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Wegen nicht auskömmlicher Erzeugerpreise

Rahmann vernichtet seine Erdbeeren

Coesfeld

Der Mulcher zieht eine Schneise der Verwüstung durch das Erdbeerfeld in Harle. Nur noch ein paar Stoppeln bleiben übrig, wo kurz zuvor noch erntereife Pflanzen standen. Andreas Rahmann vernichtet seine Erdbeeren lieber, als diese an den Einzelhandel zu liefern. Doch wie kam es dazu?

Von Falko Bastos

„Wir haben noch nie so wenig bekommen für unsere Produkte“, sagt Rahmann. Der Adressat seines Ärgers: die Einzelhandelskonzerne. Mehrere von ihnen beliefert der Coesfelder Obstbauer. Doch die Großhändler diktieren die Preise. „In diesem Jahr spielt der Einzelhandel seine Marktmacht besonders aus.“ Das Druckmittel: die günstigere Importware aus Südeuropa. „Der Einzelhandel nimmt lieber spanische Erdbeeren, weil da die Marge höher ist.“

„Die sagen: Ihr müsst ja liefern. Aber ich liefere nicht. Dann vernichte ich es lieber“, sagt Rahmann. Sieben Euro verliere er pro Kiste – wenn er liefere. 1,60 Euro bis 1,70 brauche er pro Schälchen (500 Gramm), um über die Runden zu kommen. Der Handel zahlt ihm 1,01 Euro. Verkauft wird das Schälchen im Supermarkt dann für 2,99 Euro.

Bereits im vergangenen Jahr habe er 100 000 Euro verloren. Die Kosten sind seitdem bekanntlich dramatisch gestiegen: sei es für Dünger, für Sprit oder für Personal. Der Verkaufspreis im Lebensmitteleinzelhandel sei dagegen annähernd gleich geblieben. Mit anderen Worten: Das Geschäft mit dem Lebensmitteleinzelhandel lohnt sich für ihn nicht mehr. Stattdessen möchte Rahmann sich ab dem nächsten Jahr komplett auf die Direktvermarktung konzentrieren.

Knapp drei Hektar ist das Feld groß, auf dem Rahmann seine Ernte vernichtet hat. Dies entspreche einem Umsatz von 120 000 Euro. Auf den freien Flächen will er noch in diesem Jahr Mais anbauen, um den Verlust etwas zu begrenzen.

Rahmann sieht das Problem nicht nur beim Handel, sondern auch beim Verbraucher. Denn der entscheide schließlich. Es fehle einfach die Wertschätzung für heimische Lebensmittel. „Den meisten ist egal, woher es kommt, solange es billig ist.“ Es könne doch nicht sein, dass immer von Klimaschutz geredet werde und dann die Erdbeeren 2000 Kilometer transportiert würden. „Und bei uns verrotten die auf dem Acker.“ Durch die vielen Preissteigerungen habe sich die Sensibilität für Preisunterschiede noch vergrößert.

Aber muss man deshalb Lebensmittel vernichten? „Was soll ich denn machen?“, fragt Rahmann. Mit Verlust zu liefern sei keine Option. Die Ware zu verschenken, sei ebenfalls schwierig, wenn er sie gleichzeitig verkaufe. „Ich habe lange mit mir gerungen“, erklärt er. Vier Nächte lang habe er nicht geschlafen. Als der Mulcher durch das Feld mit erntereifen Pflanzen gezogen sei, habe er geweint. „Ich weiß, dass es moralisch verwerflich ist, Lebensmittel zu vernichten. Aber ich muss wirtschaftlich denken.“

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