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Vier Mitglieder von „Coesfeld for Future“ im Interview

„Nicht nur der Eisbär verliert die Scholle“

Coesfeld

Der Weltklimarat hat in seinem jüngsten Bericht noch mal eindringlich vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. Bereits 2030 erwarten die Wissenschaftler eine Erhöhung der globalen Temperatur um 1,5 Grad, wenn nicht schnell gehandelt wird. Dadurch verliere längst nicht mehr nur der Eisbär seine Scholle - auch der Lebensraum des Menschen sei zunehmend bedroht. Unser Redaktionsmitglied Leon Seyock sprach darüber und über die jüngsten Naturkatastrophen mit Susanne und Jens Keull sowie Heike und Ansgar Engelmann von „Coesfeld for Future“.

 Von Leon Seyock

Jens Keull (von links), Susanne Keull, Heike Engelmann und Ansgar Engelmann erläutern, wie eine klimafreundliche Zukunft aussehen muss und was jeder dazu leisten kann. Foto: Leon Seyock

Überflutungen in Deutschland, schwere Unwetter in der Schweiz, Brandherde im Mittelmeerraum, Starkregen und Überschwemmungen auch in China. Wie beurteilen Sie diese jüngsten globalen Ereignisse?

Jens Keull: Katastrophen, die die Wissenschaft schon vor 30 Jahren vorausgesagt haben, treffen jetzt ein. Es geht schon lange nicht mehr nur um den Eisbär, der seine Eisscholle verliert, sondern um viel mehr. Auch in Deutschland werden Existenzen zerstört, wie wir rund um Ahrweiler gesehen haben.
Ansgar Engelmann: Fakt ist, dass diese Katastrophen in den Ausmaßen und der Quantität weltweit zunehmen. Die Überflutung in Deutschland hat gezeigt, dass auch wir davon betroffen sind. Es ist erschreckend zu sehen, dass einige ihre Häuser dort gar nicht wieder aufbauen möchten.
Heike Engelmann: Man hat früher viel von Hochwasser und anderen Klimakatastrophen gelesen und im TV gesehen, aber durch unseren eigenen Einsatz vor Ort wurde mir die Dramatik erst richtig bewusst. Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich Existenzängste. Alle Wissenschaftler sind sich mittlerweile einig, dass es die Klimakrise gibt und dass das Wetter, wie wir es jetzt erleben, damit zusammenhängt. Das steht außer Frage.

Inwiefern?

Ansgar Engelmann: Wenn die Polkappen schmelzen, sinken die Temperaturunterschiede zwischen Tropen und Arktis. Das hat letztendlich den Effekt, dass sich der Jetstream verlangsamt und wir längere Phasen der Dürre, aber auch des Starkregens erleben.
Susanne Keull: Unwetter bleiben dadurch länger an einem Ort. Dadurch, dass immer mehr CO2 ausgestoßen wird, verstärkt sich dieser Effekt immer weiter. Wenn wir heute klimaneutral leben würden, dann würde unsere heutige Situation noch in 80 Jahren die gleiche sein. Wissenschaftler sagen, dass wir noch zehn Jahre haben, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Wir müssen also richtig Gas geben. Wir befinden uns in einer absoluten Krise. Und ein bisschen Klimaschutz reicht da nicht.

Auch früher gab es bereits Klimaveränderungen und Unwetter mit verheerenden Folgen. Stimmt diese Behauptung?

Heike Engelmann: Ja, allerdings geht es heute um die Intensität und Häufigkeit. Beides nimmt dramatisch zu. Das lässt sich am Beispiel Ahrweiler festmachen: Früher hätte man von einem besonderen Unwetter gesprochen. Allein die Überlegung, ob Betroffene überhaupt in dieser Region ihr Leben neu aufbauen möchten, spricht Bände. Damals ist niemand von Überflutungen in diesem Ausmaß ausgegangen.
Jens Keull: Teilweise sind die Häuser weggeschwommen. Wäre der Wasserstand etwa einen Meter geringer, hätten viele sicherlich mehr Glück gehabt. Und da wären wir wieder bei der Veränderung des Jetstreams: Das Wasser wäre nicht so hoch angestiegen, wenn die Unwetter schneller weitergezogen wären. Was aber passieren kann, haben wir jetzt im vollen Ausmaß gesehen.
Heike Engelmann: Wir und auch unsere Kinder sind bisher in absoluter Sicherheit aufgewachsen. Das wird jetzt komplett auf den Kopf gestellt.

Was muss sich Ihrer Meinung nach also grundlegend ändern?

Susanne Keull: Die Politik muss sich die Klimaneutralität als Ziel setzen. Und zwar möglichst schnell. Das neue Klimaschutzgesetz sieht das im Jahr 2045 vor. Das ist aber viel zu spät, man bedenke die 80 Jahre, von denen die Rede war. Zunächst muss die Politik den entsprechenden Rahmen zur Verfügung stellen. Die Verkehrswende etwa muss unbedingt eingeleitet werden – weg vom Auto, rauf aufs Rad oder in die Bahn. Das geht aber nur mit einer engen Verzahnung von Gesellschaft und Politik. Auch die Stadt hat dabei eine besondere Hebelwirkung.
Heike Engelmann: Jede Entscheidung, egal ob im Stadtrat oder auf Bundesebene, muss an der Klimakrise bemessen werden. Was schadet dem Klima? Was ist gut? Diese Fragen muss man sich bei jeder Entscheidung stellen.
Jens Keull: Auch in der Industrie muss sich viel verändern. Zum Beispiel muss sich der Trend hin zu erneuerbaren Energien verstärken.

Handelt die Politik in Ihren Augen also zu lasch?

Heike Engelmann: Die Bundespolitik möchte niemandem wehtun. Wir müssen die Notbremse ziehen, aber die Politik traut sich nicht. Dabei geht es nicht darum, ob wir die Lebensqualität verringern. Es geht auch nicht um Verbote. Jeder muss die Dringlichkeit der Situation verstehen und anpacken, weil es letztendlich alle betrifft.

Klimaschutz heißt doch nicht automatisch Verringerung der Lebensqualität?

Ansgar Engelmann: Das ist eben der Punkt. Beispiel: Wenn ich eine Eisdiele besuchen möchte, kann ich mit dem Auto hinfahren. Ich kann aber den Besuch genauso gut mit einer Fahrradtour verbinden. Das ist doch etwas Schönes, und mindert nicht die Lebensqualität. Ganz im Gegenteil: Sie kann dadurch sogar gestärkt werden.

Was muss jeder Einzelne jetzt tun?

Jens Keull: Jeder sollte sich umfassend über die Klimakrise informieren. Denn erst dann wird das dramatische Ausmaß deutlich. Susanne Keull: Man selbst sollte in den Spiegel schauen und überlegen, ob der eigene Lebensstil noch angebracht ist. Schließlich möchten wir unseren Kindern mit der Erde ein Geschenk überlassen. Im Moment nehmen wir ihnen diese aber.
Heike Engelmann: Es muss das Bewusstsein geschärft werden, dass jeder etwas tun kann. Damit ist kein Perfektionismus gemeint, aber die Gesellschaft muss rauskommen aus der Bequemlichkeit.

Welche Konsequenzen müssen aus den Katastrophen wie etwa in Ahrweiler gezogen werden?

Ansgar Engelmann: Wir müssen zwingend die CO2-Einsparpotenziale nutzen.
Heike Engelmann: Und dafür gibt es 1000 Beispiele. Man kann Bäume pflanzen, Photovoltaik-Anlagen errichten, sein eigenes Haus besser dämmen, auf Fleisch verzichten, politisch aktiv werden. Wir wissen, dass wir allein die Welt nicht retten können. Bewegungen wie ,Fridays for Future’ können der Motor sein und weiter für den Klimaschutz kämpfen. Mein Wunsch ist es, dass diese Organisationen irgendwann überflüssig werden. Weil das klimabewusste Handeln selbstverständlich wird.

Wagen Sie einen weiteren Blick in die Zukunft. Wo stehen wir in 20 oder 30 Jahren?

Susanne Keull: Es gilt, die Kipppunkte (siehe Infobox) im Blick zu haben und in den kommenden zehn Jahren das 1,5-Grad-Ziel nicht zu überschreiten. Und dazu gibt es bereits tolle Innovationen wie PV-Anlagen und vieles mehr. Es gibt viele Menschen, die sich Gedanken machen, um das System zu verbessern. Auch gesellschaftlich gibt es tolle Beispiele, wenn man sich vor Augen führt, welch große Bewegung Greta Thunberg ausgelöst hat – weltweit. Das ist aus der Not heraus geboren, und viele junge Menschen sind dadurch politisch aktiv geworden. Wenn das alles verknüpft wird, dann kann etwas Großartiges daraus entstehen.
Jens Keull: Wir müssen lernen, wieder im Frieden mit der Natur und in unseren planetaren Grenzen zu leben.

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