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Thumann’s Mühle schließt Ende dieser Woche

Gastronomie endet nach 121 Jahren

Billerbeck

„In den letzten vier Wochen hatte ich mehr Reservierungen als in den vergangenen zwei Jahren und musste bestimmt 100 Absagen aussprechen“, erklärt Kerstin Thumann-Nordhoff, Inhaberin von Thumann’s Mühle. Vor acht Wochen traf sie gemeinsam mit ihrer Familie die Entscheidung, das Restaurant für immer zu schließen. Am 25. November ist Schluss und damit geht die 121-jährige Geschichte eines Familienbetriebes zu Ende. Den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen und dem Jahreswechsel blickt sie freudig entgegen, denn „das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich komplett frei habe“, macht die 46-Jährige deutlich. Der ländlichen Idylle der Beerlage bleibt die Familie in jedem Fall treu. Tochter Sophie bekundete direkt, dass sie nicht auf die Nähe der Reithalle verzichten werde. Sohn Hagen besteht auch weiterhin auf die unverzichtbare Rindfleischsuppe, am bestens nicht nur sonntags.

Von Ulla Wolanewitz

Kerstin Thumann-Nordhoff hat 2011 den Betrieb auf der Beerlage von ihren Eltern übernommen. Vor acht Wochen traf sie gemeinsam mit ihrer Familie die Entscheidung, das Restaurant für immer zu schließen. Foto: Foto: Ulla Wolanewitz

In der Gastronomie aufgewachsen, kochte Kerstin Thumann-Nordhoff bereits mit sechs Jahren in der Restaurantküche ihre erste Herrencreme mit „richtigem Vanillepudding und Rum“, erinnert sie sich gerne. Früh schaute sie sich in der Küche von der Mutter und den Köchen einiges ab, lernte kochen und backen und Gaumenfreuden zaubern, um damit Gäste zu verwöhnen. Neben den unzähligen Hochzeits- und Jagdgesellschaften, Kommunionen und Geburtstagen der vergangenen Jahrzehnte wurden hier dementsprechend auch die eigenen Familienfeste gefeiert, so wie die Silberne Hochzeit der Eltern, „meinen 18. Geburtstag und das Schachtelfest. Ich habe hier auch meinen Mann kennengelernt. Klar, dass wir hier unsere Hochzeit gefeiert haben“, verrät sie.

Beruflich entschied sie sich allerdings zunächst für eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel für Herrenoberbekleidung in Münster. Die „Wanderjahre“ führten das junge Paar anschließend für zehn Jahre nach Frankfurt. „Ich war trotzdem fast alle zwei Wochen hier, um zu helfen“, erklärt sie. Vor elf Jahren fiel wiederum die Entscheidung pro Münsterland. Im November 2011 wagte sie einen Neustart auf der Beerlage. Und das mit großem Erfolg und bester Unterstützung durch ihren Mann und ihre Eltern Marlies und Aloys Thumann. Sie modernisierte neben den Räumlichkeiten auch die Speisekarte und ergänzte die beliebte gutbürgerliche Küche um mediterrane Gerichte. Neben der „Schnitzeljagd“ am Donnerstag sind die Wildgerichte und die Steakauswahl der Rasse Limousin von Thumann’s Mühle legendär und mittlerweile über die münsterländischen Grenzen hinaus sehr begehrt.

Nach 25 Jahren unermüdlichem Einsatz verabschiedete sie sich als Festwirtin bereits im Sommer von der St.-Antonius-Schützenbruderschaft, die sich für ihre Festivitäten nun auch umorientieren muss.

„Selbstständig bedeutet selbst und ständig“, macht die Unternehmerin deutlich. Weder die Coronakrise – „da sind wir eigentlich ganz gut durchgekommen“ – noch Personalmangel sind ausschlaggebend für die Schließung des Restaurants. Die Gesundheit fordert ihren Tribut. Das Karpaltunnelsyndrom an beiden Handgelenken fordert seine Aufmerksamkeit. Hinzu kommt, dass „in den nächsten Jahren einige Investitionen anstehen würden und wenn es anschließend niemand übernehmen möchte, muss man sich fragen: Wofür das alles?“, so die passionierte Gastronomin, die jetzt gerne mehr Lebenszeit mit ihrer Familie verbringen möchte, bevor die Kinder das Alter erreicht haben, dass sie sich verabschieden. Dem letzten Abend sieht sie mit großer Wehmut entgegen. Und nicht nur sie. Ihren Eltern geht es ähnlich. Dennoch sind sie sich miteinander einig, dass dieser Schritt in die richtige Richtung führt. Wie es danach weitergeht? „Das sehen wir dann, wenn richtig Ruhe eingekehrt ist“, ist Kerstin Thumann-Nordhoff sicher.

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