1. www.azonline.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Billerbeck
  6. >
  7. „Ein unglaublicher Zusammenhalt“

  8. >

Interview mit Christian Wiesner über die Initiative „Billerbeck hilft“

„Ein unglaublicher Zusammenhalt“

Billerbeck

Es ist als spontaner Hilfeaufruf gestartet, innerhalb weniger Tage wurde daraus eine großangelegte Hilfsaktion für die Flutopfer. „Billerbeck hilft“ heißt der Name der Initiative. Und das ist auch das Motto. Unzählige Domstädter, Privatleute wie Unternehmen engagieren sich, sammeln Sach- und Geldspenden und führen verschiedene Aktionen durch, um dadurch wieder Spenden zu generieren. Unsere Redakteurin Stephanie Sieme hat den Initiator Christian Wiesner nun einen Monat nach der Gründung interviewt. 

Herr Wiesner, einen Monat ist es her, dass Sie die Initiative „Billerbeck hilft“ ins Leben gerufen haben. Wie fällt das bisherige Fazit aus?

Stephanie Sieme

Christian Wiesner: Rückblickend wirkt dieser eine Monat fast ein wenig unwirklich. Was wir in den viereinhalb Wochen auf die Beine gestellt haben, hätte ich mir nie erträumen lassen. Dazu mischt sich bei mir persönlich aber auch immer noch ein großes Maß an Trauer über die Katastrophe, gepaart mit dem Unverständnis über die politischen Entscheidungsträger, dass es private Initiativen wie die unsrige überhaupt braucht. Das Fazit ist also zweigeteilt: Einerseits müssen wir als Land viel besser auf solche Ereignisse vorbereitet sein, andererseits können wir stolz sein, dass wir dennoch so spontan und koordiniert helfen können.

Hand aufs Herz: Haben Sie mit so einer Resonanz/Hilfsbereitschaft gerechnet?

Wiesner: Ganz ehrlich? Ich habe es gehofft und die Billerbecker haben mich nicht enttäuscht. Als ich vor drei Jahren an Ostersonntag im Dom die Firmung empfangen habe und in dem Zusammenhang als Billerbecker Neubürger eine kurze Ansprache an die Gemeinde richten durfte, habe ich bereits das Gefühl dieses unglaublichen Zusammenhaltes in der Stadt zum Ausdruck gebracht. Und ich habe mit meiner damaligen Einschätzung richtig gelegen. Darüber können wir uns alle freuen.

Was hat Sie denn besonders berührt?

Wiesner: Die enorme Hilfsbereitschaft im Ganzen natürlich, aber da waren etliche kleine Erlebnisse im letzten Monat, die diese Aktion auszeichnen. Das Engagement der Wirtschaft, das wir gar nicht anfragen mussten, die haben einfach gemacht und mitgezogen. Oder die sofortige Bereitschaft der Verwaltung, uns organisatorisch zu unterstützen. Im Kopf geblieben sind mir aber besonders zwei Szenen: Bei der Spendenannahme kam ein kleines Mädchen mit ihrem Puppenwagen, den sie an ein Kind im Flutgebiet abgeben wollte. Dazu hatte sie einen Brief beigelegt, in dem sie dem Kind, das den Puppenwagen erhalten würde, unbekannterweise viel Glück und Spaß damit wünschte. Da kommen einem dann schon die Tränen.

Und welcher Moment noch?

Wiesner: Dann war da noch der Moment, als wir die ersten Sachspenden im Konvoi hinuntergebracht haben. Ich hatte meiner Kontaktperson im Flutgebiet vor Ort zwei Tage vorher als Scherz im Nebensatz gesagt, dass die Aktion so gut läuft und so viel Zeit einnimmt, dass ich es in der Woche nicht mal geschafft habe, einen Kasten Bier kaufen zu gehen. Und jetzt raten Sie mal, mit was die völlig erschöpften Helfer dort vor Ort in Heimerzheim in der Hand standen, als wir auf den Hof fuhren…

Mit einem Kasten Bier?

Wiesner: Einfach, weil ihnen dieses kleine Zeichen der Dankbarkeit wichtig war.

Was war der ausschlaggebende Punkt, die Initiative zu gründen?

Wiesner: Da könnte ich jetzt vieles nennen. Die Bilder im Fernsehen, die Nachrichten meiner Familie vor Ort, von Freunden und Bekannten. Letztlich muss ich aber gestehen, dass es einfach passiert ist. Deshalb könnte ich auch kein genaues Gründungsdatum nennen. Plötzlich war ‘Billerbeck Hilft’ da und ich dachte: Gut, dann machst du jetzt mal eine Facebookseite und lässt eine Homepage erstellen, organisierst das und wir schauen, wohin es sich entwickelt. Und ich glaube, dieses „einfach mal machen“ war ein guter Weg.

Welche „Erfolge“ konnten Sie mit der Initiative bereits umsetzen?

Wiesner: Durch die große Spendenbereitschaft konnten wir bereits über 120 000 Euro an Spenden in die betroffene Gemeinde Swisttal vermitteln. Darunter auch Großspenden für zwei Kindergärten, eine Grundschule und unzählige Soforthilfen für betroffene Familien. Zudem haben wir Werkzeuge, schweres Gerät, Babysachen, über 60 Kinderwagen und etliche Kubikmeter sonstiger Hilfsgüter in die Region gebracht.

Wie sehen Sie die Zukunft der Initiative?

Wiesner: Bei allem, was wir aus dem Stand erreicht haben, können wir die Zukunft der Initiative mit etwas breiterer personeller Aufstellung und mehr Organisation durchaus positiv sehen. Dazu möchte ich das Ganze in einen Verein überführen. Dieser Verein ‘Billerbeck Hilft’ soll immer dann einspringen und tätig werden, wenn wir Billerbecker bei einer Katastrophe oder Notlage helfen können. Die Bewältigung der Folgen der Flut in der Gemeinde Swisttal ist also nur ein erstes Projekt.

Wie kann die Hilfsbereitschaft denn auf Dauer bestehen bleiben?

Wiesner: Durch unterschiedliche Wege. Einerseits möchten wir das mediale Interesse durch Aktionen und Meldungen immer wieder am Laufen halten. Außerdem haben wir mit Facebook und der Homepage eigene Kommunikationskanäle, über die wir informieren. Zudem werden wir die Mitglieder des zu gründenden Vereins, der im Übrigen ohne Mitgliedsbeiträge laufen soll, stetig auf dem aktuellen Stand halten und um Verbreitung des Sachstandes bitten.

Sind eigentlich schon neue Aktionen in Planung?

Wiesner: Wir sind nun erstmal vom Pfarrheim zum Friethöfer Kamp umgezogen. Dort haben wir größere Lagerkapazitäten, so dass wir auch das Thema Möbel endlich in Angriff nehmen können. Dafür werden in den kommenden Wochen extra Sammeltermine eingerichtet. Außerdem steht Anfang September die Gründung des Vereins an, hier sind wir in den abschließenden juristischen Beratungen. Nebenher laufen viele Aktionen in der Wirtschaft und von Privat.

Wie können die Billerbecker weiter unterstützen?

Wiesner: Indem es so weiterläuft wie bisher. Ganz viele Menschen machen sich Gedanken, wie sie uns unterstützen können. So werden uns zum Beispiel anteilig Einnahmen an Garagenflohmärkten oder Bauernlädchen gespendet – einfach so. Die Hilfsbereitschaft ist groß, darauf können wir stolz sein. Dennoch muss ich immer wieder betonen: Im Falle der Flutkatastrophe und ihren Folgen reden wir nicht von einem Sprint, sondern von einem Marathon, vielleicht sogar Ironman. Das wird ein sehr langer Weg, auf dem wir als Initiative immer wieder Hilfe benötigen werden, um selbst helfen zu können.

Die Initiative „Billerbeck hilft“ ist mit den Sachspenden für die Betroffenen der Flutkatastrophe vom Pfarrheim zum Friethöfer Kamp gezogen. 15 Helfer haben beim Umzug mit angepackt, wie Christian Wiesner informiert. Foto: Foto: privat
Startseite