt Berthold Wenderdel und lächelt. Es ist vor allem eine paradiesische Nahrungsquelle für mehrere Zehntausend Bewohner dieses Gartens. Hier hat der Imker drei seiner insgesamt 27 Honigbienenvölker untergebracht. Von Anfang März bis November blühen die verschiedensten Blumen in Etappen. „Es fängt mit Krokussen an, es geht mit Tulpen und Wildkräutern wie Margeriten weiter“, nennt Wenderdel Beispiele. Eine große Menge an verschiedenen Pflanzen ist wichtig. „Genau das brauchen wir, um das Überleben der Bienen zu ermöglichen“, sagt der Billerbecker. Gleich in der Nähe stehen auch noch ein paar Linden. Auf die fliegen seine Bienen im wahrsten Sinne des Wortes.

Von Stephanie Sieme

Berthold Wenderdel ist seit 35 Jahren Imker mit Herz und Leidenschaft. Foto: Foto: Stephanie Sieme

Rund um den Bienenstock summt und brummt es. Die einen fliegen raus, sind auf der Suche nach Pollen und Nektar. Andere kommen gerade wieder. Mit ihren Pollenhöschen steuern sie die grün gestrichenen Beuten an, aus denen der Bienenstock besteht. Diese künstlichen Nisthöhlen sind aus Styropor. „Ich habe Holzbeuten. Das war dieses Jahr ein Nachteil, denn darin war es für die Bienen kühler“, berichtet Ruth Cramer, Vorsitzende des Imkervereins Havixbeck und Umgebung. Der kalte Frühling hat den Bienen in diesem Frühling schwer zu schaffen gemacht. Denn kühles und regnerisches Wetter hält die Bienen vom Nektarsammeln ab und schwächt die Völker. Einigen Imkern seien Bienenvölker verhungert und vielfach konnte kein Honig geerntet werden. Auch Wenderdel habe zufüttern müssen.

Die beiden erfahrenen Imker sorgen sich um die Zukunft ihrer Honigbienen. Es werde immer schwieriger, geeignete Standorte zu finden. „Was fehlt, sind artenreiche Säume in der Kulturlandschaft und artenreiche Gärten“, sagt Cramer. Nutzgärten seien verschwunden. „Es gibt viel Rasenfläche, Rindenmulch wird verwendet. Das sind grüne Wüsten. Dabei wäre es so einfach, bodendeckende Stauden zu pflanzen.“ Vor allem aber für die über 560 verschiedenen Wildbienenarten, von denen viele auf eine bestimmte Pflanzenart spezialisiert seien, werde es immer schwieriger, genügend Nahrung zu finden. Neben dem fehlenden Nahrungsangebot werde den Bienen sowie allen anderen Insekten durch den Einsatz von Pestiziden, den Lichtsmog, den Klimawandel sowie die zunehmende Verdichtung und den immer mehr werdenden Verkehr das Leben schwer gemacht. „2016 sind mir durch den warmen November zehn von zwölf Völkern verendet. Das war das erste Mal, dass ich Bienenvölker durch den Klimawandel verloren habe“, berichtet Cramer. Probleme bereitet auch der gestiegene Co2-Gehalt in der Luft. Denn der reduziere gleichzeitig den Proteinanteil in den Pollen, der für die Bienen bei der Nahrungsaufnahme wichtig ist.

„Wir brauchen dringend Schutzgebiete, in denen die heimische Pflanzen-, Tier- und Insektenwelt geschützt wird“, fordert Cramer. „Wir brauchen artenreiche Säume, Hecken – weil sie Nist- und Nahrungsangebot bieten.“ Auf dem Land und auch in der Stadt müssten Gärten, grüne Oasen und Landstreifen kontrolliert verwildern. „Wir sind den Landwirten sehr dankbar, dass sie die Blühstreifen anlegen“, so Cramer. Aber es müsse noch mehr passieren. Deswegen hat der Imkerverein auch eine entsprechende Bürgeranregung bei den Kommunen Billerbeck, Havixbeck und Nottuln eingereicht. „Die Politik ist gefragt“, so Cramer.

Seit 35 Jahren ist Berthold Wenderdel Imker mit Herz und Leidenschaft. „Ohne Passion geht das nicht“, sagt der Domstädter. Es seien faszinierende Lebewesen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Sie könnten sogar Corona-positive Proben erkennen, so Cramer.

Sie sind ein wahrer Superorganismus. Jede einzelne Biene kann allein nicht überleben. „Sie haben kein Ego“, so Cramer, „und sind dennoch soziale Wesen. Von ihnen können wir noch so vieles lernen.“ Königin, Arbeiterin oder Drohnen gehe es immer darum, was am sinnvollsten und besten für alle sei. Sie seien soziale Wesen, die ein nur kurzes Leben hätten.

Das Leben einer Sommerbiene dauert zwar nur etwa sechs Wochen, aber diese Zeit hat es in sich für die fleißigen Bienchen. Ein bis zwei Tage dauert die Kindheit. „Dann werden sie zu Putzbienen, dann Baubienen, Ammenbienen, dann Honigbienen im wahrsten Sinne des Wortes. Dann entscheiden sie sich, ob sie eine Flug- oder eine Wächterbiene sein wollen“, erzählt Cramer. „Die haben eine ordentliche Karriere hinter sich.“ Drei Wochen lang heißt es dann für die Flugbienen bis zu ihrem Tod, Nektar und Pollen sammeln. „Bei den Flugbienen hat man sogar festgestellt, dass sie eine Mittagspause machen“, berichtet Wenderdel und lacht. Gerade summt und brummt es aber ordentlich um den Bienenstock. Von Mittagspause ist keine Spur.

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