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Zwei Mitarbeiterinnen der VHS erzählen, wie sie selbst Deutsch lernten und nun lehren

Wenn Sprache zum kulturellen Kapital wird

Coesfeld. Auch wenn sie die ersten sechs Jahre ihres Lebens in Kambodscha groß geworden ist, dann mit ihrer Familie Ende der 70er nach Deutschland flüchtete und anfangs nur chinesisch gesprochen hat, ist für Y Cheau Deng Deutsch ihre Muttersprache. „Sprache hat für mich mit kultureller Identität zu tun und ist daher unglaublich wichtig, gerade für Migranten. Sie ist kulturelles Kapital“, so die Fachbereichsleiterin der Volkshochschule für Sprachen und Literatur. „Als wir Kambodscha verlassen haben, bekannten sich meine Eltern zu ihrer Herkunft, sagten, dass wir nun Chinesen seien und sprachen auch nur im chinesischen Süddialekt mit mir – obwohl wir in Deutschland lebten. Ich habe anfangs gar nichts verstanden.“ Deutsch habe Y Cheau Deng erst in der Schule gelernt.

Jessica Demmer

Y Cheau Deng und Angelika Wolfers sind in Kambodscha und Weißrussland groß geworden, haben selbst Deutsch gelernt und unterrichten diese Sprache nun als Zweitsprache an der Volkshochschule. Foto: Jessica Demmer

Dass Migranten ihre Muttersprache in einem fremden Land weiterhin beibehalten und auch der zweiten Generation beibringen, sei für sie besonders wertvoll. „Alles andere würde bedeuten, dass man seine Wurzeln verleugnet. Aber erst durch sie erhält man doch seine eigene Identität.“ Nur weil man in Deutschland lebe, müsse man nicht ausschließlich nur Deutsch sprechen, plädiert Y Cheau Deng für eine Sprachenvielfalt. Jeder Muttersprachler sei somit nicht nur Sprach- sondern auch Kulturexperte.

Kambodschanisch kann sie heute noch verstehen, aber nicht mehr sprechen. Hochchinesisch hat sie studiert, ebenso Deutsch. Beides beherrscht sie perfekt in Schrift und Sprache und doch ist für sie Deutsch die Muttersprache. „Ich kann mich hier am besten ausdrücken. Auch wenn Chinesisch bildhafter ist.“ Deutsch sei für Chinesen nicht schwer zu lernen. „Es ist eine sehr systematische Sprache mit vielen Regeln“, so Y Cheau Deng. Wobei Schreiben und Sprechen zwei paar Schuhe seien. „Im Chinesischen gibt es einfach kein ‘R’, deshalb ist die Aussprache nicht ganz so einfach.“ Dass sie selbst einmal Deutsch unterrichte, eine Sprache, die sie erst selbst erlernen musste, hatte sie anfangs nicht gedacht. „Wenn mir das jemand als Kind erzählt hätte, hätte ich gelacht“, sagt sie.

In einer ähnlichen Lage befindet sich auch Angelika Wolfers. Sie lebt seit neun Jahren in Deutschland, kommt aus Weißrussland. Für sie selbst ist die Definition der Muttersprache nicht ganz so einfach, denn: „In der Schule haben wir unsere Literatur oft auf weißrussisch gelesen, die Behördensprache ist Russisch.“ Ihre beiden Kinder wachsen ebenfalls zweisprachig auf. „Mit meinem Mann sprechen sie deutsch, mit mir russisch“, so Angelika Wolfers. „Sie haben dadurch zwei Muttersprachen und können beliebig wechseln“, freut sich die Dozentin für Deutsch als Zweitsprache sowie Projektmitarbeiterin der VHS und wird dabei von Y Cheau Deng bestärkt: „Sie sollten beide Sprachen auch weiterhin pflegen. Es ist ein Erbe, das so bereichernd ist. Sie können dann selbst irgendwann entscheiden, was ihre Muttersprache ist. Und man kann zwischen beiden Sprachen wechseln, ohne dass die Identität wackelt.“

Das sieht manch einer noch anders, erzählt Angelika Wolfers. „Als ich mit meinen Kindern neulich auf der Straße russisch gesprochen habe, rief mir ein älterer Herr zu, dass ich doch wieder dahin gehen sollte, wo ich herkomme.“ Rassismus sei hin und wieder Teil ihres Alltags. Das hat auch Y Cheau Deng schon erlebt. „Das sind Momente, die einen tief treffen, weil man aus seinem Alltag gerissen wird. Wir fühlen uns hier heimisch, denken gar nicht darüber nach, dass unsere Wurzeln woanders liegen.“ Denn Heimat, so Y Cheau Deng, sei ein Gefühl. Heimat sei dort, wo die Familie ist. Und die lebt in Deutschland. Schon seit Jahren.

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