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Johannes Krechting (35) wohnt seit einem Jahr in einer Obdachlosen-Unterkunft

„Ich halte das nicht mehr aus“

Coesfeld

Am Rande im Nordosten der Stadt steht in einer Sackgasse ein alter roter, zweieinhalbgeschossiger Klinkerbau, der sich deutlich von den schmucken Einfamilienhäusern in der Nachbarschaft am Darfelder Weg unterscheidet. Überall auf der Rasenfläche am Haus liegt Müll verstreut, der offensichtlich zum Teil von manchen Bewohnern aus dem Fenster geworfen worden ist. Rings ums Haus sind Rattenfallen aufgestellt worden. Die Grünanlagen wirken völlig ungepflegt.

Johannes Krechting ist vor einem Jahr in die Obdachlosen-Unterkunft am Darfelder Weg eingezogen und prangert die dortigen Zustände an. Einige Mitbewohner werfen den Müll einfach aus dem Fenster. Foto: Fotos: Manuela Reher

„Das ist aber nicht das Schlimmste, denn im Haus herrschen unhaltbare Zustände“, sagt Johannes Krechting, der seit einem Jahr in diesem Haus, einer Obdachlosen-Unterkunft der Stadt Coesfeld, lebt. Der 35-Jährige hat sich mit seinem neuen vorübergehenden Zuhause noch nicht arrangiert. Das Gebäude hat sieben Wohnungen. In einer davon lebt er mit drei weiteren Männern zusammen, die sich einen Schlafraum teilen. Krechting hat einen eigenen kleinen Bereich, den er, so gut es geht, sauber halten möchte. Auf einem kleinen Tisch stehen Reinigungsmittel, Raumdeo und Desinfektionsspray.

Die vier Männer teilen sich Bad und Küche. Herd und Kühlschrank, Wände und Fußböden sind extrem verschmutzt; ein Küchenschrank ist komplett zusammengebrochen und kaum mehr nutzbar. Im Bad führen dicke Kalkschichten und Schimmel das Regiment. Als Essplatz stehen ein Tisch und ein Stuhl zur Verfügung.

„Ich halte das nicht mehr aus, den Schmutz und den Gestank“, sagt der gebürtige Coesfelder. Als er eingezogen sei, habe er Küche und Bad gründlich geputzt. Doch er komme mit dem Reinigen nicht mehr nach. Seine Mitbewohner kümmere das wenig. Daher berühre er alle Oberflächen nur mit Toilettenpapier.

Auf der dünnen, verschimmelten Schaumstoffmatratze finde er kaum Schlaf. Manchmal werde in seinem Etagenbett ein fünfter Bewohner einquartiert, sodass die Wohnverhältnisse noch beengter seien. „Ich lebe seit einem Jahr aus dem Koffer“, sagt Krechting und zeigt auf einen winzig kleinen Kleiderschrank.

Niemals hätte er gedacht, dass es einmal in einer Obdachlosen-Unterkunft landen würde, sagt der 35-Jährige. Nach seinem Abitur habe er eine Ausbildung als Heilerziehungspflegehelfer absolviert und danach ein Studium der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule in Münster begonnen. Das habe er allerdings nach neun Semestern abgebrochen. „Damals ist viel zusammengekommen“, sagt Krechting mit Blick darauf, dass sich zu dieser Zeit seine langjährige Freundin von ihm getrennt habe und er die gemeinsame Wohnung verlassen habe. Außerdem habe er einen Studienkredit tilgen müssen.

Er habe zahlreiche Bewerbungen für eine Wohnung verschickt. Doch weder in Coesfeld noch anderswo bekomme er eine geeignete Wohnung. „Immer wieder gibt es Absagen“, zeigt sich Krechting resigniert.

„Meine aktuelle Wohnungssituation belastet mich sehr. Alles ist extrem verschmutzt und in einem desolaten Zustand. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeiten. Die permanente Lärmbelästigung durch einige meiner Mitbewohner macht mich fertig. Man stumpft ab“, sagt der 35-Jährige.

Seine Nachbarin im Haus, eine ältere Frau, berichtet von Wut- und Gewaltausbrüchen einiger Bewohner. „Das kommt alles von dem Drogen- und Alkoholkonsum“, sagt sie und fügt hinzu: „Manchmal habe ich Angst um mein Leben.“ Falls ein Streit eskaliere, sei die Polizei stets schnell zur Stelle, aber Mitarbeiter der Stadt würden sich dort selten sehen lassen. „Uns hilft keiner“, sagt Johannes Krechting, Manche Bewohner würden sich bewusst selbst verletzen, um aus der Obdachlosen-Unterkunft weggeholt zu werden.

Der 35-Jährige hofft, dass er binnen Jahresfrist endlich eine Wohnung findet. Eine Arbeit habe er bereits gefunden: im Garten- und Landschaftsbau. Heute freue er sich auf seinen ersten Arbeitstag. Zuvor habe er Leistungen nach dem SGB II bezogen und lange nach einer Beschäftigung gesucht. „Ich mache neuerdings Sport in der DJK-Karate-Abteilung“, erzählt er. Auch einen Englisch-Kurs in der Volkshochschule habe er belegt.

Er gehe ganz offen mit seiner derzeitigen Situation um und hat das feste Ziel, an Weihnachten nicht mehr in der Notunterkunft wohnen zu müssen und mit seinem Leben nicht in der Sackgasse zu landen, die er in der städtischen Einrichtung ständig vor Augen habe.

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