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Premiere von „Schtonk“ auf der Freilichtbühne: Viel Beifall für die Mär von Hitlers Tagebüchern

Ein echter Knüller

Billerbeck

„Bring mir ‘nen richtigen Knüller und nich so’n Kack!“ schreit Redakteur Pit Kummer seinem Skandalreporter Hermann Willié – mit Akzent auf dem E, bitte! – hinterher. Was der schmierige Schreiberling am Ende brachte, war weniger ein Knüller als vielmehr der wahrscheinlich größte Betrug des 20. Jahrhunderts.

Von Iris Bergmann

Fälscher Knobel schwimmt im Geld, das er für die von ihm selbst geschriebenen Hilter-Tagebücher reichlich hinterher geworfen bekam. Foto:

Was indes das Ensemble der Freilichtbühne Billerbeck da am Freitagabend auf die Bühne zauberte, war mehr als ein Knüller – es war grandios. Die Premiere des neuen Stückes „Schtonk“ unter Regisseur Johannes Lang begeisterte das Publikum.

Pandemiebedingt gab es zwischen den Zuschauern viele leere Reihen und Sitzplätze, was der Stimmung keinen Abbruch tat. Gefühlt rückten alle zusammen und ließen sich von den Darstellern auf der Bühne mitreißen. „Der Reiz an der Geschichte ist, dass das wirklich mal passiert ist“, fand eine Zuschauerin.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von den vermeintlichen Hitler-Tagebüchern, die Anfang der 80er Jahre wie aus dem Nichts auftauchten, eine Sensation in der Presse wurden, jedoch am Ende zum größten Betrug der Zeitungsgeschichte mutierten. Nun, wäre das nicht passiert, dann wären die begeisterten Freilichtbühnenbesucher um eine wunderbar groteske Komödie gekommen.

Der Film „Schtonk“ wurde seinerzeit von Regisseur Helmut Dietl mit hochdotierten Schauspielern gedreht und begeisterte die Kinobesucher wie Fernsehzuschauer – die Darsteller der Freilichtbühne aber machten sie glatt vergessen. Sie spielten einfach „ihr eigenes Ding“ und ließen durch ihre starke Präsenz keinen Vergleich mit den berühmten Kollegen zu.

Angefangen mit dem von Sigi Schulz dargestellten schlitzäugigen Prof. Dr. Fritz Knobel, der nicht nur Bilder fälschte, sondern am Ende so sehr in seine Rolle als „Führer Hitler“ eintauchte, dass seine temperamentvolle Frau Biggi (dargestellt von Mari Steinmann) sowie seine zarte Muse Martha (Juliane Wegener) ihn wieder auf den Boden der Tatsachen holen mussten. Bis hin zu Tomke L. Schneider, der den schmierigen Reporter Hermann Willié nicht nur spielte – er war es.

Was im Film die eigens komponierte Musik war, das ersetzte Regisseur Johannes Lang auf der Freilichtbühne durch Songs der 80er Jahre, die sehr subtil in ihren Texten oder Titeln zum jeweiligen Akt passten und von Johanna Haecker mit ihrer mal kraftvollen, zum Beispiel bei Queens „Who wants to live forever“, mal weichen Stimme, bei Abbas „I have a dream“, wunderbar interpretiert wurden. Das gab nicht nur den Darstellern die nötige Zeit, sich umzukleiden oder in ein anderes Bühnenbild zu wechseln, es versetzte das Publikum zurück in die 80er und so mancher klatschte mit.

Die Belohnung des Ensembles nach knapp zwei Stunden vollem Einsatz war ein begeisterter und herzlicher Applaus aus dem großen Rund. Wenn Regisseur Johannes Lang angespannt gewesen sein sollte, so war ihm das nach der Vorstellung nicht anzumerken. „Ich bin sehr zufrieden“, resümierte er souverän lächelnd. Prof. Dr. Fritz Knobel – pardon: Sigi Schulz – indes war noch gänzlich im Premierenfieber: „Ich genieße die Endorphinflut, das ist wie autogenes Doping“, lachte er.

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