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Zeitzeugen-Gespräch in der Stadtbücherei

Kassiererin rettete Heinz Jaeckel und seiner Mutter das Leben

Coesfeld

Im Jahr 2021 gibt es seit 1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland. Ein Jubiläum, zu dem bundesweit verschiedenste Veranstaltungen ausgerichtet werden, um dessen Facetten sichtbar und erlebbar zu machen. In Coesfeld macht ein Zeitzeugengespräch mit Heinz Jaeckel, zu dem das Stadtarchiv und Stadtmuseum „Das Tor“ eingeladen haben, den Anfang.

Von Ursula Hoffmann

Im Gespräch mit Stadtarchivar Norbert Damberg (l.) berichtet Heinz Jaeckel, der lange Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Münster war und seit 1990 in Hamburg lebt, von seinem Leben als Jude im Münsterland. Foto: Foto: Ursula Hoffmann

In der Stadtbücherei begrüßt Bürgermeisterin Eliza Diekmann ein interessiertes Publikum zu diesem „unglaublich wichtigen Anlass“ und verleiht ihrer Erschütterung Ausdruck, dass das Festjahr überschattet ist von antisemitischen Angriffen auf jüdische Gemeinden in der ganzen Welt. Im Gespräch mit Stadtarchivar Norbert Damberg macht Jaeckel, der von 1977 bis 1990 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Münster war, an Hand seiner Biografie deutlich, wie sich jüdisches Leben nach 1945 entwickelt hat. Jaeckel ist 1943 geboren. Fast beiläufig erklärt er, „da gab es ziemliche Schwierigkeiten“. Toni, eine Frau, die im Konsum an der Kasse saß, hat ihn und seine Mutter versteckt. „Es gab eine Menge Menschen, die so oder ähnlich überlebt haben“, betont Jaeckel.

Bewusste Erinnerungen an diese Zeit hat er nicht mehr. Seine Eltern hielten alles Negative von den Kindern fern, sodass er mit Überzeugung sagen kann: „Wir hatten eine wunderschöne Jugend.“ Im Wohnzimmer des Hauses der Jaeckels in Münster hat sein Onkel nach 1945 gemeinsam mit Paul Spiegel (später Präsident des Zentralrats der Juden) und anderen die jüdische Gemeinde von Münster gegründet.

Zu der Zeit gab es 50 Juden im Münsterland, die die Shoah überlebt hatten, Menschen, so Jaeckel, die schlimmste Erlebnisse hinter sich hatten. Jaeckel berichtet vom Bau der Synagoge in Münster (1961), von der Jugendarbeit, die er dort übernommen hat und von einer zunehmenden Darstellung nach außen, während in den ersten Jahren die Gemeinden unter sich blieben.

Mit der Übernahme des Vorsitzes baute Jaeckel die Beziehung zu Israel aus („Ohne Israel wäre gar kein jüdisches Leben hier möglich.“) und prangert immer wieder aufflammenden Antisemitismus an. Er berichtet von der Integration von 200 000 Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion, wo sie ihre Religion nicht ausüben durften, nach Deutschland gekommen sind und hier die jüdischen Gemeinden vergrößerten. Seine Frau, die aus Chile stammt und Großeltern aus vier verschiedenen Ländern hat, lernte er in Israel kennen („Unsere Familie ist über die ganze Welt verteilt“).

Im Anschluss an das Gespräch gibt es eine intensive Diskussion mit dem Publikum. „Antisemitismus ist ein Problem der Gesellschaft, nicht der Juden“, betont Jaeckel und fordert eine stärkere Auseinandersetzung damit. Sein Vorschlag: alle Schüler mal in eine Synagoge bringen, damit sie mit Juden reden. Auch der Konflikt in Israel kommt sehr kontrovers zur Sprache. „Es war ein Fehler, aus Israel nach Deutschland zurückzukehren“, lautet Jaeckels bitteres Resümee, das uns allen zu denken geben sollte.

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