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Coesfeld

Begegnung mit Wilhelmine Süskind

Coesfeld. Da steht sie, neben dem Grab ihres Mannes auf dem jüdischen Friedhof und berichtet, welch furchtbares Leid ihr und ihrer Familie angetan wurde. Wilhelmine Süskind kehrt in alten Filmausschnitten noch einmal zurück und kommt den Besuchern, die sich zur Gedenkstunde aus Anlass der Pogromnacht am 9. November 1938 in der ehemaligen Synagoge versammelt haben, noch einmal ganz nah. Claudia Haßkamp von der Gruppe 9. November Coesfeld, die die Feier vorbereitet hat, berichtet viele neue Einzelheiten über die jüdische Mitbürgerin, die den Holocaust überlebt hat und in den 60er-Jahren sogar den Weg zurück in ihre Heimat Coesfeld fand, wo sie bis 1995 lebte.

Ulrike Deusch

Eine Gruppe des Nepomucenums stellt Projektarbeiten vor. Auf dem Plakat geht es um die Familie Cohen, deren Schicksal die Arbeitsgruppe nachgezeichnet hat. Auch mit anderen jüdischen Coesfeldern haben sich Arbeitsgruppen beschäftigt. Fotos: ude Foto: az

Durch Kontakte nach und Akten aus Skandinavien hat Claudia Haßkamp Ergänzungen zu Wilhelmine Süskinds Lebensgeschichte erhalten. Sie beschreibt den Weg der Ehefrau des Coesfelder Metzgers Cohen „aus einer ganz normalen Nachbarschaft“, die sich immer mehr abwendet, über das Leben im Judenhaus an der Kupferstraße 10, die Deportation nach Riga, die Stationen in Ghetto und Lagern, den letzten Todesmarsch und ihre Rettung durch Schweden, bis zur Heirat mit Benno Süskind und der Rückkehr nach Coesfeld. Ob sie noch oft an ihre Familie und ihr Schicksal denke, wird „Minchen“ Süskind im Film vom Reporter gefragt. „Es ist kein Tag, an dem ich nicht daran denke“, antwortet sie.

Auf die Spuren der NS-Zeit im Kreis Coesfeld haben sich Schülerinnen des Gymnasiums Nepomucenum begeben und stellen den vielen Besuchern in der fast überfüllten Synagoge ihre Projektarbeiten vor. „Das Projekt hat mich sehr zum Nachdenken gebracht“, sagt eine Schülerin. Und eine andere: „Erst habe ich gedacht, man kann sich das Leid der jüdischen Mitbürger besser vorstellen, wenn man sich mit ihrer Geschichte beschäftigt. Aber jetzt glaube ich, es war so schlimm, dass es einfach unvorstellbar ist.“

Welcher Auftrag erwächst aus den Schrecken der NS-Zeit für die Menschen heute? Rolf Müller, ebenfalls von der Gruppe 9. November, warnt vor Werteverlust und Kulturverfall, vor allen, die das Eigenwohl vor das Gemeinwohl stellen, vor hasserfüllter Sprache in sozialen Medien. Er appelliert an die Zuhörer: „Wir sollten wachsam sein und allen Populisten und Extremisten misstrauen.“ Er ruft sie auf, Zivilcourage zu zeigen und die Menschenwürde eines jeden zu achten.

Damit die Geschichte der Opfer nicht vergessen wird und Lehren für Gegenwart und Zukunft im Bewusstsein bleiben, werden in Coesfeld bekanntlich Stolpersteine verlegt. Wolfgang Jung vom Initiativkreis stellt Projekt und Zeitplan vor. Wie berichtet beginnt das Verlegen am 28. Januar an drei Adressen, an denen jüdische Mitbürger zu Hause waren.

Zum Schluss spielt das Blockflötenensemble von Iris Joosten „Hevenu Shalom Alechem“ und macht den Wunsch nach Frieden hörbar.

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