1. www.azonline.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Coesfeld
  6. >
  7. „Die Alarmanlage klingt noch nach“

  8. >

Seit Freitag gelten weitere Lockerungen – wie Menschen darauf reagieren

„Die Alarmanlage klingt noch nach“

Coesfeld

Immer mehr Lockerungen bieten die Möglichkeit, wieder mit mehreren Menschen in Kontakt zu treten, Zeit im Restaurant mit Freunden zu genießen und seine Freizeit abwechslungsreicher zu gestalten. Was viele als seelische Entlastung empfinden, ist längst nicht bei allen Menschen so. Welche Schwierigkeiten es psychisch auch geben kann, wenn das Angebot an Aktivitäten und Kontakten plötzlich zunimmt und was damit einhergehen kann, darüber hat unser Redaktionsmitglied Leon Seyock mit Suzana Trivakovic-Thiel, Psychologische Psychotherapeutin in der Praxis für Psychotherapie Dr. Hüsken-Janßen und Kolleginnen in Coesfeld, gesprochen.

Viele Menschen um sich herum: Nicht jeder kommt damit nach Monaten der sozialen Abstinenz gleich gut klar. Warum das so ist, erklärt Dipl.-Psych. Suzana Trivakovic-Thiel im Interview. Foto: Foto: Pixabay

Frau Trivakovic-Thiel, nach Monaten wieder im Café sitzen, unter Menschen zu gehen – das ist eigentlich etwas Schönes. Für viele fühlt sich das aber noch komisch an. Können Sie das nachvollziehen?

Suzana Trivakovic-Thiel: Auf jeden Fall. Orientierung und Sicherheit sind ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Die Pandemiesituation, die als große Krise – als eine Herausforderung ungewöhnlichen Ausmaßes – von uns Menschen wahrgenommen wurde, löst eine Aktivierungsreaktion aus, um das Grundbedürfnis nach Orientierung und Sicherheit zu befriedigen. Das ist erstmal eine sehr sinnvolle Reaktion, da wir dadurch schnell Lösungen finden. Das ist mit einer Alarmanlage im Körper vergleichbar, die eingeschaltet wird und uns hilft, mit potenziellen Gefahren gut umzugehen. Die AHA-Regeln und der Verzicht auf große Menschenansammlungen stellen zum Beispiel eine Bewältigungsstrategie dar und haben uns geholfen, uns sicherer zu fühlen. Durch die Lockerungen verändert sich die Situation, man darf wieder ins Restaurant und Freunde treffen. Diese Situationen sind aber noch mit einer potenziellen Gefahr in uns verknüpft und lösen, wie Sie sagen, ein „komisches“ Gefühl aus. Die Alarmanlage klingt noch nach und kann auch immer wieder ausgelöst werden.


Was braucht es, um diese Alarmanlage abzuschalten?

Trivakovic-Thiel: Es braucht einen Umgewöhnungsprozess, um zu einer „verantwortungsvollen Normalität“, wie Ministerpräsident Armin Laschet es beschrieb, zurückkehren zu können. Die Alarmanlage tönt bei jedem Menschen unterschiedlich lang und laut nach – von daher gehen Menschen auch unterschiedlich mit den Lockerungen um. Hinzu kommt, dass die Pandemielage das Auftreten von depressiven Symptomen begünstigen kann. Der Wegfall von positiven Aktivitäten – im Fachjargon: der Wegfall positiver Verstärker – kann das Auftreten depressiver Symptome wie Antriebsschwäche, Erschöpfungsneigung und des Gefühls „alles ist zu viel“ begünstigen. Auch das kann ein komisches Gefühl auslösen, wenn im Rahmen der Lockerungen wieder mehr Aktivitäten möglich sind und man sich darüber doch eigentlich freuen müsste.

Fällt introvertierten Menschen dieser Umgewöhnungsprozess also leichter als extravertierten?

Trivakovic-Thiel: Mit diesen beiden Begriffen bezeichnet man zwei verschiedene Pole einer Persönlichkeitsdimension. Jemand, der eher introvertiert ist, kann zum Beispiel mit dem Lesen eines Buches auf dem Sofa zufrieden sein, und jemand, der eher extravertiert ist, braucht für sein subjektives Empfinden von Zufriedenheit vielleicht mehr „Action“. Unabhängig von unserer Persönlichkeitsstruktur haben wir aber, glaube ich, alle unter der Pandemiesituation gelitten. Der Unterschied dürfte aber eher in unserem Umgang mit den Herausforderungen liegen.

Wie meinen Sie das?


Trivakovic-Thiel: Wenn man sich Menschen zum Beispiel mit sozialen Ängsten anschaut, dann befanden diese sich durch die Abschottung in einer gewissen Komfortzone. Heißt: Die Situationen, die bei ihnen Angst und Unwohlsein auslösen, haben durch die Einschränkungen gar nicht erst stattgefunden.

Wie kann denn die persönliche Rückkehr in das gesellschaftliche Leben gelingen?

Trivakovic-Thiel: Man sollte sich Herausforderungen mit einem angemessenen Niveau stellen. Natürlich darf und sollte man nicht direkt in die Vollen gehen, aber zur Umgewöhnung kann man sich zum Beispiel eine Stunde lang ins Café setzen – und sehen, dass man diese Herausforderung meistern kann. So lernen Körper und Psyche im Einklang, dass die Alarmanlage nicht anspringen muss. Der Reiz wird auf Dauer wegen der Irrelevanz immer geringer, bis ich ihn irgendwann nicht mehr wahrnehme.

Sich immer wieder neuen Situationen anpassen – Kinder sind tagtäglich damit beschäftigt. Fällt ihnen daher diese Umstellung leichter als Erwachsenen?


Trivakovic-Thiel: Das könnte man annehmen, vor allem auch, weil Kinder unter Umständen keine Katastrophenszenarien im Kopf haben. Den entscheidenden Unterschied sehe ich weniger in dem Alter, sondern in der Persönlichkeitsstruktur. Auch Kinder gehen ganz unterschiedlich mit der Situation um. Man kann ihnen den Umgewöhnungsprozess aber erleichtern, indem man in der Familie oder auch bei Treffen mit Freunden Maßnahmen trifft, womit sich Kinder wohlfühlen.

Treffen mit Freunden – das ist ein gutes Stichwort und nun wieder möglich. Dennoch war die Einsamkeit während der Pandemie häufig ein großes Problem. Hat Corona also einsam gemacht?

Trivakovic-Thiel: Ich glaube schon, dass das so ist. Pauschal ist die Frage nicht zu beantworten, aber im Grunde ist es so, dass diejenigen, die sich an alle Restriktionen gehalten haben, auch ihr Sozialleben auf ein Minimum reduziert haben. Kontaktpflege hat oft nur digital stattgefunden. Aber das ersetzt niemals den persönlichen Kontakt. Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen.

Trotz der verstärkten Einsamkeit gibt es Menschen, die sich während der Pandemie kennengelernt haben und eine Partnerschaft eingegangen sind. Wie gehen Paare damit um, wenn der Partner plötzlich mehr Kontakte hat?

Trivakovic-Thiel: Das Knüpfen neuer Partnerschaften hat zunächst unter erschwerten Bedingungen stattgefunden, und viele Hürden mussten überwunden werden. In der Phase der Verliebtheit ist sich das Paar selbst genug, vieles rückt dann in den Hintergrund. Mit den Lockerungen lernt man seinen Partner – verspätet – auch in Sozialsituationen kennen. Das kann dann einen Anpassungsprozess hervorrufen.

Ist dabei auch die Eifersucht ein Thema?

Trivakovic-Thiel: Eifersucht ist ein komplexes Phänomen und hängt mit vielen Faktoren zusammen. Sicherlich kann auch diese Situation, die Sie beschrieben haben, bei Menschen, die ohnehin eher zu Eifersucht neigen, eine solche Reaktion auslösen. Eine Eifersuchtsreaktion kann aber auch zu konstruktiven Ergebnissen führen, wenn ich zum Beispiel Beziehungspflege betreibe, dem anderen eine Freude mache und mir die Tatsache klarmache, dass ich in meiner Einzigartigkeit durch niemanden ersetzbar bin.
Durch die Pandemie, ob mit oder ohne Partner, haben wir uns verschiedene Verhaltensweisen angewöhnt. Welche werden wir auch nach der Pandemie beibehalten ?
Trivakovic-Thiel: Grundsätzlich sind Krisen beziehungsweise Herausforderungen wichtig, vor allem wenn wir sie meistern. Wir als Menschheit haben bislang sehr viele Krisen und Herausforderungen sehr gut gemeistert und dadurch Ressourcen entwickelt, die wir jetzt und in Zukunft gut gebrauchen können. Durch die Corona-Pandemie haben wir die Erfahrung gemacht, dass auch gute Dinge daraus hervorgehen können: Wir haben schnell einen Impfstoff entwickelt, die Digitalisierung wird vorangetrieben, und Home-Office wurde vielerorts eingerichtet. Daraus können wir für eine nächste, ähnliche Krise lernen.

Startseite