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Kleiner Wicht mit verschmitztem Grinsen an der Bahnhofstraße

Ein Schelm mit Wuschelhaaren

Billerbeck

Es scheint, als sei er auf dem Sprung. „So ist er auch im Theaterstück. Plötzlich ist er dort, wo man nicht mit ihm rechnet“, sagt Katja Völker. Und an der oberen Bahnhofstraße rechnet man auch nicht mit ihm. Aber dort ist er. Der kleine Puck. Der Kobold aus William Shakespeares berühmter Komödie „Ein Sommernachtstraum“. Mit Wuschelhaaren, einer knolligen Nase, einem verschmitzten Grinsen. „Es ist ein freches Grinsen“, findet Frieda Völker. Schelmisch. Als wenn er etwas aushecken würde.

Von Stephanie Sieme

Nehmen den Puck gemeinsam unter die Lupe: Künstler Prof. Jörg Heydemann, Katja Völker und ihre beiden Töchter Frieda und Marie (r.). Foto: Foto: Stephanie Sieme

Die kleine Bronze-Statue, die auf einer Säule thront und die sich Katja Völker und ihre Töchter Frieda und Marie genauer anschauen, hat der Billerbecker Bildhauer Prof. Jörg Heydemann für die Theatermeile geschaffen. Für den Herstellungsprozess musste der Domstädter die Figur zunächst aus Ton modellieren. Wer genau hinschaut, entdeckt seine Fingerabdrücke, die beim Bronzeguss auf der Skulptur mit verewigt wurden. Heydemann hat auch die beim Guss entstehenden Luftkanäle an der Figur stehen lassen. „Diese Stäbe nimmt man eigentlich weg“, sagt er. Doch er hat sich ganz bewusst fürs Stehenlassen entschieden. „Puck ist ja ein Wesen, das mit der Natur verbunden ist“, so der Künstler. „Dieses Chaos der Natur, dieses Undurchdringbare.“ Dies soll dadurch widergespiegelt werden. „Sie sehen wirklich aus wie Stöcker“, findet Marie. Es sieht aus wie Geäst. Es ähnelt einem Geflecht aus Zweigen. In Shakespeares Sommernachtstraum geht es schließlich auch um Verflechtungen der verschiedenen Protagonisten und um das Verwirrspiel von fünf unglücklich verliebten Paaren.

Ob Puck ein Mensch oder ein Tier sei, will Frieda wissen. Eine gute Frage, sagt Heydemann. Der kleine Wicht ist im Sommernachtstraum der Diener des Elfenkönigs Oberon. Er hat menschliche Züge. „Aber ich habe mir einen kleinen Scherz erlaubt“, sagt der Bildhauer schmunzelnd. Gar nicht so einfach zu finden. „Da“, so Heydemann, während er auf einen der beiden Füße zeigt. „Statt fünf Zehen hat Puck sechs.“ Marie möchte wissen, ob Puck Heydemanns Lieblingsfigur aus dem Sommernachtstraum ist. „Puck ist ein Spaßmacher, ein lustiger Kerl. Er ist wie ein Hofnarr. Er hat Narrenfreiheit, darf sich alles erlauben, darf den König auf die Schippe nehmen, sagt spielerisch und mit Ironie die Wahrheit, nicht so mit dem Zeigefinger“, beschreibt Heydemann den Kobold, der damit in gewisser Weise auch eine Gemeinsamkeit mit Künstlern habe. Schließlich können auch sie mit ihren Arbeiten Politik und Gesellschaft kritisieren und auf aufs Korn nehmen. „Deswegen geht mir diese Figur nahe“, so Heydemann, dessen Schwester auch schon einmal beim Theaterstück in die Rolle des Wichts geschlüpft ist. Und auch sein Sohn Jakob, der Schauspiel studiert und Theatertherapeut ist, hat bereits in einer Sommernachtstraum-Inszenierung mitgespielt.

Wann Heydemann gewusst habe, dass er Künstler werden will, fragt Katja Völker. „Meine Mutter hat erzählt, dass ich schon mit vier Jahren gesagt habe, dass ich Künstler werde“, erzählt der Domstädter, der bei Danzig groß geworden ist. Seine Eltern seien sehr kunstinteressiert und mit einem Museumsleiter aus Danzig befreundet gewesen. Als Danzig vom Zweiten Weltkrieg bedroht wurde, haben seine Eltern Kunstwerke bei sich versteckt und einmauern lassen. Mit Kunst sei er groß geworden.

Den Puck an der Bahnhofstraße hat Heydemann nach seinen ganz eigenen Vorstellungen für die Theatermeile, eine künstlerische Verbindung vom Rathaus zur Freilichtbühne, geschaffen. Viele dieser Darstellungen und Motive aus Märchen, Kinderstücken und Dramen hat die Freilichtbühne seit 1950 aufgeführt. Unter anderem den Sommernachtstraum – 1995 und zuletzt 2017. Katja Völker hat das Stück mit Marie gesehen. In dem Jahr sind sie auch alle Teil der Freilichtbühne geworden und haben 2017 in „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ ihr Debüt auf der Bühne gehabt. Seitdem sind sie dabei. „Die Freilichtbühne ist wie eine große Familie“, findet Katja Völker. Es sei ein zeitintensives Hobby, das aber sehr viel Spaß mache. Vor allem, in andere Rollen zu schlüpfen, sagt Marie. Den Puck haben sich die drei genauso vorgestellt, wie Heydemann ihn geschaffen hat. „Es zeigt, wie der Puck ist. Der hat was“, so Marie. „Er sieht aus, als würde er sich bewegen“, findet Frieda. Als wenn er gerade aus einem Busch rauskomme. Die Theatermeile mit ihren 15 Kunstwerken sei laut Heydemann, einer der Initiatoren, eigentlich noch gar nicht vollendet. „Der Abschluss, dort, wo das Theater selbst ist, ist noch nicht gemacht.“

Anschauen und rätseln dürfen auch Sie, liebe Leserinnen und Leser. Unsere Frage zum Puck lautet folgendermaßen: Welcher Satz ist im Brustbereich der Skulptur eingraviert?

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