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Gescheraner Feuerwehrleute haben beim Einsatz im Hochwassergebiet Dramatisches erlebt

„Bilder wie nach Bombenangriff“

Gescher

Es sind Bilder, die Christian Nolte und seine Feuerwehrkollegen nie mehr vergessen werden. „So stelle ich mir die Szene nach einem Bombenangriff im Krieg vor. Weltuntergang“, sagt der Feuerwehrchef. Elf Gescheraner sind nach dem Starkregen am Mittwoch im Zuge der überörtlichen Hilfe abends ins Katastrophengebiet bei Euskirchen entsandt worden und haben dort 24 Stunden um Menschenleben gekämpft, eine dramatische Szene nach der anderen erlebt. In einem Fall kam jede Hilfe zu spät: In einem leergepumpten Keller entdeckten die Helfer unter einer Tür einen älteren Mann, ertrunken. „Es ist unvorstellbar, was den Menschen dort widerfahren ist. In 36 Jahren bei der Feuerwehr habe ich nichts Schlimmeres erlebt“, zeigte sich Nolte bewegt.

Von Jürgen Schroer

Ein Bild der Verwüstung bot sich den Feuerwehrleuten im Zentrum von Odendorf, wo die Regenfluten Hauswände, Autos und Straßenteile mit sich gerissen hatten. Die Helfer durchsuchten die beschädigten Häuser und Fahrzeuge, um Menschen aus Notlagen zu befreien. Foto: Fotos: Feuerwehr Gescher

Während Gescher verschont geblieben ist, hat die Regenflut andere Landstriche komplett verwüstet. Der Kreis Borken bildet zusammen mit der Berufsfeuerwehr Bottrop eine Einheit, die im Katastrophenfall zur überörtlichen Hilfe eingesetzt wird. Mittwochabend war es so weit, gegen 21 Uhr kam die Alarmierung. Elf Feuerwehrleute aus Gescher machten sich mit dem hiesigen Bundesfahrzeug auf den Weg und gelangten über Treffpunkte in Raesfeld und Bottrop in den Kreis Euskirchen. Von dort wurde die Einheit Borken/Bottrop mit rund 50 Fahrzeugen in den kleinen Ort Odendorf geschickt. „Schon die Anfahrt war abenteuerlich“, berichtet Nolte. Über überflutete Straßen und Nebenstrecken kämpften sich die Helfer von Dorf zu Dorf durch. In der Morgendämmerung erreichten sie den Ort und sahen ungläubig, was der Orbach, vom Rinnsal zum reißenden Strom angeschwollen, angerichtet hatte. Zerstörte Gebäude und Autos, weggespülte Straßen, Unrat und Schlamm, verzweifelte und durchnässte Menschen, die auf der Suche nach Angehörigen durch die Straßen irrten. Etliche Leute hatten sich über eine Leiter auf das Dach des Aldi-Marktes gerettet und dort die letzten Nachtstunden verbracht. „Da wurde uns die Dramatik so richtig bewusst“, berichtet Nolte.

Auftrag der Feuerwehr war es, in den Häusern und Fahrzeugen nach Menschen zu suchen. Die örtliche Schule, etwas höhergelegen, wurde als Notquartier genutzt. Dort wurden bis zu 50 Personen untergebracht und betreut. Was die Feuerwehrleute bei ihren Suchaktionen erlebt haben, lässt sich kaum in Worte fassen. Manches ist traurig oder schrecklich, manches ist aber auch gut ausgegangen. „In einem Fall wurde eine Frau vermisst. Nachbarn vermuteten sie im überfluteten Keller, sie war aber längst bei ihrem Sohn“, so Nolte. Vielfach stand das Wasser bis zur Oberkante Erdgeschoss. Retten konnte die Feuerwehr einen verzweifelten Mann, der beim Gassigehen von den Wassermassen überrascht worden war und aus einem Baum geholt wurde. Das Schicksal seiner Frau, die mit ihm unterwegs war, ist bis dato ungeklärt.

In den Obergeschossen der Gebäude fanden die Helfer mehrfach bettlägrige Menschen, die sich nicht helfen konnten. Sie wurden dem Rettungsdienst übergeben, einige kamen ins Krankenhaus. Eine Seniorin saß in ihrem Haus apathisch bis zur Hüfte im Schlamm, mit ihrem Hund auf den Schoß. „Sie hat keinen Ton gesagt, nicht gerufen“, schilderte Nolte das Erlebte. Leichen haben die Helfer tatsächlich nur eine gefunden, nämlich den ertrunkenen Mann im Keller. Es sei aber zu vermuten, dass aus den Pkw-Wracks weitere Opfer weggespült worden seien.

Verschärft wurde die Dramatik, weil die Handynetze zusammengebrochen waren und die Wehrleute von allen Informationen abgeschnitten waren. Da gab es tagsüber Gerüchte über einen Defekt der Hauptgasleitung im Ort oder dass der Damm der nahegelegenen Steinbachtalsperre gebrochen sei und tödliche Fluten drohten. „Da war uns schon sehr mulmig“, so Nolte. Glücklicherweise hätten sich diese Gerüchte nicht bestätigt.

Am Spätnachmittag wurde die Einheit ausgelöst, am Abend waren die erschöpften Gescheraner wieder zu Hause. Feuerwehrkollegen machten das Fahrzeug direkt wieder startklar, damit es gestern nach Weisweiler ausrücken konnte, um beim Kellerauspumpen zu helfen.

Bei Nolte wirkte das Erlebte gestern noch nach: „Da haben viele Menschen Angehörige, Häuser und ihre gesamte Existenz verloren.“ Bei den anlaufenden Spendenaktionen sei großzügige Unterstützung angebracht.

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