1. www.azonline.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Coesfeld
  6. >
  7. Ein Stück Heimat zurückerobert

  8. >

Warum die Rathausglocke seit zehn Jahren am Pulverturm läutet

Ein Stück Heimat zurückerobert

Coesfeld

Seit zehn Jahren erklingt das Geläut der alten Rathausglocke am Pulverturm immer dann, wenn der Heimatverein dort Gäste empfängt oder eine Veranstaltung eröffnet. „Damit knüpfen wir an alte Traditionen an“, freut sich Edith Eckert-Richen, Vorsitzende des Heimatvereins Coesfeld.

Von Manuela Reher

Ein besonders feierlicher Moment kurz vor Weihnachten 2010: Damals überreichte Klaus Kenkmann (r.) als Vorsitzender der Seniorenunion Coesfeld die alte Rathausglocke an Josef Vennes, den damaligen Vorsitzenden des Heimatvereins Coesfeld, im Beisein zahlreicher Mitglieder. Foto:

Schließlich ertönte bis zur Zerstörung des Coesfelder Rathauses im Zweiten Weltkrieg auch Glockenklang, wenn der Wochenmarkt eröffnet oder Gericht gehalten wurde oder hohe Gäste der Stadt empfangen wurden.

Weil die Aktionen des Heimatvereins seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres wegen der Corona-Pandemie auf Sparflamme durchgeführt wurden, war die Glocke natürlich nicht mehr so oft zu hören. Das soll sich aber wieder ändern. Umso schöner sei es für den Heimatverein, nun seit zehn Jahren über ein solches Schmuckstück an seinem Domizil, am Pulverturm, zu verfügen. „Das ist ein echter Hingucker“, sagt Edith Eckert-Richen.

Lange Zeit habe man nicht gewusst, wohin es die Rathausglocke verschlagen hatte. Die Glocke galt als verschollen. Denn als das Rathaus in Trümmern lag, wurde der Bauschutt in alle Winde zerstreut. Das Material diente für den Wiederaufbau und war sehr begehrt. Familie van Wüllen aus Asbeck hatte Verbindung nach Coesfeld und die Möglichkeit bekommen, Bauschutt aus Coesfeld zu holen. In der Ladung vom 21. März 1945 befand sich auch die Glocke aus dem 18. Jahrhundert. So landete sie in Asbeck. Zunächst lagerte sie auf dem Grundstück der Familie van Wüllen und diente zeitweise als dekoratives Gefäß für Blumen. Dann kam sie als Ausstellungstück in die Kunstgalerie van Wüllen.

Im Jahre 2009 entdeckten die Coesfelder CDU-Senioren bei einem ihrer Ausflüge das metallische Relikt des Coesfelder Rathauses durch puren Zufall in der Kunstgalerie. Allerdings fehlte der Klöppel. Edith Eckert-Richen war auch dabei und erinnert sich noch genau an den sensationellen Fund. Familie van Wüllen machte die Besuchergruppe aus Coesfeld darauf aufmerksam, dass es sich um die alte Rathausglocke aus Coesfeld handelte. Sofort meldeten Edith Eckert-Richen und Klaus Kenkmann spontan ihr Interesse an der Glocke an. Sie waren sich sofort einig: „Die Glocke muss wieder zurück nach Coesfeld.“

Für 1500 Euro sollte der Klangkörper den Eigentümer wechseln. Also organisierten die CDU-Senioren eine Spendenaktion, bei der Lilo Bünger als erste gleich 500 Euro zur Verfügung stellte. Schnell kamen weitere tausend Euro zusammen.

Vor rund hundert Mitgliedern überreichte Klaus Kenkmann, damals Vorsitzender der Seniorenunion, im Dezember 2010 die wieder erworbene Glocke aus dem Turm des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Coesfelder Rathauses an den damaligen Vorsitzenden des Heimatvereins, Josef Vennes. „Das war für uns alle ein bewegender Moment“, erinnert sich Edith Eckert-Richen.

Als die Thies-Senioren die Glocke bei einem Besuch im Pulverturm sahen, seien sie sofort Feuer und Flamme gewesen, eine Halterung und einen Bogen zu bauen. So konnte die Glocke 2011 im Vorgarten des Pulverturms aufgestellt werden. Den fehlenden Klöppel hat André Terwey hergestellt.

Mancher Zeitgenosse betrachte die kleine Glocke ohne Inschrift als unbedeutend, vermutet Edith Eckert-Richen. Doch für den Heimatverein habe die alte Rathausglocke einen hohen ideellen Wert. Sie sei allen dankbar für das große Engagement, das dazu geführt habe, dass ein Stück Heimat zurückerobert werden konnte.

Startseite