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Heute (9. 5.) wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden

„Ich würde ihr sagen, dass sie die Größte ist“

Coesfeld. Vor ein paar Tagen erst hat Barbara Adams-Heidbrink die Noten der Oper „Weiße Rose“ noch einmal hervorgeholt. 35 Jahre ist es her, dass sie selbst Teil dieser Oper war. Sie verkörperte Sophie Scholl, Widerstandskämpferin in der NS-Zeit. Schon immer spielte die Musik im Leben von Adams-Heidbrink eine wichtige Rolle, sie selbst singt, seitdem sie neun Jahre alt ist, wie die Billerbeckerin erzählt. Ohne eine Gesangsstunde zu nehmen, sang sie damals an der Hochschule in Köln für ein Studium für Gesangspädagogik vor – mit Erfolg. Schon während des Studiums war sie als Opernsängerin engagiert. Das war der Beginn ihrer Karriere, die ihr wenige Jahre später auf den Städtischen Bühnen Münster die Rolle der Sophie Scholl bescherte. Warum Barbara Adams-Heidbrink die Rolle zuerst drei Mal zurückwies und wie sie heute über Scholl denkt, die am morgigen Sonntag ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, erzählt sie im Interview.

Leon Seyock

1986 verkörperte Barbara Adams-Heidbrink in der Oper „Weiße Rose“ Sophie Scholl im Theater Münster, wo sie neun Jahre lang als Opernsängerin engagiert war. Seit 1994 arbeitet die Billerbeckerin als Lehrerin an der Musikschule in Coesfeld, Sophie Scholl und die Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ hat das gesamte Leben lang eine besondere Bedeutung für Adams-Heidbrink. Foto: privat

Frau Adams-Heidbrink, wie hat es sich zugetragen, dass Sie die Rolle der Sophie Scholl übernehmen sollten?

Barbara Adams-Heidbrink: 1984 war eine Vakanz an den Städtischen Bühnen in Münster frei. Ich habe dort vorgesungen, dabei braucht man wirklich starke Nerven. Aber das Glück war mir hold und bis 1992 war ich fest im Ensemble des Theaters. Als ich zwei Jahre dort war, sollte laut Spielplan die Oper „Weiße Rose“ aufgeführt werden, die kurz zuvor von Udo Zimmermann komponiert wurde. So wurde mir die Rolle der Sophie Scholl zugetragen. Von Anfang an war das eine besondere Aufgabe und eine große Ehre für mich. Das Stück bestand nur aus zwei Personen – Randall Mann, der Hans Scholl spielte, und mich. Ich wundere mich heute manchmal selbst, wie ich das singen konnte, denn die Anforderungen an uns Sänger, was Stimmumfang und Ausdruck betrifft, waren außerordentlich hoch. Deshalb habe ich die Noten drei Mal zurückgegeben, letztendlich konnte ich aber doch davon überzeugt werden, als Hauptdarstellerin die Oper zu singen.

Welche Bedeutung hatte und hat Sophie Scholl damals und heute für Sie?

Adams-Heidbrink: Für mich ist sie die größte Widerstandskämpferin aller Zeiten. Sie hatte so viel Mut und war bereit, für ihre Überzeugung zu sterben. Ich betrachte das heute mit einer unglaublichen Bewunderung. Natürlich habe ich mich für meine Rolle sehr mit ihr und der Weißen Rose auseinandergesetzt, und noch heute bekomme ich Herzklopfen, wenn ich von ihr und dem Widerstand lese.

Wie würden Sie die Persönlichkeit von Sophie Scholl beschreiben?

Adams-Heidbrink: Sie war eine ganz normale, junge Frau. Sie hatte einen Freund, rauchte und war Studentin. Vor ihrer Verhaftung arbeitete sie zudem als Kindergärtnerin. Sie war ein sehr sinnliches Wesen, und könnte eine Frau von heute gewesen sein.

Welche Gedanken und Gefühle umtrieben Sie, als Sie genau diese Person verkörperten?

Adams-Heidbrink: Man muss als Darsteller aufpassen, dass man nicht die Distanz zu der Rolle verliert. Natürlich muss bei der Inszenierung die Seele der Person durchblicken, sein inneres Theater muss man nach außen transportieren, wenn man es so sagen möchte. Beispiel: Man selbst als Opernsängerin darf in dem Stück nicht weinen. Unsere Aufgabe ist es, mit der Verkörperung die Zuschauer zum Weinen zu bringen. Ich habe immer alles gegeben, aber in einem kontrollierten Rahmen.

Was waren die emotionalsten Momente während der Aufführungen?

Adams-Heidbrink: Die 75-minütige Oper gab etwa die Stunde vor der Hinrichtung wider. Der emotionalste Moment war somit das Ende. Die Hinrichtung wurde mit einem Black Out inszeniert. Alle Lichter gingen aus, das Theater war dunkel und ich habe wahnsinnig geschrien. Ich weiß, dass das auch das Publikum berührte, denn es herrschte lange Stille, geklatscht wurde erst später. Generell habe ich viele persönliche Momente und Sehnsüchte aus ihrem Tagebuch auf die Bühne gebracht. Zu Beginn musste ich mehrere Minuten im Liegen und mit einer Augenbinde singen, die im Laufe der Oper abgenommen wurde. Das hatte die Intention, dass sie sehenden Auges in den Tod läuft.

Was haben Sie aus der Inszenierung für Ihr weiteres Leben mitgenommen?

Adams-Heidbrink: Sie und die gesamte Widerstandsbewegung spielten schon immer eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich habe mich sehr mit den Schicksälen der Kämpfer auseinandergesetzt, auch wegen persönlicher Betroffenheit in der eigenen Familie. Ich habe auch heute immer den Drang danach, gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen und meine Stimme dagegen zu erheben.

Was würden Sie Sophie Scholl gerne sagen, wenn Sie sie treffen würden?

Adams-Heidbrink: Ich würde ihr sagen, dass sie die Größte ist. Für mich ist sie eine Ikone. Es ist außergewöhnlich, dass sich so ein junges Mädchen an die Front einer Widerstandsbewegung setzt und für ihre Überzeugung letztendlich den Tod in Kauf genommen hat. Meine Botschaft ist: Solche Verbrechen dürfen nie wieder passieren. Wehret den Anfängen.

Instagram-Serie „Ich bin Sophie Scholl“

Anlässlich des 100. Geburtstages von Sophie Scholl am heutigen Sonntag holt die Serie des BR und SWR „Ich bin Sophie Scholl“ die Geschichte der Widerstandskämpferin auf Instagram ins Hier und Jetzt. Sophie Scholl, gespielt von Luna Wedler, lässt ihre User emotional in nachempfundener Echtzeit an den letzten zehn Monaten ihres Lebens, vor ihrer Hinrichtung, teilhaben. Dazu postet sie auf „ihrem“ Instagram-Account Momente aus ihrem Alltag. „Ich weiß, wie wichtig Instagram für die junge Generation ist“, kommentiert Barbara Adams-Heidbrink dazu. Sie unterstütze es, Scholls Leben und ihre Botschaft „aus den Geschichtsbüchern zu holen“ und für junge Menschen aufbereitet zu übermitteln.   -lsy-

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