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Die Bischofsmühle ist ein magischer Ort voller Geschichten

Am rauschenden Bach

Coesfeld

Das Rauschen des Wassers, das kraftvoll auf das Mühlrad der Bischofsmühle fällt, um es unter Brausen und Gurgeln in Gang zu setzen – das ist der Soundtrack seines Lebens. Mit diesem Rauschen ist Heinz Seesing aufgewachsen, zu diesem Rauschen ist er, den es früh aus Coesfeld fortzog, immer wieder zurückgekehrt. Und als das Rauschen für immer zu verstummen drohte, hat er alles darangesetzt, es zu bewahren – für sich und nachfolgende Generationen. „Wenn ich das Rauschen nicht höre, weil das Mühlrad ausnahmsweise still steht, dann fehlt mir etwas“, sagt der heute 83-Jährige, dessen Lieblingsplatz natürlich das Mühlrad ist.

Von Christine Tibroni

Sein Lieblingsort ist das Mühlrad: Heinz Seesing machte es sich Mitte der 1980er Jahre zur Aufgabe, die verfallene Bischofsmühle, seit 1905 im besitz seiner Familie, zu restaurieren. Foto: Foto: Christine Tibroni

Ein magischer Ort. Das tosende, kalte Wasser, das mächtige, mit Moos und Algen bewachsene Mühlrad, der ewige Kreislauf. „Früher haben die Menschen dem Wasser, welches das Rad antrieb, besondere Kraft zugesprochen, haben mit dem Wasser sogar ihre Kranken gewaschen, um die Genesung zu fördern“, sagt Heinz Seesing. Und dann lacht er und erzählt von dem Brautpaar, das in voller Montur für Fotoaufnahmen an der Mühle war und durch Seesing von der vermeintlichen (Heil-)Kraft des Wassers erfuhr. „Daraufhin wollte die Braut einen Eimer haben, hat darin Wasser aus dem Mühlrad aufgefangen und es ihrem Mann über den Kopf gegossen, auf dass ihm ein langes Leben beschert sei.“

Dass die „alte Dame“, wie Heinz Seesing die Bischofsmühle nennt, heute beliebtes Fotomotiv und geschätzte Sehenswürdigkeit, mehr noch, dass sie authentischer Geschichtsort ist, der von jahrhundertealter Bau- und Handwerkskunst erzählt, ist Heinz und Dagmar Seesing zu verdanken und den zwei Generationen Seesings vor ihnen, denen die Mühle nicht nur das tägliche Brot sicherte, sondern auch ein Zuhause gab.

Heinz Seesings Großvater, der Müller Hubert Seesing, pachtete 1888 die Kornmühle vor den Toren Coesfelds von ihrem damaligen Besitzer Franz von Hamm. „Zusätzlich pachtete er eine Wassermühle in Billerbeck, was bedeutete, dass er fast rund um die Uhr arbeitete. Geschlafen hat er auf dem Rücken seines Pferdes, wenn er zwischen den Mühlen pendelte, was ihm den Namen der schlafende Müller einbrachte“, weiß Heinz Seesing. Die harte Arbeit diente dem Ziel, irgendwann Eigentum zu erwerben. Die Gelegenheit dazu ergab sich 1905, als sich die Familie von Hamm von ihrem Grund und Boden am Honigbach trennen wollte. Hubert Seesing griff zu und war von da an sein eigener Herr.

Als der Müller 1911 im Alter von 51 Jahren starb, führte sein zweitältester Sohn Heinrich mit gerade 15 Jahren den Betrieb weiter. Bis in die 60er Jahre. Auch der letzte Müller arbeitete Tag und Nacht. „Von Mühlenromantik konnte keine Rede sein. Das Müllerhandwerk war harte Arbeit, alle mussten anpacken“, so Heinz Seesing, Sohn des letzten Müllers, der sich noch gut an die schallende Ohrfeige erinnert, die sein Vater ihm verpasste, weil er beim Überwachen des Mahlvorgangs eingeschlafen war. „Ich musste aufpassen, dass immer genug Getreide zwischen den Mühlsteinen lag, wenn das nicht der Fall war, und Stein auf Stein rieb, konnten Funken entstehen, mit verheerenden Folgen für die Mühle“, erklärt Seesing die heftige Reaktion seines Vaters, während er die Tür zur Mühle öffnet.

Seit Mitte der 1980er Jahre hat Heinz Seesing die Schlüsselgewalt über die Mühle, zu der auch Fischteiche, ein Bauernhaus mit Nebengebäuden und Grundbesitz gehören. Damals drohte die Mühle zu verfallen. Heinz und Dagmar Seesing machten es sich zur Aufgabe, die Mühle zu restaurieren und das gesamte Anwesen in das Schmuckstück zu verwandeln, als das es sich heute präsentiert. Eine Herkulesaufgabe, zumal Seesing zu jener Zeit als Geschäftsführer der Bremer Stadthalle und Familienvater alle Hände voll zu tun und seinen Lebensmittelpunkt in Bremen hatte. „Ich bin manchmal immer noch überrascht, dass wir den Mut dazu hatten“, meint Seesing.

Im Inneren der Mühle ist es kühl und dämmrig. Es riecht nach Holz und Staub. Zu hören ist das Summen des Generators, der die Bewegungsenergie des Mühlrades in elektrische Energie wandelt – echter Ökostrom, mit dem das Anwesen versorgt wird. Die alte Dame ist ganz schön modern.

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