Familie Kanaan hat an der Westerhiege ihr Zuhause gefunden - kurz vor der Geburt des fünften Kindes

Neue „Herberge“ zum Weihnachtsfest

Darup. Kanaan, der Name ist nicht nur im christlichen Abendland ein Begriff. Im Alten Testament definiert sich unter diesem Namen das gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen. Eine sehr schöne, positive Symbolik also, die mit diesem Namen einhergeht.

Ulla Wolanewitz

Die Familie Kanaan hat lange im Übergangswohnheim gelebt. Jetzt freut sie sich, dass sie ein neues Zuhause an der Westerhiege gefunden hat: (v.l.) Amir, Asmaa al Moustafa und Mohammed mit Tochter Rahaf, Abdulhadi und Zaid (vorne). Foto: Ulla Wolanewitz

Seit ein paar Tagen steht er an einem Türschild in der Westerhiege. Für die sechs-, bald siebenköpfige syrische Familie ist das neue Zuhause ein kleines Stückchen gelobtes Land, in jedem Fall aber die Erfüllung eines lang gehegten mit viel Geduld begleiteten Traumes. „Ein echter Lottogewinn“, sagt Adulhadi Kanaan. Er ist das Älteste der Kanaan-Kinder und vor fünf Jahren alleine aus Syrien gekommen.

Besuchern, die wissen möchten, ob sein wohlklingender Hausname etwas mit der Stadt in Israel zu tun hat, erklärt er mit einem Augenzwinkern: „Mit der Stadt in Palästina!“. Beide geographischen Verortungen sind so richtig wie sie falsch sind und die Wahrheit liegt – wie so oft – in der Mitte oder drumherum. Kanaan war ein Landstrich mit Menschen einer hochentwickelten Kultur, das die Israeliten entdeckten, als sie aus Ägypten hierher zogen. Dieser Landstrich umfasst heute Teile Palästinas, Israels, des Libanon, Syriens und Jordaniens.

Abdulhadi ist nicht nur der Älteste, sondern auch der Pionier der Familie, mittlerweile auch der „Familienmanager“. Mit 14 Jahren verließ er seine Heimatstadt Hama, um dem Krieg und dem damit drohenden Einsatz an der Waffe zu entfliehen. Die Stadt, mit etwa einer halben Million Einwohnern, liegt zwischen Aleppo und Damaskus in einer Ackerbauebene, die der Fluss Orontes, so fruchtbar macht. Sein Vater arbeitete 30 Jahre als Fernfahrer, transportierte Baustoffe in die Türkei, den Libanon und auch nach Dubai, bis der Krieg ausbrach.

Abdulhadi kam über die Fluchtroute Türkei-Lesbos nach Deutschland und fand zunächst – als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling – in einer Wohngruppe der Alexianer Martinistift in Appelhülsen ein temporäres Zuhause.

Während er flott Deutsch lernte, sich den Hauptschulabschluss am Nottulner Gymnasium erarbeitete, den Realschulabschluss an einer Gesamtschule in Münster und das Fachabi in Bautechnik am Berufskolleg ablegte, setzte er nebenbei alles daran seine Familie nachzuholen.

Kein einfaches Unterfangen. Denn: Geflüchtete, die einen gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland haben, dürfen zwar ihre Eltern nachholen, nicht aber ihre Geschwister. Ihre Kinder zu sich holen, dürfen danach wiederum nur die Eltern, wenn ihr Aufenthaltsstatus ebenso gesichert ist. „Warum das so ist? Die Logik dahinter, konnte mir niemand so wirklich erklären“, macht der 19-Jährige deutlich. Aber Ausdauer und Hartnäckigkeit sind zwei Eigenschaften, die er in den letzten Jahren ausgiebig trainiert hat, trainieren musste.

Von hier aus organisierte er via Internet seinen Eltern einen Termin in der deutschen Botschaft im Libanon, um eben an die notwendigen Visa zu gelangen. Von Beirut starteten Asmaa und Mohammed – zwei Jahre nach Abdulhadi – ihren Flug Richtung Deutschland. Hinter sich: die schwierige Entscheidung, ihre drei weiteren Kinder zunächst bei Verwandten zurücklassen zu müssen. Dann dauerte es nochmal zwei Jahre bis die anderen Geschwister 2019 auch nachreisen durften. Eine lange Zeit der Ungewissheit für alle Beteiligten. Während der Älteste in Münster lebt, weil er dort eine Ausbildung zum Beton- und Stahlbetonbauer absolviert, lebte die fünfköpfige Familie in einem der neuen Übergangswohnheime. „Die Wohnungen sind super. Doch für eine Familie dieser Größe mit 33 Quadratmetern sehr klein“, erklärt Christiane Gottschalk als eine der betreuenden Patinnen, die sich für die Kanaans starkmachte. Letztendlich mit gutem Erfolg.

Seit ein paar Tagen wohnt die Familie Kanaan in ihrer neuen Herberge, mit Balkon und Garten in der oberen Westerhiege. „Der Vermieter ist sehr freundlich und höflich“, übersetzt Abdulhadi den Familientenor. Mit seiner Mutter hat er sich schon bei einigen Nachbarn vorgestellt, aber „die Namen haben wir nicht alle behalten“, gesteht er schmunzelnd. Andersherum ist das sicherlich einfacher. Zumal sich zu Kanaan eine biblische Eselsbrücke anbietet.

Die achtjährige Rahaf danach befragt, was das Beste in der Schule ist, antwortet spontan und deutlich: Alles! Besonders viel Spaß hat sie an der Spieluhr, dem Geschenk einer Patin, das sie Gästen gerne vorstellt. Zu hören gibt es von ihr Beethovens „Freude schöner Götterfunken“. Welche Melodie könnte sich besser eignen als die Europahymne – zum Ankommen an dem Ort, der die neue Heimat bedeutet?

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