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Afghanische Familie mit Unterstützung der Tafel Gescher wieder vereint

Am Flughafen fließen Freudentränen

Gescher

Wenn sich Aynuddin Ahmadshah darin erinnert, wie er seinen Sohn Ismail (2) zum ersten Mal gesehen hat, gleitet ein Lächeln über sein Gesicht. Wenige Wochen ist es her, dass er seine Frau Karimi Ghamar und sein jüngstes Kind am Flughafen Düsseldorf in die Arme schließen konnte. Fast zwei Jahre war er von ihnen getrennt, musste seine hochschwangere Frau in einem Flüchtlingscamp in Griechenland zurücklassen, um für seine anderen Kinder eine sichere Bleibe zu finden. In Gescher ist der Afghane im Wohnheim an der Feldstraße untergekommen und rasch ein verlässlicher Helfer im Tafelteam geworden. „Er ist unser Mann für alle Fälle“, schmunzelt die 2. Vorsitzende Christa Sibbing. Sie und ihr Team sind froh, dass die Familienzusammenführung gelungen ist. Möglich wurde dies durch eine Spende von Maria Bröcker und durch die Unterstützung von Rechtsanwalt Wilhelm Brefeld bei der Regelung der komplexen Ausreiseformalitäten.

Von Jürgen Schroer

Familie Ahmadshah mit sechs von sieben Kindern – der älteste Sohn lebt eigenständig in Köln – in den Räumen der Tafel Gescher. Christa Sibbing (4.v.r.) und Maria Bröcker (2.v.r.) sind froh, dass die Zusammenführung der afghanischen Familie geklappt hat. Foto: Foto: Jürgen Schroer

Die Familie stammt aus einer ländlichen Gegend nordöstlich von Kabul. Dort sind schreckliche Dinge geschehen, von denen Aynuddin aufgrund der Sprachbarriere nur bruchstückhaft erzählen kann. Seine Eltern, sagt er, sind erschossen worden, er selbst sei auf dem Markt in Kabul angeschossen worden – er hebt seine Hand, an der ein Finger fehlt. 2019 wagte die Familie mit sechs Kindern die Flucht und begab sich mit einem alten Auto – später teilweise auch zu Fuß – auf die riskante und weite Fahrt. Über Pakistan, Iran und die Türkei gelangte die Familie schließlich unter vielen Entbehrungen, aber unverletzt nach Griechenland. Dort hauste die Familie unter schwierigen Bedingungen in einem Camp und hatte keine Perspektive. Der Familienvater konnte etwas Geld verdienen. Mit fünf Kindern gelang ihm Anfang 2022 die Ausreise, aber ohne seine schwangere Frau.

Vater und Kinder landeten schließlich in Gescher. Hier hat er Lebensmittel von der Tafel abgeholt „und direkt mit angepackt“. „Dann haben wir uns bei einem Kaffee zusammengesetzt und seitdem gehört er zu unserem Team“, erzählt Christa Sibbing. Der Wunsch, der getrennten Familie zu helfen, nahm Gestalt an, als Maria Bröcker der Tafel durch den Verkauf von Bildern eine Spende von 1300 Euro zukommen ließ. Damit ließen sich die Flugkosten von Griechenland nach Deutschland bestreiten. Aber dann begann der übliche Kampf mit der Bürokratie: „Wir wussten anfangs nicht einmal, wo genau sich Frau und Kind aufhielten“, so Christa Sibbbing. Brefeld, der die Tafel in Gescher von Beginn an unterstützt hat, recherchierte bei den griechischen Behörden und regelte alles – als „Touristin“ durfte die Afghanin schließlich das Camp verlassen. Mit einem Handyfoto aus dem Flugzeug kam das Signal, dass sie wirklich unterwegs war und in Düsseldorf landen sollte.

„Aber auch dort lief längst nicht alles reibungslos“, erinnert sich Christa Sibbing an den Ankunftstag. Mit ihrem Mann Reinhold, Aynuddin Ahmadshah und dessen Sohn fuhr sie zum Flughafen, wo der Flug aus Athen deutliche Verspätung hatte. Als der Flieger endlich gelandet war, tauchten Frau und Sohn nicht auf. Weder Zoll noch Polizei gaben Auskunft. Da hatten die Gescheraner die Sorge, dass etwas schiefgegangen sein könnte. Brefeld schaltete sich telefonisch ein und erhielt die Information, dass alles noch dauert. „Aber es sieht gut“, lautete seine Botschaft.

Am Ende warteten die Abholer rund sechs Stunden, bis der Sohn von Aynuddin einen Freudenschrei ausstieß und „da kommt Mama“ rief. Vater Aynuddin staunte, wie flink der kleine Ismail schon auf den Beinen war. Und dann flossen erst einmal Tränen der Freude bei den lange getrennten Familienmitgliedern. „Wir wollten dieses herzergreifende Wiedersehen eigentlich mit dem Handy fotografieren, aber das haben wir in der Aufregung ganz vergessen“, erzählt Christa Sibbing.

Ende gut, alles gut? Fast. In Deutschland war die Anmeldung von Frau und Kind mit einer wahren Odyssee verbunden. Die Behörden in Gescher, Borken und Bochum waren nicht zuständig, und in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes NRW in Unna Massen wurden Frau und Kind schließlich acht Wochen lang festgehalten. Mittlerweile sind sie im Aufnahmelager in Münster untergekommen und dürfen von dort tageweise nach Gescher kommen. „Der Aufenthaltsstatus ist also noch in der Schwebe“, weiß Rita Dingermann.

Aynuddin Ahmadshah hat dagegen schon Bleiberecht, die größeren Kinder besuchen nach den Sommerferien Kindergärten und Schulen in Gescher. Für den Familienvater ist das alles schon viel besser als das, was ihm und seinen Lieben in den vergangenen Jahren widerfahren ist. Und für die Unterstützung des Tafelteams und der Gescheraner fallen dem 47-Jährigen sofort die passenden Worte ein: „Danke, danke!“

0 Das Tafelteam möchte Familie Ahmadshah bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung unterstützen. Ansprechpartnerin ist Rita Dingermann, Tel. 6706.

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