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Der Letteraner Klaus Dahms kämpft seit 25 Jahren beruflich für den Erhalt seltener Arten

Der Mann für alle Felle (und Federn)

Lette

Klack, klack, klack. Das Klopfen kommt von der gläsernen Terrassentür – aber auf den ersten Blick ist niemand zu sehen. „Ah, das ist Anton“, lacht Klaus Dahms, der dieses Geräusch vom Picken an der Fensterscheibe gut kennt. Anton ist eine Rabenkrähe, die der Mitarbeiter des Kreises Coesfeld derzeit bei sich zu Hause im Stripperhook in Lette hat. „Eine illegale Aufzucht“, erklärt er. Er habe versucht, den Vogel wieder auszuwildern. Aber das klappe nicht wirklich. „Da sieht man, was Menschen anrichten“, sagt der 57-Jährige. Von seinen Artgenossen werde Anton nicht mehr akzeptiert. Er ist eng an die Menschen gebunden, kehrt immer wieder zu ihm und seiner Frau zurück.

Von Detlef Scherle

Eine kleine Herde von Ouessantschafen hat Klaus Dahms jüngst seiner Frau zum Geburtstag geschenkt. Das bretonische Zwergschaf (internationale Bezeichnung: Ushant) ist die kleinste Schafrasse Europas. Foto:  Detlef Scherle

Dahms ist seit nunmehr 25 Jahren bei der Unteren Naturschutzbehörde der Mann für alle Felle beziehungsweise Federn. Einheimische (er betreut als „Ranger“ die hiesigen Schutzgebiete) und exotische sind darunter. Er wacht über die Einhaltung des Washingtoner Artenschutzabkommens, beschlagnahmt mithilfe von Zoll und/oder Polizei Tiere und Pflanzen, die illegal gehalten oder gehandelt werden. „Auch hier gibt es alles, was es auf der Welt gibt“, stellt der Gärtnermeister, der sich in zahlreichen Seminaren zum Artenschützer fortgebildet hat, klar, dass der Kreis Coesfeld keine Insel der Tugendhaften ist. Immer wieder hat er mit Menschen zu tun, die seltene Tiere aus Profitgier als Ware betrachten, sie quälen oder vernachlässigen. Während er am Küchentisch erzählt, füllt seine Frau Marion Schild draußen Spender für die Wildvögel mit Futter auf. Zig Feldsperlinge, Meisen und andere Kleinvögel umschwirren sie. Die beiden teilen die Leidenschaft für die Natur, haben sich hier im Außenbereich ein kleines Paradies mit Hund, Schafen und Hühnern geschaffen. „Ich war schon als Kind Trapper und Fallensteller“, lacht Dahms. Mit 14 habe er seinen Angelschein gemacht, mit 16 den Jagdschein. Nach mehreren Stationen, unter anderem in einer Behinderteneinrichtung, kam er 1997 zum Kreis. „Ich betrachte meine Arbeit als Berufung.“

Klaus Dahms

Anton ist draußen inzwischen auf die Schulter von Marion Schild geflogen und lässt sich von ihr durch den Garten tragen, während Dahms von seinen spektakulärsten Fällen berichtet. Einmal hat er einen Rehbock aus der Coesfelder Umflut befreit. Ein andermal musste er dienstlich in ein Bordell. Ein Freier hatte gemeldet, dass Schlangen dort nicht artgerecht gehalten werden. Erst vor Kurzem hatte er noch nachts eine in Dülmen entwischte Python in seinem Badezimmer „zwischengeparkt“ (wir berichteten). Als seine nichtsahnende Frau morgens darüber stolperte, erschreckte sie sich zwar gehörig, sauer war sie aber nicht lange. „Ohne ihre Akzeptanz ginge das gar nicht“, sagt Dahms. Denn immer mal wieder müsse er Tiere kurzzeitig zu Hause unterbringen, weil es keine andere Lösung gebe. Etwa 100 Tiere seien es pro Jahr, die kreisweit aufgegriffen oder beschlagnahmt werden. Die Schlange aus Dülmen hat mittlerweile ein neues Zuhause im Zoo in Rheinberg gefunden. Ihr Besitzer konnte sie nicht mehr halten.

Rabenkrähen haben ihren eigenen Kopf. Zunächst versuchen Klaus Dahms und seine Frau Marion Schild „Anton“ zu locken, aber er fliegt dann ganz ohne Aufforderung lieber auf die Schulter des AZ-Reporters. Foto: Detlef Scherle

Einen Tropenholzhändler hat er hochgehen lassen, zählt er weiter auf. Kontrollen bei Haltern von exotischen Tieren kommen auch dazu. So gebe es im Kreisgebiet sogar einen, der Löwen privat hält. Legal. Dahms hat ein Auge darauf, dass alle Auflagen eingehalten werden. Etwas seltener wird illegaler Handel mit Fellen exotischer Tiere, weil die Nachfrage in Deutschland zusammengebrochen sei. Nur in Osteuropa gebe es dafür noch einen Markt. Bei Verkäufen müssen die Besitzer nachweisen, wo die Felle herstammen. So habe eine Dame einmal drei Ozelot-Mäntel verkaufen wollen. Ihr Mann habe ihr „nach jedem Fehltritt“ einen gekauft, hatte sie angegeben. Ungewöhnlich war auch ein Skorpion, der in einem Supermarkt in Coesfeld aus einer Bananenkiste heraus kletterte und eingefangen werden musste.

Viel hat Dahms mit Unwissenheit und Gleichgültigkeit zu kämpfen. Mountainbiker machten in Naturschutzgebieten zunehmend Ärger. Der neueste Schrei seien Nachtwanderungen mit Nachtsichtgeräten – kreuz und quer durch die Natur. Nicht einmal nachts würden die Tiere in Ruhe gelassen.

Klaus Dahms

Er bekomme aber auch Anrufe von Spaziergängern, zum Beispiel aus dem Venner Moor, die Funde exotischer Schlangen melden. Dann lässt er sich zunächst Handyfotos schicken. Und es stellt sich meist heraus: eine Kreuzotter oder Ringelnatter. „Die leben da. Die gehören da hin“, weiß Dahms. Das gilt im Übrigen auch für den Wolf, der schon im Kreis Coesfeld aufgetaucht ist. Am 6. Dezember ist zuletzt ein Exemplar in Darfeld gesichtet worden. Auch dazu hat Dahms eine Fortbildung absolviert. Er ist jetzt Wolfs- und Luchsberater. Das werde, blickt er voraus, sicherlich in Zukunft ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit. Immer wirbt er um Akzeptanz für „Rückkehrer“, so zum Beispiel auch für den Biber, der seit Kurzem in den Dülmener Fischteichen wieder heimisch ist.

Dann geht’s zu einer kleinen Führung nach draußen, wo Anton von Baum zu Baum fliegt. „Komm, komm!“ Dahms lockt ihn an. Der Reporter will ihn gerne auf der Schulter des Protagonisten ablichten. Er und seine Frau geben alles. Aber das Tier hat seinen eigenen Kopf und landet schließlich völlig freiwillig auf der Schulter ... des Journalisten.

Eine Vision für das alte Tierheim

Washingtoner Artenschutzabkommen

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