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Ordenspriester Pater Vincent lebt und arbeitet seit zwei Jahren in Billerbeck

„Ich hoffe, dass ich noch lange bleibe“

Billerbeck

Von der Weitblickwiese aus bietet sich ein Blick auf ganz Billerbeck. Die Türme der Johannis-Kirche und des Ludgerus-Doms ragen über die Baumkronen. „Hier ist es so still. Man kann richtig zur Ruhe kommen und in sich gehen“, sagt Pater Vincent. Abends werde die Domstadt durch die untergehende Sonne oft in ein ganz besonderes Licht getaucht. „Das ist so schön – wie im Paradies“, findet er. Es ist sein Lieblingsort. Aber nicht der einzige. Ganz im Gegenteil. „Ich habe viele“, so der Kaplan, der seit zwei Jahren in Billerbeck lebt.

Von Stephanie Sieme

Die Weitblickwiese gehört zu einem der Lieblingsorte von Pater Vincent. Von dort aus bietet sich ein besonderer Blick auf Billerbeck. Foto: Foto: Stephanie Sieme

2019 ist er aus seiner Heimat Indien nach Deutschland gekommen und lebt seitdem in der Domstadt. Es ist sein allererster Auslandsaufenthalt. Anfangs hat er zusammen mit Propst Hans-Bernd Serries Radtouren unternommen, um seinen neuen Wohnort und das Münsterland kennenzulernen. „Dabei hat er mir auch die Weitblickwiese gezeigt“, erzählt Pater Vincent. Seitdem zieht es ihn öfter dorthin. Von dort habe man den schönsten Ausblick. Die Region mit den Bauernhöfen, grünen Feldern und Tieren erinnere ihn ein wenig an seine Heimat. „In Indien sind die Bauernhöfe nur viel kleiner“, sagt er.

Im April 2019 hat Pater Vincent als Praktikant mit seiner Arbeit in der katholischen Kirchengemeinde St. Johann/St. Ludger begonnen. Ein Jahr später wurde er zum Kaplan ernannt. „In meiner Praktikumszeit habe ich viel gelernt“, erzählt der 37-Jährige. Der Propst und das ganze Pastoralteam haben ihn unterstützt und begleitet. Nun ist er fester Bestandteil des Seelsorgeteams in der Kirchengemeinde.

Pater Vincent ist ein Ordenspriester und gehört dem Orden „Missionare des Heiligen Franz von Sales“, der in Frankreich gegründet wurde, an. Vor seiner Zeit in Deutschland war er Direktor eines indischen Waisenhauses, in dem zwischen 14 und 20 Kinder betreut werden. Bis zum Abitur bleiben die Kinder meist in der Einrichtung. „Wir helfen ihnen dann dabei, einen Job zu finden, damit sie selbstständig werden“, berichtet Pater Vincent. Das Waisenhaus übernimmt auch für Kinder, deren Familien es sich nicht leisten können, das Schulgeld.

Er und seine Ordensbrüder seien Missionare. Der Orden bestimme, wohin sie entsendet werden. „Ich wurde gefragt, ob ich nach Deutschland gehen möchte. Dreimal habe ich Nein gesagt“, so Pater Vincent, der seine Heimat Indien nicht verlassen wollte und dem Klima im weit entfernten Deutschland eher skeptisch gegenüberstand. „Beim vierten Mal musste ich gehen“, sagt er. Und das habe er nicht einmal bereut. Es sei eine gute Entscheidung seines Ordens gewesen. „Hier sind alle sehr freundlich“, so der Ordenspriester. Er fühle sich in Billerbeck richtig wohl. Und das Klima sei auch gar nicht so schlimm. „Hier gibt es im Winter Heizungen. So etwas haben wir in Indien nicht, da ist es ja immer warm. Wir haben nur überall Klimaanlagen“, erzählt er. Die „Perle der Baumberge“ sei in den vergangenen zwei Jahren zu seiner Heimat geworden. „Ich habe mich sehr gut eingelebt. Die Menschen sind hier sehr aufgeschlossen“, findet der 37-Jährige. Und nicht nur das: Die Hilfsbereitschaft in Billerbeck sei unglaublich groß. Das zeige aktuell das Engagement im Rahmen der Initiative „Billerbeck hilft“, die für die Flutopfer ins Leben gerufen wurde. Aber auch seinem Spendenaufruf in Kooperation mit der Caritas und dem Aktionskreis „Eine Welt“ für die Menschen in Indien, die stark von der Corona-Pandemie betroffen waren, sind zahlreiche Billerbecker gefolgt. Spenden in Höhe von rund 21 000 Euro sind dabei zusammengekommen. Unter anderem Lebensmittel und medizinische Schutzausrüstung konnten dadurch finanziert werden. „Vielen Betroffenen konnte dadurch geholfen werden“, sagt er. „Ich habe in Billerbeck viel Solidarität erfahren. Dafür möchte ich mich bei allen bedanken.“ Indien sei hart getroffen worden, die Situation sei zwischenzeitlich katastrophal gewesen. „Kleine Kinder haben ihre Eltern verloren. Es gab viele Tote“, berichtet Pater Vincent. Nun habe sich die Situation ein wenig entspannt.

Ende August fliegt er in seine Heimat Indien. Er freut sich darauf, seine Familie wiederzusehen. Vier bis fünf Wochen bleibt er. Dann kommt er zurück in die Domstadt. „Ich hoffe, dass ich noch ganz lange bleiben kann“, sagt er. Zehn Jahre seien geplant. „Ich hoffe, dass der Orden mich nicht vorher abruft“, so Pater Vincent mit einem Lächeln.

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