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DGB- und IG-BAU-Ortschef Heinz Dickhoff kehrt der SPD nach 25 Jahren den Rücken

„Es geht nur noch um Posten“

Coesfeld. Zum Jahreswechsel verliert die SPD ein prominentes Mitglied. „Das Maß ist voll. Es reicht“, erklärt Heinz Dickhoff, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (BAU) und des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Coesfeld, auf AZ-Nachfrage. Der 64-jährige Letteraner war 25 Jahre Genosse, davon etliche Jahre als Vorstandsmitglied bis hinauf zum stellvertretenden Ortsvorsitzenden. Schon vor zwei Jahren hatte er dem Coesfelder Ortsverein den Rücken gekehrt und war nach Dülmen gewechselt – jetzt kommt der endgültige Schnitt. „Ich will als Arbeitnehmervertreter nicht mehr den Kopf für diese unsolidarische Politik hinhalten“, sagt er. „Es geht nur noch um Posten. Arbeitnehmer und sozial Schwache kommen kaum noch vor in der Partei“, begründet er seinen Schritt.

Detlef Scherle

Gibt sein Parteibuch zurück: DGB-Ortsvorsitzender Heinz Dickhoff. Foto: az

Im Coesfelder Stadtrat, kritisiert er, stimme die SPD meist mit der CDU – nicht selten gegen Arbeitnehmerinteressen. So schicke sie auch nur einen Handwerker in den Stadtrat. Die Gewerkschaften dagegen würden bei ihren Aktionen – zuletzt bei Real und Westfleisch – kaum unterstützt. Ganz im Gegenteil: „Die SPD hat der Einleitung des Bebauungsplanverfahrens für die Westfleischerweiterung zugestimmt“, schimpft er. Hoffnungsträgerin sei für ihn die neue Bürgermeisterin Eliza Diekmann. Sie sei offen für Arbeitnehmer- und soziale Fragen – aber es zeichne sich schon ab, dass sie es da mit SPD und CDU schwer haben werde. Auch auf Kreis-, Landes- und Bundesebene könne er keine Orientierung an Arbeitnehmerinteressen mehr erkennen: „Das ist nicht mehr die Partei von Helmut Schmidt.“ Zuletzt sei man sich 2018 zwischen DGB und SPD einig geworden, einen Gewerkschaftsrat ins Leben zu rufen. Erst jetzt dürften zwei Gewerkschafter als sachkundige Bürger in Ausschüssen des Kreistages mitarbeiten. Er hatte sich dafür auch gemeldet. Dann seien aber, was grundsätzlich in Ordnung sei, zwei andere ausgewählt worden. „Ich hätte mir gewünscht, dass man mir zumindest sagt, dass man mich nicht will“, so Dickhoff. Auch auf sein Schreiben, mit dem er den Austritt zum 1. Januar ankündigt, habe er „Null Resonanz“ vom Coesfelder SPD-Chef Hermann-Josef Vogt erhalten.

Der sagt, ein solches Schreiben nicht bekommen zu haben. Ein persönliches Wort des Bedauerns über den Austritt Dickhoffs kommt Vogt nicht über die Lippen. Nur allgemein erklärt er, dass jeder Genosse, der die SPD verlässt, einer sei, „den ich vermissen werde“. Vogt sieht in dem Austritt des DGB-Manns auch keinen Bruch des „engen Schulterschlusses“ mit den Gewerkschaften. „Ich bin selbst Gewerkschafter“, hebt er hervor. Man müsse die Themen aber immer auch differenziert betrachten, stellt er klar. Mit Schwarz-Weiß-Malerei komme man in der Politik nicht weiter. So beim Thema Westfleisch: Beim Erweiterungsbegehren gehe es um rechtsstaatliche Verfahren. „Die sind einzuhalten. Das kann Westfleisch einklagen.“ Dass die Verhältnisse in der Fleischindustrie sich nun grundsätzlich zugunsten der Arbeitnehmer verbessern werden, sei auch „ein totaler Erfolg“ der SPD-Politik, so Vogt.

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