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Werner Radünz kennt dank des Suchdienstes des DRK nun endlich das Schicksal seines Vaters

76 Jahre Warten auf eine Antwort

Coesfeld. Es war der 28. März 1945 als sein Vater entführt wurde. Heute, mehr als 76 Jahre später, weiß Werner Radünz endlich, was genau mit ihm passiert ist. „Ich hatte eigentlich keine Hoffnung mehr, Antworten auf meine Fragen zu finden“, sagt der 85-Jährige. Bis ihn jetzt ein Schreiben des DRK erreichte. Der Suchdienst hatte aus den Archivbeständen der Russischen Föderation Unterlagen deutscher Kriegsgefangener und Internierter erhalten, die auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion verstorben sind. „Darunter war auch mein Vater, Wilhelm Radünz.“

Jessica Demmer

Werner Radünz war am 28. März 1945 gerade einmal neun Jahre alt. An dem Tag verschwand sein Vater spurlos, geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Radünz stellte immer wieder Anfragen an den Suchdienst des DRK. Vergeblich. Bis jetzt neue Unterlagen auftauchten und Aufschluss über das Schicksal und das Grab seines Vaters lieferten. Für seine Mutter kommt die Antwort leider zu spät, sie starb vor vielen Jahren. Foto: Jessica Demmer

Werner Radünz kann sich noch gut an den 28. März 1945 erinnern. Damals war er neun Jahre alt und wohnte mit seiner Familie in Jakobsdorf in Pommern. „Ich wurde plötzlich geweckt und es hieß, die Russen sind da. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich die Panzer und das Fußvolk auf der linken Seite, rechts flüchteten die deutschen Soldaten. Die sind genauso überrascht worden wie wir.“ Sein Vater war kein Soldat. „Ich denke, er musste die Volkswirtschaft aufrecht erhalten. Er war Schweizer und zuständig für Viehwirtschaft. An dem Tag ging er ganz normal zur Arbeit.“ Mittags sei sein Vater kurz wiedergekommen, „aber da hatte er keine Stiefel mehr an, man hatte sie ihm einfach ausgezogen“, erinnert sich Werner Radünz. „Dann ging er wieder los zur Arbeit und das war das letzte Mal, das ich ihn gesehen habe.“

Aber nicht nur die Sorgen um den Vater beschäftigten die Familie. „Es gab eine Situation, in der ich und meine Mutter erschossen werden sollten. Ich hatte eine Soldatenmütze gefunden und sie aufgesetzt. Ich war ein Kind und habe mir nichts dabei gedacht, aber die Russen dachten, wo eine Mütze ist, muss auch ein Soldat sein.“ Die beiden kamen mit dem Leben davon, mussten aber ihre Heimat verlassen. „Wir erhielten die Aufforderung unsere Sachen zu packen und wurden auf einen Wagen gesetzt. Der Wohnraum wurde für die nachrückenden Polen benötigt. Es war eine lange Irrfahrt, auch nachts, wir sind schließlich in Neumünster in Schleswig-Holstein gelandet.“ Zuerst wohnte er mit seiner Mutter und seiner Schwester in einer Schule. „Wir haben auf dem Fußboden geschlafen, mit dem Rest unserer Habe als Kopfkissen, haben gehungert und gefroren.“ Schließlich wurde die Schule gebraucht, die drei erhielten ein Privatquartier. „Erst waren wir die ungeliebten Flüchtlinge, was sich aber nach und nach änderte. Wir wurden sozusagen integriert.“ Bis 1961 blieben sie dort. All die Jahre hat Werner Radünz der Gedanke an seinen Vater und dessen Schicksal nicht losgelassen. „Wir haben zwischendurch Gerüchte über seinen Verbleib gehört, aber nichts davon stimmte.“ Immer wieder habe er Anfragen an den Suchdienst des DRK geschickt. Vergebens.

Bis jetzt der Brief kam. Am 28. März 1945 kam sein Vater als Zivilperson in sowjetische Gefangenschaft. Am 6. April 1945 wurde er im Elektromechanischen Werk in Charkow/Ukraine registriert und am 2. August 1945 in das Arbeitsbataillon Nr. 1556 in der gleichen Stadt verlegt. „Dort ist er an Dystrophie dritten Grades verstorben, er ist verhungert“, kennt Werner Radünz nun das Schicksal und sogar den vermutlichen Standort des Grabes. „Aber ob es das wirklich dort heute noch gibt, kann mir keiner sagen. Ich werde auch nicht hinfahren.“ Der Weg sei für ihn zu lang „und ich kann hier genauso gut an ihn denken als dort.“ Seine Suche sei nun beendet. „Ich weiß, wo er liegt. Ich weiß, was ihm passiert ist und dass er nicht lange leiden musste. Auch wenn das Dreivierteljahr zwischen März und November ihm sicher furchtbar lang vorgekommen sein muss.“ Was genau sein Vater in der Zeit gedacht haben muss, darüber will der heutige Coesfelder lieber nicht so genau nachdenken.

Er möchte nun noch die restlichen Unterlagen, die Gefangenenakte und die Karteikarte, aus dem Russischen ins Deutsche übersetzen lassen für die letzten Details. „Es wundert mich, dass nun doch noch Unterlagen aufgetaucht sind, die mir weitergeholfen haben. Wer auch immer beim DRK oder der Kriegsgräberfürsorge daran gearbeitet hat, das war sicherlich viel Arbeit und ich kann nur Danke sagen. Es zeigt doch, dass man nicht aufgeben darf. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt .“

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