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Jürgen Wiebicke liest aus seinem Buch „Sieben Heringe“

Intensive Gespräche vor dem Tod

Darup

Bei „Sieben Heringe“ handelt es sich nicht um ein Gericht auf einer Speisekarte zu Karfreitag, sondern um die jüngste Veröffentlichung des Kölner Journalisten Jürgen Wiebicke. Vor vier Jahren war der Moderator von „Das philosophische Radio“ bereits mit seinem Titel „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ mit einer Lesung bei „Kunst & Kultur Nottuln“ zu Gast. „Das war so bereichernd und nachhaltig beeindruckend, dass wir uns schon sehr darauf freuen, diesen klugen und ausgesprochen gut reflektierten Autoren wieder bei uns begrüßen zu dürfen“, erklärt die Vorsitzende Ulla Wolanewitz.

Jürgen Wiebicke führte mit seinen Eltern vor ihrem Tod intensive Gespräche über ihre Erlebnisse im Krieg und im Nationalsozialismus, um ihre Erinnerungen für die Nachwelt zu bewahren. Foto: Foto: Bettina Fürst-Fastré

Am Mittwoch (13. Oktober, 20 Uhr) liest Jürgen Wiebicke aus seinem Buch „Sieben Heringe – Meine Mutter, das Schweigen der Kriegskinder und das Sprechen vor dem Sterben“ im Alten Hof Schoppmann in Darup.

Was wissen wir wirklich über das Leben unserer Eltern, der Kriegskinder? Wann ist der richtige Zeitpunkt, zum Archäologen des eigenen Lebens zu werden und die Eltern zu befragen?

Jürgen Wiebicke folgt den Berichten seiner Eltern, die konfrontiert mit dem Tod von einer radikalen Offenheit getrieben sind und ihre Erlebnisse nicht mehr für sich behalten wollen. Der Tod eines Menschen ist vergleichbar mit dem Brand einer Bibliothek. Bestimmte Geschichten können anschließend nicht mehr erzählt werden. In dieser Hinsicht ist der Tod ein großer Vernichter.

Als sich für die Mutter von Jürgen Wiebicke das Lebensende abzeichnet, wollte er es besser machen als beim Tod des Vaters. Mit beiden führte er – in dieser Intensität zum ersten Mal – Gespräche über deren Leben und Erfahrungen, damit die Erlebnisse der Generation, die Krieg und Nationalsozialismus als Jugendliche miterlebt hat, nicht mit dem Tod verschwinden. Doch nur bei der Mutter schrieb er mit. Alles aufzuschreiben scheint besonders wichtig, weil die Geschichtsleugner und Hassbereiten wieder aus den Löchern kriechen, während die letzte Generation der Zeitzeugen abtritt. Liegt das auch daran, dass Zyklen von Krieg und Frieden mit verblassender Erinnerung zusammenhängen?

„Spuren von Vergangenheit verschwinden nicht, wenn politische Verhältnisse sich ändern. Ich nenne es das Nazigift. Das war in den Körpern und Seelen nicht nur meiner Eltern, sondern in einer ganzen Gesellschaft. Es ist ablagert im Bereich des Unbewussten“, macht der Autor deutlich. „Es gibt bestimmte Prägungen, Kindheitsmuster und Härten, die Biographien so stark geprägt haben, dass meine Eltern – wie viele andere Eltern auch – Dinge weitergegeben haben, ohne dass sie das bewusst entschieden hätten.“

Jürgen Wiebicke erzählt exemplarisch von einer Generation, die den Krieg mit voller Wucht abbekam, und zieht die Parallelen zur heutigen Zeit. Er schreibt über das Sterben und den Tod in der heutigen Gesellschaft, für die der Umgang mit dem Thema Endlichkeit immer problematischer wird.

Wer wissen möchte, wie es zum Titel des Buches kam und wer anspruchsvolle Literatur mag, die auch dazu anregt, die eigenen Spurensuche zum besseren Verstehen aufzunehmen, der sollte sich rechtzeitig die Teilnahme an dieser Autorenlesung sichern. 7 Karten gibt es ab sofort bei Dammann – Alles für ein schönes Zuhause (VVK 12 €) oder online unter: kunst-kultur-nottuln.de und gegebenenfalls noch an der Abendkasse (14 €).

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