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Musa Malistani schreibt mit einem afghanischen Journalisten, der sich vor den Taliban versteckt hält

Kontakt nach Kabul reißt langsam ab

Coesfeld

Das Smartphone steht auf Lautsprecher. Nur das monotone Freizeichen erfüllt den Raum. Auf dem Display erscheint das Foto von Mohammad Asif Sahar. Doch der afghanische Journalist geht nicht ran. „Er steht bei den Taliban auf einer schwarzen Liste und muss sich jetzt in Kabul mal hier und mal dort verstecken“, sagt Musa Malistani über seinen guten Freund. Er blickt auf die Wanduhr. „Jetzt ist es dort 21 Uhr“, stellt Malistani fest. Doch die Sorgenfalten auf seiner Stirn deuten bereits an, welche Befürchtungen sich dahinter verbergen.

Von Florian Schütte

Javahir und Musa Malistani machen sich Sorgen um ihren Freund Mohammad Asif Sahr (kleines Foto), der sich in Kabul vor den Taliban versteckt hält. Trotz mehrmaliger Versuche schlägt die Kontaktaufnahme fehl. Foto: Foto: Florian Schütte

„Er hat mir alle seine Dokumente geschickt“, zeigt Malistani auf sein Smartphone, auf dem er Führerschein, Presseausweis, Lebenslauf etc. in loser Abfolge nach unten scrollt. „Ich habe beim Auswärtigen Amt angerufen, aber die können nichts machen“, bedauert Malistani. Mohammad Asif Sahar hat in Afghanistan bei verschiedenen Fernsehsendern gearbeitet und auch Demonstrationen gegen die Taliban organisiert. „Sein Bruder ist Lehrer und hat ihm geholfen. Jetzt haben beide ihr Haus verloren“, berichtet Malistani von der Flucht seines Freundes. „Er hat aber Angst, zum Flughafen zu gehen.“ Denn dort könnten die Taliban bereits auf ihn warten. Musa Malistani startet noch einen Videoanruf. Das Freizeichen ertönt – doch niemand geht ran. „Hoffentlich ist nichts passiert.“

Wer jetzt noch in Afghanistan sei, für den sehe Malistani kaum eine Chance. „Es gibt ja kein Amt mehr dort und das deutsche Konsulat arbeitet auch nicht mehr“, benennt Malistani das Dilemma.

Seine erste Erinnerung an die Taliban reicht lange zurück. „Ich war ein kleines Kind. Sie haben meinen Onkel gesucht, der damals in der Politik war. Als sie mitten in der Nacht kamen und ihn nicht fanden, haben sie meinen Vater aus dem Haus gezerrt und verprügelt“, erinnert sich der junge Afghane.

Vor sechs Jahren ist der heute 29-Jährige mit seiner Frau Javahir und seiner kleinen Tochter auf dem Rücken aus Afghanistan geflohen. Schon damals hätten die Taliban versucht, seinen Heimatort Ghazni einzunehmen – nun war es einer der ersten Orte, die den Islamisten in die Hände fielen. „Die Taliban machen ihre eigenen Regeln. Der Islam lehrt nicht, dass man eine andere Person umbringen kann“, schimpft Malistani auf die Taliban. Er versucht es nun mit einer Sprachnachricht, an seinen Freund. Ein normaler Telefonanruf funktioniert gar nicht. „Die Taliban haben die Telefonmasten kaputt gemacht“, weiß der gelernte Steinmetz, der zurzeit eine Ausbildung bei der Autolackiererei Resing macht. Nächstes Jahr steht die Gesellenprüfung an. Seine Frau Javahir hat gerade die Ausbildung zur Köchin im Kloster Gerleve abgeschlossen. „Darauf bin ich schon stolz“, sagt die 28-Jährige, die gerade die Kinder auf ihr Zimmer gebracht hat. Denn als die beiden 2015 nach ihrer beschwerlichen Flucht in Deutschland angekommen waren, konnten sie kein Wort Deutsch. „Wir haben nur den Willkommenskurs gemacht. Weitere Kurse durften wir als Afghanen nicht belegen“, spielt Javahir Malistani auf die damals unsichere Aufenthaltsperspektive an. Die kürzlich verstorbene Coesfelderin Monika Elsbecker hatte sich daraufhin der Malistanis, die mittlerweile zu viert sind, angenommen. Noch heute schwärmen sie von der Unterstützung durch die Familie Elsbecker. „Die waren wirklich wie Eltern für uns“, sagt Musa Malistani – mittlerweile in gut verständlichem Deutsch – voller Dankbarkeit.

Für Javahir Malistani steht fest, dass sie nie wieder zurück nach Afghanistan will. „Ich hatte ja Hoffnung, irgendwann meine Familie und Freude wiederzusehen, aber durch die Situation jetzt habe ich keine Hoffnung mehr“, fügt ihr Mann Musa hinzu. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass ihr Freund Mohammad Asif Sahar es noch irgendwie raus schafft. Musa Malistani startet einen letzten Versuch. Wieder ertönt das Freizeichen und lässt irgendwo in Kabul das Telefon klingeln, und klingeln, und klingeln...

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