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DGB-Ortschef Heinz Dickhoff zum zweiten Maifeiertag ohne Kundgebung

„Frischer Wind für Arbeitnehmerrechte“

Coesfeld. Heute ist Tag der Arbeit. Wegen der Corona-Pandemie verzichtet der DGB auf die traditionelle Kundgebung auf dem Marktplatz. Unser Redaktionsmitglied Detlef Scherle sprach mit dem Ortsvorsitzenden Heinz Dickhoff darüber, wie es sich anfühlt, nun schon zum zweiten Mal aussetzen zu müssen, und wie es aus DGB-Sicht um die Arbeitnehmerrechte in Coesfeld bestellt ist.

Allgemeine Zeitung

Der Letteraner Heinz Dickhoff hält es für einen Skandal, dass es auch in einigen größeren Coesfelder Unternehmen keinen Betriebsrat gibt. Zum 1. Mai fordert er ferner eine Sozialversicherungspflicht für osteuropäische Erntehelfer in der Landwirtschaft und prangert die prekären Arbeitsverhältnisse beim Ausbau des Glasfasernetzes in Coesfeld an. Foto: az

Herr Dickhoff, normalerweise stünden sie am 1. Mai mit roter IG BAU Fahne auf dem Marktplatz. Was macht das mit Ihnen, dass das nun schon zum zweiten Mal in Folge nicht geht?

Heinz Dickhoff: Das tut richtig weh. Der 1. Mai ist für uns ein wichtiger Tag. Der Arbeiter-Kampftag. Den kann man eigentlich nicht ausfallen lassen. Das tut doch Not, zumindest einmal im Jahr den Arbeitgebern und den Politikern kräftig auf die Füße zu treten.

Wie steht es denn um die Arbeitnehmer-Rechte in der Stadt Coesfeld. Eigentlich doch alles in Butter. Oder?

Heinz Dickhoff: Nein, überhaupt nicht. Unter zwölf Euro sollte niemand arbeiten müssen. Und solche prekären Beschäftigungsverhältnisse nehmen wieder zu. Auch in Coesfeld. Häufig sind Arbeitnehmer aus osteuropäischen Ländern betroffen, die teils menschenunwürdig untergebracht werden, wie wir es jetzt wieder in Billerbeck gesehen haben. Sie werden Corona oft ohne wirklichen Schutz ausgesetzt – und das alles für einen extrem niedrigen Lohn von neun bis zehn Euro, was sich später bei der Rente dann noch einmal rächt.

In welchen Branchen sehen Sie da die größten Probleme?

Heinz Dickhoff: In der Fleischindustrie haben wir als Gewerkschaften mit Druck schon einiges erreicht. Darauf können wir stolz sein. Aber mittlerweile werden osteuropäische Mitarbeiter zu unwürdigen Bedingungen in vielen Bereichen eingesetzt. Zum Beispiel auch beim Glasfaserausbau in Coesfeld. Wir haben versucht herauszufinden, wo die Kolonnen untergebracht werden. Aber das erfährt man nicht. In Kürze beginnt die Erntesaison. Erntehelfer arbeiten hart, ohne Krankenversicherung und stehen am Schluss ganz ohne Rentenansprüche da. Statt 70 Tage dürfen sie von den hiesigen Bauern auch dieses Jahr wieder 115 Tage ohne Sozialversicherung beschäftigt werden. Das haben CDU und SPD in Berlin trotz unseres Protestes durchgedrückt. Es ist ein sozialpolitisches Desaster, dass wir diese Debatte jedes Jahr neu führen und die Bundesregierung jedes Jahr wieder vor der Landwirtschaftslobby einknickt.

Wie sollte es Ihrer Ansicht nach geregelt sein?

Heinz Dickhoff: Der DGB und die IG BAU fordern ein Ende der Sonderregelungen für die Saisonarbeit bei der Ernte und die volle soziale Absicherung der Beschäftigten, egal woher sie kommen. Alle sind für Europa. Das heißt aber auch, dass wir Wanderarbeiter aus anderen europäischen Ländern bei uns vor Ausbeutung schützen und sie regulär wie deutsche Mitarbeiter anstellen müssen.

Das hätte dann aber Auswirkungen auf die Erdbeer- und Spargelpreise, die die Verbraucher zahlen müssen.

Heinz Dickhoff: Ja, aber das sollte es uns wert sein. Es geht um die Würde des Menschen, nicht des Spargels.

Herr Dickhoff, das bundesweite Motto der 1.-Mai-Aktion des DGB lautet dieses Jahr „Solidarität ist Zukunft“. Was verstehen Sie darunter?

Heinz Dickhoff: Dass die Gewerkschaftsbewegung wieder stärker werden muss. Wir brauchen frischen Wind für Arbeitnehmerrechte, weil die Arbeitgeber – vielfach durch die Hintertür – wieder dabei sind, sie peu à peu einzukassieren. Viele Coesfelder Betriebe, auch ganz große, haben keinen Betriebsrat. Das ist ein Skandal. So wie die jungen Leute bei „Fridays for Future“ erkannt haben, dass wir nur gemeinsam das Klima retten können, muss auch in Sachen Arbeitnehmerrechte an einem Strang gezogen werden.

Wie wollen Sie das erreichen? Die Zeichen scheinen eher darauf zu stehen, dass jeder für sich alleine kämpft.

Heinz Dickhoff: Wir werden als Gewerkschaften an vielen Stellen weiterhin die Finger in die Wunde legen und hoffen, dass die Menschen erkennen, wie wichtig Solidarität ist, um Veränderungen zu erreichen. Auch der Austausch und die Geselligkeit sind uns dabei wichtig. So planen wir im August eine gemeinsame Fahrradtour zu den Wildpferden in Merfeld mit anschließendem Grillen, sofern das dann möglich ist.

Ist die Bundestagswahl in diesem Jahr auch ein Thema?

Heinz Dickhoff: Parteipolitisch sind wir neutral. Aber wir werden uns trotzdem in den Wahlkampf einmischen und die Leute auffordern, nur Kandidaten zu wählen, die sich klar zu Arbeinehmerrechten bekennen und das auch tatsächlich in Politik umsetzen.

Was machen Sie denn heute Morgen, wo nichts stattfindet?

Heinz Dickhoff: Was genau, weiß ich noch nicht. Ich genieße den freien Tag. Nächstes Jahr sind wir dann aber auf jeden Fall wieder auf der Straße.

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