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Lioba Feld spendet Kunstwerk „Desertion“ für Benefiz-Auktion in Aachen

„Es hat mir immer am Herzen gelegen“

Billerbeck

Für Lioba Feld ist das Bild etwas ganz Besonderes und Persönliches – in vielerlei Hinsicht. „Es ist mein erstes Ölbild und das erste Bild, das ich ausgestellt habe“, erzählt die Billerbeckerin. „Desertion“ lautet der Titel des Kunstwerkes, das sie für eine Ausstellung zum Thema Deserteure geschaffen hat und aus dem Jahr 1989 stammt. „Eine Zeit, in der ich an der RWTH Aachen meinen Abschluss als Diplom-Ingenieurin für Architektur gemacht habe“, sagt sie. Das Bild hat die Künstlerin nun dem Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit für eine Benefiz-Auktion gespendet. „Vergangenen November bin ich gefragt worden, ob ich es zur Verfügung stellen würde“, erzählt sie. Leicht sei es ihr nicht gefallen. „Es hat mir immer am Herzen gelegen. Aber für solch eine Aktion gebe ich es gerne her“, so Lioba Feld.

Von Stephanie Sieme

Lioba Feld hat das Bild mit dem Titel „Desertion“ 1989 geschaffen. Nun spendet sie es für eine Benefiz-Auktion an das Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit. Foto: Fotos: Stephanie Sieme/Lioba Feld

Sie gehört zu über 50 Künstlern, die sich an der Auktion beteiligen. Neben dem Ölgemälde stellt sie auch eine Auswahl ihrer bekannten Kristallglaswürfel, den dreidimensionalen Miniaturfarbwelten, zur Verfügung. Ein Teil des Auktionserlöses ist für die Ukraine-Hilfe vorgesehen, der andere für weitere Projekte des Netzwerkes. Vom 16. bis 24. April sind die Kunstwerke, die versteigert werden, in Aachen zu sehen, online können sie bereits seit dem 1. März besichtigt werden.

Das 1 Meter mal 1,25 Meter große Gemälde beschäftigt sich mit einem Thema, das lange Zeit ein Tabu war. „Deserteure der Wehrmacht wurden von der Nachkriegsgesellschaft oft schlecht und unwürdig behandelt. Die Urteile der Militärjustiz des NZ-Regimes gegen sie, wurden meist nicht zurückgenommen. Dadurch konnten viele Deserteure auch keine Entschädigungsleistungen für das Unrecht erhalten, das ihnen widerfahren war und Zeiten, in denen sie ihre Strafen verbüßen mussten, wurden nicht für die Altersbezüge angerechnet“, so die Künstlerin. Sie erzählt, dass sie 1989 zunächst großen Respekt gehabt habe, das Thema zu bearbeiten. „Wie konnte ich als junge Frau, die den Krieg persönlich nicht erlebt hatte, mich einem Thema nähern, dass zudem noch stark tabuisiert war? Wenn man bedenkt, dass die rechtliche Rehabilitation der Deserteure erst 2002 erfolgte und dass es sogar bis 2008 gedauert hat, bis sämtliche Urteile der NS-Militärjustiz durch den Bundestag aufgehoben wurden“, so die Billerbeckerin. „Dann wird klar, wie stark das Tabu noch 1989 war.“ Es gäbe aber auch noch andere Gründe für ihre anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Thema, erinnert sie sich: „Als Kind hatte ich die eindrückliche Erfahrung gemacht, dass es traumatisierte Kriegsrückkehrer gab, die man auf den Krieg nicht ansprechen durfte. Vielleicht habe ich auch das im Hinterkopf gehabt, als ich das Bild malen wollte. Immer wieder müssen Menschen in den Krieg ziehen und Schreckliches erleben“, sagt sie mit Blick auf die Situation in der Ukraine.

Deserteure seien lange Zeit als Feiglinge diffamiert worden. „Es gab viele Gründe, warum jemand desertiert ist. Feigheit konnte es kaum gewesen sein. Denn Deserteure der Wehrmacht mussten mit drakonischen Strafen rechnen und sie liefen Gefahr, selbst von ihren Freunden und Familien verraten zu werden“, so die Billerbeckerin. Den Moment, „in dem sich ein Mensch in einer grausamen und brutalen Situation auf das Leben besinnt, eine Entscheidung gegen blinden Gehorsam, gegen das Töten und Morden trifft und sich auf den Weg in eine unsichere, aber auch lebensbejahende Zukunft macht“, den wollte sie mit ihrem Kunstwerk festhalten.

In dunklen Farben, Schwarz-, Braun- und Rottönen, ist das Bild gehalten. Mit ihren Wanderschuhen sei sie zuerst durch weißes Pigment und dann immer wieder in einer Richtung über die frische Ölfarbe gelaufen, um so „die marschierenden Soldaten sichtbar zu machen“, erklärt sie. Zu sehen sind auch drei Fußabdrücke, die aus der entgegengesetzten Richtung kommen, vom Pfad abweichen und aus dem Bild hinausführen. „Als Studentin bin ich in Aachen viel barfuß gelaufen. Das war für mich der Inbegriff von Freiheit und Lebenslust“, erzählt Lioba Feld. Freiheit, aber auch Verletzlich- und Schutzlosigkeit sollen die Fußabdrücke auf dem Bild symbolisieren. Mit Farbe, Pigmenten, Asche, Pinsel, Lappen und mit einem Handfeger hat sie das Bild bearbeitet. Es wurde das Titelbild der damaligen Ausstellung.

Sogar als Cover für das Buch „Dem Tode entronnen – Zeitzeugeninterviews mit Überlebenden der NS-Militärjustiz“ wurde ihr Bild verwendet. Nun steht es zur Versteigerung für den guten Zweck in Aachen. Das Startgebot beläuft sich auf 800 Euro. Dieses und alle anderen Kunstwerke der Benefizaktion können sowohl vor Ort in Aachen als auch online besichtigt und erworben werden. Die Auktion findet am 24. April statt, Online-Gebote können vorab gegeben werden. | www.aachener-netzwerk.de

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