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Hermann Schapmann bekommt Diamantenen Meisterbrief – und plaudert über sein Bäckerhandwerk

Ein Mann der nächtlichen Arbeit

Coesfeld

Um 3 Uhr nachts, wenn draußen in der Dunkelheit alles ruhig ist und andere tief und fest schlafen, ist seine Zeit gekommen. Denn später als 3 Uhr klingelte sein Wecker nie. „Dann bin ich aufgestanden und eine Etage tiefer in die Backstube gegangen“, erzählt Hermann Schapmann. Die unterschiedlichsten Körner- oder die stets beliebten Schokobrötchen, Croissants und Sahneteilchen – alles ging durch seine Hände. „Nur Gewürze hatten wir damals noch nicht“, überlegt Schapmann. Vom Bäckerhandwerk im Laufe der Zeit kann kaum jemand so ausführlich berichten wie der 84-jährige Coesfelder: In den Händen hält er seinen Diamantenen Meisterbrief.

Von Leon Seyock

Kein Unbekannter ist Hermann Schapmann in Coesfeld: Jahrzehntelang betrieb er eine eigene Bäckerei an der Münsterstraße. Jetzt hat er seinen Diamantenen Meisterbrief bekommen. Auch wenn er schon lange nicht mehr im Beruf ist, erzählt der Bäckermeister gern von seinem Handwerk. Foto: Foto: Leon Seyock

Dass er beruflich diese Richtung einschlagen wird, war für ihn früh klar – sein Vater und Großvater haben ihm als Bäckermeister schließlich gezeigt, was der Alltag in diesem Beruf mit sich bringt. So zog es den jungen Mann 1952 nach Borghorst, wo er das Handwerk des Konditors und des Bäckers bis zum Meister erlernte. In Münster bekam er im Sommer 1961 den Meisterbrief überreicht. Die familieneigene Backstube, die es viele Jahrzehnte an der Münsterstraße gab, wurde bereits zuvor im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört, „mein Vater wurde außerdem in den Krieg eingezogen, wo er gefallen ist“, so Schapmann.

Mitte 20 war er, als er 1963 die alte Familientradition wieder hat aufleben lassen – am alten Standort an der Münsterstraße. Dort war ein Lebensmittelgeschäft ansässig, das er übernommen hat, um dort frische Backwaren anbieten zu können. Er bezog die Wohnung über der Backstube. „Das war früher üblich so“, weiß Schapmann.

Gearbeitet wurde seitdem von 3 Uhr nachts „bis alles fertig war“. Das waren nicht selten 100 Stunden pro Woche, die Schapmann in seiner Backstube verbracht hat. „Sonntags wurde früher immer viel Kuchen gekauft, das ist heute nicht mehr so“, erzählt er von früher. Tatkräftig zur Seite stand ihm seine Ehefrau Margret, die damals in dem Lebensmittelgeschäft als Verkäuferin tätig war. „Die fand ich dann gut“, lacht der Bäckermeister. Und die Fronten zwischen ihnen scheinen auch schnell geklärt gewesen zu sein: „Ich hatte in der Backstube das Sagen, sie im Verkauf.“ Stets mit Freude sind beide ihrer Arbeit nachgegangen, „vor allem die Arbeitsweise hat mir gefallen“, schildert Schapmann. Wenn ein Brötchen auf der Oberseite nicht den obligatorischen Riss hatte, „dann kam es auch nicht in den Verkauf“, hat er immer kritisch sein eigenes Handwerk betrachtet.

Kurz vor der Jahrtausendwende haben Margret und Hermann Schapmann ihr Imperium in die Hände des Ehepaares Saphörster gelegt, die die Bäckerei bis 2018 weiterführten. Heute befinden sich in dem Gebäude gegenüber vom Café Central Büroräume.

Das Ehepaar Schapmann hat es sich derweil in ihrem Eigenheim in einem Wohngebiet gemütlich gemacht. „Ruhiger ist es seitdem geworden. Aber das haben wir uns auch verdient, denke ich“, zwinkert der Ur-Coesfelder. Wird denn auch heute noch im Hause Schapmann fleißig gebacken? „Nicht mehr, das habe ich in meinem Berufsleben schon genug getan“, winkt der 84-Jährige lachend ab. „Außer wenn Besuch kommt, dann gibt es selbstgemachten Kuchen.“ Aber dafür muss er ja auch nicht um 3 Uhr in der Nacht aufstehen.

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