1. www.azonline.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Billerbeck
  6. >
  7. Stefan Feismann lässt die Kugeln rollen

  8. >

Daruper hat ein faszinierendes kinetisches Kunstwerk geschaffen und nennt es „alphacoaster #1“

Stefan Feismann lässt die Kugeln rollen

Darup. Ganz langsam zieht es die glänzenden roten Kugeln in der Spirale immer höher bis sie schließlich – oben angekommen – mal nach rechts, mal nach links geleitet werden und hinabsausen auf schiefe Ebenen, über kleine Zickzackstrecken, durch Spiralen rollen, Runden im Trichter drehen, bis sie durchplumpsen auf eine andere Ebene. Stefan Feismann steht neben dem großen Glasschaukasten mit dieser „Achterbahn“ und verfolgt den Verlauf der Kugeln. „Schauen Sie, da liegen schon drei Kugeln. In einer Minute kommt die vierte hinzu, dann bekommt das Pendel Übergewicht und katapultiert die Kugeln weiter“, erklärt er. Das geschieht. Nach genau einer Minute.

Iris Bergmann

Stefan Feismann vor seinem Prototyp, dem „alphacoaster #1“, der nun im Flur des Haupthauses auf Gut Feismann steht. Etwa sieben Jahre hat er an dem kinetischen Kunstwerk gearbeitet, in dem nun in faszinierendem Zusammenspiel die Kugeln rollen. Fotos: ib Foto: az

Stefan Feismann freut sich, strahlt. Der 44-jährige Maschinenbauer hat dieses Faszinosum erschaffen und kann den Verlauf einer jeden Kugel vorhersagen. Der „alphacoaster #1“, wie er ihn genannt hat, ist sein „Männerspielzeug“. Sieben Jahre hat er gebraucht bis zur Fertigstellung. Oder anders gesagt: „So gute 3500 Arbeitsstunden in der Freizeit werden es gewesen sein“, überschlägt er.

Dinge entwickeln, konstruieren, das hat Feismann schon immer gern gemacht. „Tüfteln“ also. Beruflich hat er viele Jahre Verpackungsmaschinen entwickelt und konstruiert. „Es hat mir schon immer so im Kopf gesteckt, Lösungen für etwas zu finden“, erklärt er. Als er vor sieben Jahren mit seiner Frau Carolin in Neuseeland zu Besuch war, wo er selbst einige Jahre gelebt hatte, sah er bei einem Freund eine relativ einfache Kugelbahn. Das war der Auslöser. „Ich hab mir dann so einen modularen Bausatz bestellt“, erinnert sich der Daruper. „Aber das Zusammenbauen hat keinen Spaß gemacht, da war viel Plastik und so.“

Dass es besser, eleganter, schöner geht, war ihm schnell klar. Unter anderem über die Plattform Youtube holte er sich Tipps und Kniffe, informierte sich bei anderen „Tüftlern“ über Werkstoffe. Der Rest war einfache Physik. „Das essenzielle Mittel ist die Schwerkraft, das ist alles“, sagt er. „Diese Kugelbahn hätte auch vor 200 Jahren gebaut werden können, dann hätte man halt den Motor, der die Spirale antreibt und die Kugeln nach oben transportiert, durch eine Kurbel ersetzt.“ So einfach ist das und doch so kniffelig.

Am Anfang waren es zunächst wenige Elemente, die Feismann miteinander verband: schiefe Ebenen, eine Wippe, eine Spirale. So nach und nach vergrößerte sich dann das Objekt. Spukte hier eine Idee, da ein Gedanke. „Da konnte es schon passieren, dass wir eine Konstruktionsskizze auf einer Serviette mit nach Hause nahmen, wenn wir im Restaurant essen waren“, lacht seine Frau Carolin. Inspiration findet sich überall und sowieso gilt für das Ehepaar Feismann: „Was man denken kann, kann man auch machen!“

Stefan Feismann dachte und machte. Probierte aus, testete. Zum Beispiel das Material der Kugeln. „Glas war zu unrund und auch Plastik lief nicht“, erklärte er. Schließlich kam er auf Snookerkugeln aus Phenolharz. Wunderbar kühl und glatt. 34,8 Millimeter im Durchmesser und 37,6 Gramm schwer müssen sie sein und alle 7,8 Sekunden muss eine Kugel oben starten, dann läuft’s rund. Die Edelstahlschienen hat Feismann mit Hand gebogen und auch die Verbindungsstücke stellt er selber her. Welchen Winkel, welche Neigung die Schienen haben müssen, das berechnet er am Computer mit dem CAD-System, einem speziellen Programm für Konstruktionen. Auch die Trichter aus Kunststoff macht er selbst. Das klappt natürlich nicht immer gleich beim ersten Mal. Einige arg verknautschte Fehlversuche finden sich in seiner Werkstatt.

Stefan Feismann wirkt geduldig, sortiert. Aber es gab auch schlechte Momente? „Nachdem ich fünf Jahre gebaut hatte, klappte mal etwas so gar nicht, da hätte ich das ganze Konstrukt am liebsten umgeschmissen“, grinst er bei dem Gedanken. Inzwischen lacht er darüber und seine Augen strahlen, wenn er seinen „alphacoster #1“ betrachtet. „Eigentlich sollte er ja nicht so groß werden“, gibt Stefan Feismann zu. 180 Kilogramm wiegt der Glaskasten mit der Konstruktion und ist nicht so einfach wegzutragen. 1,20 Meter hoch, 60 Zentimeter tief und 1,70 Meter breit steht er nun im Flur des Haupthauses auf Gut Feismann in Darup.

Hat er schon etwas Neues in Arbeit? „Ja natürlich“, kommt es prompt. „Mein Ziel ist es, solche Konstruktionen kleiner zu bauen, die man dann zum Beispiel in Hotellobbies, in Arztpraxen oder anderen Wartebereichen aufstellen kann, um die Menschen zu unterhalten.“ Das wäre in der Tat kurzweiliger als Zeitunglesen, denn beim Betrachten der elegant rollenden kleinen Kugeln vergeht die Zeit wie im Flug. „Ich will die Menschen abholen, wo sie es nicht erwarten“, erklärt Feismann. Er will Spannung erzeugen, dadurch, dass jede Kugel einen anderen Weg nimmt. Dass sich aus dem Labyrinth aus Edelstahl nach und nach für den Betrachter die Logik erschließt.

Das ist es, was die Faszination des „alphacosters #1“ ausmacht: Die verschlungenen Wege der 30 glänzenden roten Kugeln nachzuverfolgen, zu sehen, wie die Schwerkraft arbeitet und dabei die Zeit zu vergessen...

7 Wer sich gern einmal den „alphacoaster #1“ anschauen möchte, kann das über den Youtube-Kanal von Stefan Feismann (Suchfunktion) oder direkt über https:// www.youtube.com/channel/UC7AUseQBrSUTNX6nQJfNCvA/featured

Startseite