Yashendu Goswami verfolgt mit Trauer und Sorge die Corona-Katastrophe in seiner Heimat Indien

„Die Menschen sterben auf der Straße“

Coesfeld. Im März 2020 war Yashendu Goswami das letzte Mal in Indien. Wann er das nächste Mal in die Heimat zurückkehren kann, weiß er nicht. Aber eines weiß er sicher: „Meine Heimatstadt Vrindavan wird anders aussehen, weil Freunde, Bekannte und Nachbarn tot sind.“ Gnadenlos wütet Corona in Indien. In den Metropolen und auf dem Land, keinen Unterschied zwischen Arm und Reich machend. Täglich hunderttausende Neuinfektionen, tausende Tote. „Wobei die tatsächlichen Zahlen weit über den offiziellen Angaben liegen, weil gar nicht erfasst wird, wie viele Menschen in den Dörfern und kleinen Städten an Covid-19 erkranken oder sterben“, meint Goswami, der seit 2016 in Coesfeld lebt und die Praxis Ayurveda Konzept an der Großen Viehstraße betreibt.

Christine Tibroni

Yashendu Goswami lebt seit 2016 in Coesfeld. Aus der Ferne verfolgt er, wie das Coronavirus in seiner Heimat wütet, und versucht, im Rahmen seiner Möglichkeiten zu helfen. Foto: Christine Tibroni

Aus der Ferne muss er jetzt mit ansehen, wie Indien im Corona-Chaos versinkt. Denn es fehlt an allem. „FFP2-Masken sind Mangelware. Schnelltests für zu Hause gibt es gar nicht. Die Leute müssen zu den Testzentren gehen, wo sie stundenlang dicht an dicht anstehen. Wer bis dahin kein Corona hatte, steckt sich dort an“, erzählt Yashendu Goswami. Wer sich testen lasse, müsse dann vier Tage auf das Ergebnis warten. Zeit, in der sich das Virus weiter ausbreiten kann. Denn eine strenge Isolation, noch dazu rein prophylaktisch, ist vielen Menschen in Indien gar nicht möglich.

Die Krankenhäuser sind längst kollabiert. Es gibt nicht genug Sauerstoff, nicht genug Beatmungsgeräte, nicht genug Medikamente, nicht genug Ärzte und Krankenschwestern. Goswami: „Die Menschen sterben auf der Straße, und die Toten werden teilweise auf der Straße eingeäschert, weil die rituellen Orte für die Feuerbestattung überfüllt sind. Es ist furchtbar.“ Hinzu kommt: Das Impfen gerät ins Stocken, weil Rohmaterial für den Impfstoff fehlt und Indien lange Zeit große Mengen an Impfstoff exportierte.

Als Ursachen für die explodierenden Corona-Fallzahlen nennt Goswami zwei Superspreader-Ereignisse: das größte religiöse Fest des Hinduismus, Kumbh Mela, und die indischen Regionalwahlen. „Beim Kumbh-Mela-Fest kamen Millionen von Menschen aus allen Teilen des Landes zusammen. Kaum einer trug Maske, niemand hielt Abstand. Anschließend kehrten alle wieder in ihre Städte und Dörfer zurück, und viele brachten Corona mit. Kumbh Mela ist ein bedeutendes Fest, das zudem nur alle zwölf Jahre stattfindet, aber es hätte abgesagt werden müssen“, meint Goswami. Auch die Wahlen hätten in seinen Augen nicht mitten in der sich auftürmenden Corona-Welle stattfinden dürfen. „In Indien gibt es keine Briefwahl. Die Leute müssen in Wahllokale gehen, vor denen sich lange Schlangen bilden. Auch hier stehen die Menschen dicht an dicht. Ich frage mich: Was ist wichtiger? Wahlen oder Menschenleben?“

Der 40-Jährige trauert um die Menschen, die ihm nahestanden und die er an Corona verloren hat. Gleichzeitig ist er voller Sorge um jene, die bisher verschont blieben. Er versucht, im Rahmen seiner Möglichkeiten zu helfen, hat Selbsttests, FFP2-Masken und Geld nach Vrindavan geschickt, wohl wissend, dass es sich um einen Tropfen auf dem heißen Stein handelt. „Ich tue, was ich kann. Und auch ein kleiner Beitrag ist eine Hilfe.“

Schon seit 2007 leisten Yashendu Goswami und seine Familie in Vrindavan im Norden Indiens Hilfe für Menschen in Not. Sie ermöglichen Kindern aus mittellosen Familien den Besuch einer Schule, versorgen sie mit Lernmaterialien und einem warmen Mittagessen. Zu Beginn der Pandemie verteilte die Familie Lebensmittelpakete an Menschen, die während des Lockdowns kein Einkommen hatten. Yashendu Goswami half von Deutschland aus über den Verein Swami Balendu, der künftig unter dem Namen Future for Kids Vrindavan von Coesfeld aus agieren soll.

0 Wer den Menschen in Vrindavan in der Corona-Katastrophe mit einer Geldspende helfen möchte, kann dies über den gemeinnützigen Verein Swami Balendu e.V. tun. IBAN: DE 64 6609 0800 0006 2055 34

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