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Zehnjähriger aus Billerbeck lebt mit einer geistigen Behinderung

„Ein Ozean voller Geduld“ für Jerome

Billerbeck

Jerome ist stolz. Vor wenigen Tagen hat er das Seepferdchen gemacht. Ein Riesenerfolg für den Zehnjährigen, der über Wochen im heimischen Gartenpool fleißig geübt hat. „Es sind die kleinen Schritte, die uns unendlich glücklich machen“, sagt seine Mutter Britta Kratz. Denn Jerome lebt mit einer geistigen Behinderung. Er wird wachsen und größer werden, sich aber geistig kaum noch weiterentwickeln. „Laufen und sprechen lernen, das haben wir uns damals für ihn gewünscht“, sagt die Mutter, „alles andere sehen wir als Zugabe.“

Jerome lebt mit einer geistigen Behinderung. Seine Mutter Britta Kratz ist immer für ihn da. Foto: Foto: Bischöfliche Pressestelle/Ann-Christin Ladermann

Als Jerome 13 Monate alt war, nahm Familie Kratz, die auf einem Hof nahe Billerbeck lebt, den Jungen bei sich auf, wie die Bischöfliche Pressestelle informiert. „Nachdem uns drei gesunde Kinder geschenkt worden sind, haben mein Mann und ich uns dazu entschieden, einem Kind, das es ohnehin schon nicht leicht im Leben haben wird, ein Zuhause zu geben“, blickt Britta Kratz zurück. Ihre eigenen Kinder waren damals gerade mal fünf, drei und ein Jahr, heute sind Philipp 16, Johanna 14 und Marlene 12 Jahre alt. „Für uns war damals klar: Dieser Junge, den wir als Pflegekind bei uns aufnehmen, wird unser Sohn und der Bruder unserer Kinder“, betont die 43-Jährige. Vor der Geburt ihrer Kinder arbeitete Britta Kratz als Erzieherin in einem Kinderheim. Seitdem ist sie Hausfrau und Mutter, nicht zuletzt wegen Jerome, der auf ihre Unterstützung im Alltag angewiesen ist.

Anders als bei gesunden Menschen kommen bei Jerome alle Reize ungefiltert an. Ständige Unruhe, Hyperaktivität und oft nur kurzfristiges Interesse an einer Sache sind die Folge. „Man braucht einen Ozean voller Geduld“, sagt Britta Kratz mit einem liebevollen Blick auf ihren Sohn. Jerome gebe der ganzen Familie viel zurück, zeige seine Liebe und Zuneigung oft ungebremst. „Aber das Zusammenleben mit ihm funktioniert nur mit strikten Regeln“, sagt sie. Während seine Geschwister ihren eigenen Bereich im ersten Geschoss des Bauernhauses haben, befindet sich Jeromes Zimmer mit eigenem Bad im Erdgeschoss. Neben dem Spiegel hängen Piktogramme, damit der Junge weiß, was er im Bad machen muss. „Er würde sonst vergessen, sich die Hände zu waschen oder die Zähne zu putzen.“ Ein fester Sitzplatz und feststehende Handy- und TV-Zeiten geben ihm weitere Struktur. Auch das Versorgen seiner beiden Ziegen und der anderen Tiere auf dem Hof gehören zum Alltag dazu.

In der Papst-Johannes-Schule in Münster, der Förderschule für Geistige Entwicklung des Bistums Münster, wird der Zehnjährige maximal gefördert. „Jerome geht sehr gerne zur Schule“, sagt Britta Kratz. Ihr Sohn bestätigt das, indem er stolz ein Fotobuch mit Bildern aus dem vergangenen Schuljahr zeigt. Genauso gerne geht Jerome in die Kirche. Die Ruhe dort, der immer gleiche Ablauf eines Gottesdienstes – all das gibt ihm Sicherheit, so die Bischöfliche Pressestelle in einem Bericht.

Nachdem er ein halbes Jahr bei ihnen war, ließ Familie Kratz ihren Sohn taufen. „Das war ein emotionaler Moment“, erinnert sich Britta Kratz. Ihr und ihrem Mann ist es wichtig, Jerome christliche Werte mit auf den Weg zu geben. Propst Hans-Bernd Serries begleitet den Jungen auf seinem Glaubensweg, ein Höhepunkt war die Erstkommunion im Billerbecker Dom im vergangenen Jahr. Seitdem ist Jerome auch Messdiener – und das gleich in zwei Gemeinden. „Ich durfte im Dom schon die Kerze tragen“, berichtet der Zehnjährige stolz. In der Marienkapelle in Aulendorf war das coronabedingt noch nicht möglich. Dafür genießt er die Messdienergruppenstunden, bei der er ganz selbstverständlich zur Gemeinschaft gehört. Seine Mutter freut sich mit ihrem Sohn: „Das ist ein wichtiger Schritt für ihn in die Selbstständigkeit, er wird dort so angenommen, wie er ist.“

Einen Moment wird Jerome wohl so schnell nicht vergessen. Bei der Firmung seiner Schwester Johanna durfte er während des Gottesdienstes den Bischofsstab von Weihbischof Dr. Stefan Zekorn halten. „Da geht nicht nur mir, sondern der ganzen Familie in der Bank das Herz auf, wenn man Jerome vorne so glücklich stehen sieht“, sagt Britta Kratz mit leuchtenden Augen. Es sind diese Momente, die sie ihrem Sohn weiterhin im Leben wünscht.

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